12.03.2006 · Slobodan Milosevic ging über Leichen. Er war aber kein serbischer Chauvinist. Er verstand es nur, den Nationalismus für sich zu nutzen.
Von Michael MartensDie beiden häufigsten Irrtümer zu seiner Person werden ihn wahrscheinlich um viele Jahre überleben: Slobodan Milosevic war weder ein großserbischer Nationalist noch ein Diktator, auch wenn das oft über ihn behauptet worden ist. Ein Diktator wäre er sicher gern gewesen, doch das ließ weder die Zeit zu noch das Volk, zu dessen Führer er sich, mit dessen mehrheitlicher Unterstützung, aufgeschwungen hatte. Doch die Begeisterung schwand, wirklich demokratische Wahlen hätte Milosevic schon wenige Jahre nach seinem Aufstieg nicht mehr gewonnen.
Also griff er in die Trickkiste. Als Präsident von Serbien beziehungsweise seines selbstgebauten Klein-Jugoslawien (bestehend nur noch aus Serbien und Montenegro) stützte er sich auf Geheimdienstler, einen willkürlichen Justiz- und Polizeiapparat und die staatlichen Medien. Einige Merkmale klassischer Diktaturen aber fehlten seinem Regime: Es gab in Serbien stets auch Oppositionelle mit eigenen Medien, es waren Gegenstimmen vernehmbar, jedenfalls in Belgrad und den größeren Städten. Freilich, Milosevic versuchte seine Gegner nach allen Regeln der Kunst einzuschüchtern, zur Not in einigen Fällen wohl auch gewaltsam zu beseitigen wie seinen einstigen Förderer Ivan Stambolic. Doch nie war seine Herrschaft so umfassend und totalitär wie die Diktaturen Ceausescus oder Schiwkows in der Nachbarschaft.
Im Windschatten des serbischen Nationalismus
Daß er sich überhaupt so lange an der Macht halten konnte, verdankte er seinem geschickt inszenierten Aufstieg im Windschatten des serbischen Nationalismus. Das ist die zweite Unwahrheit über ihn: Denn Milosevic spielte mit dem Instrument des Nationalismus, er war ein skrupelloser Organisator der Kriege im Namen Großserbiens, der bedenkenlos über Leichen ging - aber ein großserbischer Nationalist war er nicht. Ende der achtziger Jahre erkannte der ehrgeizige kommunistische Funktionär aus dem serbischen Provinzstädtchen Pozarevac, daß der Kommunismus ausgedient hatte als Instrument zur Herrschaftsausübung. Es schienen sich zwei Auswege anzubieten zur Rettung Jugoslawiens: demokratische und wirtschaftliche Reformen sowie eine echte Förderalisierung. Das hätte den Funktionär Milosevic aber die Karriere gekostet, und so setzte er auf eine andere Karte: nationalistische Mobilisierung der Serben gegen die anderen Völker Jugoslawiens.
Der entscheidende Moment für seinen Aufstieg war seine unheilvolle Rede vom 24. April 1987 in Kosovo Polje, dem Ort der verlorenen serbischen Schlacht gegen die Osmanen 1389 auf dem Amselfeld in Serbiens Südprovinz Kosovo. Damals wandte sich Milosevic an eine Masse demonstrierender Serben in der überwiegend albanisch besiedelten Provinz. Die Serben waren in eine Rangelei mit Polizisten geraten; Milosevic trat vor sie und sprach die Worte, die manche heute als den Epilog auf das alte Jugoslawien werten: "Niemand soll es wagen, euch zu schlagen. Dies ist euer Land, dies sind eure Häuser, eure Felder und Gärten, eure Erinnerungen. Ihr werdet nicht euer Land aufgeben, weil das Leben zu schwierig geworden ist, weil Ungerechtigkeit und Erniedrigungen euch treffen." In Kosovo Polje habe Milosevic das Pferd bestiegen, das ihm die serbische Intelligenz zuvor gesattelt hatte, urteilte später Belgrads heutiger Außenminister Vuk Draskovic, der als demagogischer Oppositionsführer selbst einer der Sattlermeister gewesen war.
SPS - umlackierte Variante der Vorgängerpartei
Von da an hatte Milosevic genug Rückhalt im Volk, um seinen Aufstieg im Machtapparat der Kommunisten zu sichern, bis er sich später mit der Sozialistischen Partei Serbiens seine eigene politische Gruppierung schuf, die freilich nur eine umlackierte Variante der Vorgängerpartei war. Zunächst setzte sich Milosevic in Serbien an die Spitze der Kommunistischen Partei, dann attackierte er nacheinander erfolgreich die Führungen in der Provinz Vojvodina, in Montenegro und schließlich im Kosovo. Er wertete den innerparteilichen Kampf gegen seine Gegner geschickt zur Sache des Volkes auf. Er stellte sich an die Spitze eines Aufbegehrens, das im wirtschaftlich gebeutelten Jugoslawien der achtziger Jahre seine Ursprünge nicht zuletzt in der Unzufriedenheit der Leute mit ihrer materiellen Lage hatte. Das war gefährlich für die alten Eliten, und so war es das Kernstück der Machterhaltung Milosevics, diese Unzufriedenheit abzulenken und zu seinen Gunsten in serbischen Nationalismus umzumünzen. Die Demonstranten jener Jahre seien als Arbeiter auf die Straßen gegangen, als Serben wieder nach Hause zurückgekehrt, wurde oft gespottet. Die von Milosevic zum Teil initiierte, zum Teil genutzte Protestwelle stellten er und die herrschende Elite als "Dritten Aufstand" (nach zwei Erhebungen gegen die türkischen Besatzer zu Beginn des 19. Jahrhunderts) hin.
Die Angst als Gehilfe
Damit erst hatte er seine Macht weit genug gefestigt, um die Kämpfe gegen Slowenien und die Kriege gegen Kroatien und Bosnien-Hercegovina zu wagen - die allesamt in Niederlagen endeten. Doch es ging für Milosevic nicht allein um Sieg und Niederlage in diesen Kriegen, denn ein anderes seiner zentralen Herrschaftsinstrumente, gerade in der späteren Phase, war die Angst. Der serbische Nationalismus verstand sich, wie die meisten Nationalismen, nur als Reaktion auf den vermeintlichen Chauvinismus "der anderen", vor allem der Kroaten, der bosnischen Muslime und der Albaner. Darüber schreibt der Balkan-Kenner Florian Bieber in seinem Standardwerk zum serbischen Nationalismus: "Der wichtigste Gehilfe der nationalen Mobilisierung und Homogenisierung war die Angst. Die Rechtfertigung der Kriege als Selbstverteidigung war nicht ein oberflächliches Ablenkungsmanöver für einen Eroberungsfeldzug, sondern entsprang dem grundlegenden Selbstverständnis des serbischen Nationalismus. Die nationalistische Reaktion der anderen Nationen präsentierte sich in Folge als scheinbare Bestätigung der den serbischen Nationalismus prägenden Ängste."
Diese hat funktioniert bis zum Jahr 2000, als alle Kriege verloren waren und die Angst aufgebraucht war. Die erste Wahl, bei der Milosevic weder Angst noch Nationalismus mobilisieren konnte, verlor er. In diesem Sinne hatte er seinen eigenen Nachruf schon Ende der achtziger Jahre gesprochen, auf einer jener Protestveranstaltungen, auf der er sagte, Politiker hätten nur eine Wahl: "Entweder marschieren sie an der Spitze ihres Volkes und hören seine Stimme, oder sie werden hinweggefegt und bleiben in der Geschichte nur eine kurze und wenig glorreiche Erinnerung."
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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