07.07.2009 · Selten war die Gelegenheit günstiger, den Anliegen des geistlichen Oberhauptes der weltgrößten Glaubensgemeinschaft weit über deren Grenzen hinaus Gehör zu verschaffen. Doch die Sozialenzyklika von Papst Benedikt ist nicht nur sprachlich ein schwerverständliches Konvolut.
Von Daniel DeckersSelten hat ein Papst länger an einem Lehrschreiben gearbeitet, selten war das Thema aktueller und selten die Gelegenheit günstiger, den Anliegen des geistlichen Oberhauptes der weltgrößten Glaubensgemeinschaft weit über deren Grenzen hinaus Gehör zu verschaffen.
Doch die dem Thema Globalisierung gewidmete Enzyklika „Caritas in veritate“, die nun mit zweijähriger Verzögerung am Vorabend des Treffens der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen vorgestellt wurde, ist nicht nur sprachlich ein schwerverständliches Konvolut. Auch inhaltlich lassen die Autoren, unter denen der Papst nur einer von vielen war, wohlmeinende Leser eher ratlos zurück.
Sicher fehlt es in dem jüngsten wie schon in allen älteren Lehrschreiben, die Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung betreffen, nicht an scharfsinnigen Beobachtungen, treffenden Wertungen und visionären, vielleicht sogar utopischen Gedanken: Sextourismus als ein perverser Auswuchs der Globalisierung, unveräußerliche Grundrechte für Migranten, verantwortungsbewusstes Unternehmertum, ethische Investitionen, Mangel an Religionsfreiheit, faire Regeln für den Welthandel, Misswirtschaft in Entwicklungsländern, auf fast jeder der 73 Seiten zeigt sich das Lehrschreiben auf der Höhe der Zeit.
Doch nur selten gelingt es, die widersprüchliche Natur vieler Phänomene so auf den Punkt zu bringen wie auf dem Feld der Ökologie, auf dem die Forderung nach Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit („Umweltökologie“) einhergeht mit einer immer schrankenloseren gesellschaftlichen Verfügung über das unveräußerliche Recht auf Leben des Einzelnen, sei es an dessen Beginn, sei es an dessen Ende („Humanökologie“).
Um Remedur dieser wie aller anderen Verfehlungen ist der Papst nicht verlegen: Die Rettung der Welt besteht darin, jedem Relativismus abzuschwören und das moralische Verhalten vom Einzelnen bis zur Weltgesellschaft an den Forderungen des Naturrechts auszurichten – und diesen mittels einer echten politischen Weltautorität Geltung zu verschaffen. Selten kam eine Enzyklika hermetischer daher, bar jeden Bestrebens, den Dialog mit der zeitgenössischen politischen Philosophie von liberal bis kommuntaristisch zu suchen und die Brücke zu anderen Weltreligionen zu schlagen. Soziallehre als katholisches Selbstgespräch – ein Trauerspiel.
Enzyklika
Raphaël Baeriswyl (LordActon)
- 07.07.2009, 20:39 Uhr
Wer nicht beten will, wird fühlen
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 07.07.2009, 20:59 Uhr
Die FAZ kritisiert den Papst ?
Paul Rabe (heidelpaul)
- 08.07.2009, 00:40 Uhr
journalistisches Selbstgespräch
Jakob Cornides (cornija)
- 08.07.2009, 00:57 Uhr
Katholisches Selbstgespräch (neueste Sozialenzyklika Benedikts XVI.)
Wilhelm Kratochwil (wrkp)
- 08.07.2009, 01:05 Uhr
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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