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Soziologe Sofsky „Die Freiheit ist kein Idyll, sondern eine Aufgabe“

Terroranschläge und Entführungen schüren ein Klima der Angst. Aber wie viel Sicherheit brauchen wir? Der Soziologe Wolfgang Sofsky über Terrorgefahren, Kontrolle und die Verteidigung der Privatsphäre.

© dpa Vergrößern „Zum einen bestreite ich, dass Sicherheit überhaupt möglich ist”

Schrecken, Gewalt und Sicherheit sind die großen Themen des Soziologen Wolfgang Sofsky. Er seziert ihre Mechanismen und zieht, immer unerbittlich, die Konsequenzen für Denken und Handeln. Sofsky, 55, lehrte als Professor in Göttingen und Erfurt. Er arbeitet heute als freier Autor. Für „Die Ordnung des Terrors - Das Konzentrationslager“ erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis. Am 22. August erscheint bei C. H. Beck sein neues Buch „Verteidigung des Privaten“. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Sofsky über Terrorgefahren, Kontrolle und die Verteidigung der Privatsphäre.

Herr Sofsky, selbst in der Führung von CDU und CSU herrscht Unverständnis über die Vorschläge von Innenminister Wolfgang Schäuble zur Terrorbekämpfung. Der Bundespräsident hat Kritik geäußert, die Bundeskanzlerin Distanz erkennen lassen. Funktionieren die Reflexe zur Verteidigung der Freiheit also doch?

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Schön wär's. Ich bin sicher, dass Schäuble sehr viel mehr Zuspruch bekommen hätte, wenn er die Vorschläge anders verpackt und im Vorfeld besser abgestimmt hätte. Es ist ja nicht so, dass die Etatisten aller Parteien solche Maßnahmen nicht unterstützten. Er hat sie ungeschickt plaziert. Schäuble versteht sich als Speerspitze. Er testet aus, wie weit man zurzeit vorpreschen kann, und räumt damit präventiv ein Feld frei, das beim nächsten Mal umso rascher besetzt werden kann. Das gehört zu einer Politik der Gewöhnung von oben. In ein paar Monaten wird manches sukzessiv eingeführt worden sein.

Wolfgang Sofsky © Wilder Vergrößern „Zu großer Menschenfreundlichkeit besteht überhaupt kein Anlass”: Wolfgang Sofsky

Dann ist das Bild von Schäuble, das in den letzten Wochen entstanden ist, irreführend? Man hat ihn ja fast zu einer Art Fall stilisiert: der „Angstmach-Minister“, der auch noch im Rollstuhl sitze, also wegen seiner eigenen körperlichen Schwäche die Schwächen des Staates umso weniger ertrage.

Er steht überhaupt nicht alleine da. Bei der Online-Überwachung ist man schon fast einer Meinung. Gemeinsam ist der Trend, Notstandssituationen, Ausnahmezustände per Gesetz vorausschauend ausdefinieren zu wollen. Das ist absurd. Vorsorge ist uferlos. Die Geschichte hält immer Überraschungen bereit. Und die Extremisten wären schwache Feinde, wenn sie sich nicht etwas Neues einfallen ließen oder durch Online-Überwachung beeindruckt wären. Sie werden wieder zu alten Formen der Nachrichtenübermittlung übergehen, Kuriere schicken, Termine absprechen, wie es die Tupamaros in Uruguay in den siebziger Jahren getan haben: Keiner kannte den anderen, man traf sich am Tatort zu einer bestimmten Uhrzeit, verständigte sich mit ein paar Zeichen, dann ging es los. Dazu braucht man kein Internet. Wenn Extremisten einen Anschlag vorhaben, schaffen sie es auch mit den einfachsten Mitteln.

Der „große Lauschangriff“ war in den neunziger Jahren noch ein Skandal. Jetzt hält es kaum noch jemand für nötig, das Private zu verteidigen. Wie kommt das? So bedroht können wir uns vom Terror doch gar nicht fühlen?

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