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Sozialphilosoph Peter Furth im Interview : „Die 68er-Revolte hat eine Wächtergeneration hinterlassen"

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Peter Furth - Sozialphilosoph und Doktorvater von Rudi Dutschke Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Die Woge um die 68er-Revolte, die sich im Mai zum vierzigsten Mal jährte, ist verebbt. Die Frage, was war, macht der Frage Platz, was daraus wurde. Peter Furth, Doktorvater Dutschkes, ist überzeugt: Die Linke ist aus den 68ern siegreich hervorgegangen.

          Peter Furth, ehemals Professor an der FU, Doktorvater Rudi Dutschkes und geistiger Impulsgeber von 68, hat frühere Ideen verraten, um sich selbst halbwegs treu bleiben zu können. Für ehemalige Weggefährten ist er deshalb ein Abtrünniger und Verräter. Doch er selbst sagt: Wer einmal Aufklärer ist, bleibt Aufklärer.

          Herr Furth, Sie haben einst bei Adorno als studentische Hilfskraft gearbeitet, waren im Sozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv und haben Rudi Dutschkes Promotion betreut. Heute kritisieren Sie die „Unterwerfungsbereitschaft“ und den „Konformismus“ auf der Linken. Was halten Ihre früheren Weggefährten davon?

          68 hat eine Wächtergeneration hinterlassen; man darf als jemand, der einmal als dazugehörig betrachtet wurde, nicht glauben, dass heute irgendetwas unbemerkt geäußert oder auch nur gedacht werden könnte. Ich bekomme E-Mails, Anrufe, Vorwürfe über Dritte. Es heißt, ich sei ein Abtrünniger und Verräter. Ich selbst war früher auch so: Meinen Schwiegervater, der als Jude und Sozialdemokrat in Buchenwald war, habe ich als deutsch-nationalen Bonzen gebrandmarkt. Das bereue ich heute. Er war einer der wenigen wirklichen Republikaner, der als Fraktionsführer im preußischen Landtag wusste, dass man für eine Republik Volk und Nation braucht. Ein Mann wie Tucholsky hatte nur Verachtung dafür. Er hat Weimar nicht wirklich verteidigt.

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          Was genau stört die „Wächter“ an Ihnen?

          Ich glaube, es sind meine Hypothesen über die Rolle des Antifaschismus, den ich heute untersuche, wie ich in meiner Doktorarbeit in den fünfziger Jahren den Rechtsradikalismus untersucht habe. Meines Erachtens ist der Antifaschismus ein moralisches Herrschaftsmittel, das der Ausgrenzung von Andersdenkenden dient. Ein so erfolgreiches Instrument lässt man natürlich nicht so ohne Weiteres kritisieren. Die Achtundsechziger sind es schließlich gewohnt, kultureller Hegemon zu sein. Das macht dumm.

          Nicolás Gómez Dávila, ein reaktionärer Aphoristiker, schreibt: „Die subtile Interpretation jedes Ereignisses scheint dem Linken immer suspekt.“ Sind Linke einfältiger als Rechte?

          Im Allgemeinen kann man sagen, dass Linke genauso dumm oder so klug sind wie alle, die Weltanschauungen produzieren oder pflegen, um damit an Machtkämpfen teilzunehmen.

          Ist die Linke siegreich aus 68 hervorgegangen?

          Ohne Zweifel. Als Kulturrevolution hat 68 gewonnen, ihr Siegespreis ist die politische Korrektheit, die allenthalben zu einer semantischen Politik geführt hat. Nach ihrem Sieg haben sich die Achtundsechziger zurückgelehnt. Sie glaubten, nichts mehr dazulernen zu müssen. Ihr Problemstand kennzeichnet sich durch den inflationären Gebrauch der Vorsilbe Neo, eine Feindbezeichnung, die alles beim Alten lässt; überall Neoliberale und Neokonservative, bezeichnenderweise aber keine Neosozialisten. Die größere Lernchance in der Geschichte haben wohl eher die Verlierer.

          Sie selbst haben sich mit den Themen Erinnerung und Enttäuschung auseinandergesetzt. Lohnt es sich heute noch, an die Achtundsechziger zu erinnern?

          Oh ja! Aus 68 kann man zweierlei lernen: Zunächst, dass es eine unvermeidbare Differenz gibt zwischen dem, was man will und denkt, und dem, was ist und was wird. Aus Demokratisierung wurde Modernisierung, das heißt die Anpassung der Rollen und Mentalitäten an die Konsumverheißungen von Massendemokratie und entfesseltem Kapitalismus. Die Achtundsechziger haben in dem absoluten Glauben, moralisch im Recht zu sein, versucht, sich über die Conditio humana, über die Dinge, die Natur hinwegzusetzen. Kein Gott und keine Autorität, keine Rücksicht schien ihnen mehr nötig, der Mensch selbst war ihnen Weg und Ziel. Wer nicht auf dem Weg zur emanzipierten Menschheit mitmachte, wurde aus der Menschheit ausgegrenzt. Das ist etwas anderes, als aus einem Ruderverein geworfen zu werden.

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