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Slobodan Milosevic Die Welt herausgefordert

12.03.2006 ·  Slobodan Milosevic wird in die Geschichtsbücher eingehen, weil er die Nato und sogar die Bundeswehr zum Krieg zwang. Und auch wenn er es nicht wollte: Belgrad war in den neunziger Jahren einer der Drehpunkte der internationalen Diplomatie.

Von Michael Martens, Belgrad
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Auch das ist eine Leistung: Obwohl es nicht in seiner Absicht lag, ist es Slobodan Milosevic gelungen, einen kleinen Balkanstaat an der südwestlichen Peripherie Europas für gut ein Jahrzehnt zu einem Zentrum der Weltpolitik auszubauen. Belgrad war in den neunziger Jahren einer der Drehpunkte der internationalen Diplomatie, die Staatengemeinschaft schaute auf die Stadt am Zusammenfluß von Donau und Save. Bedeutung bezog das Land jedoch nur aus seinem enormen Destabilisierungspotential.

Wäre Serbien - ein Staat von knapp zehn beziehungsweise (ohne das Kosovo) acht Millionen Einwohnern - so leise und unauffällig in die postkommunistischen neunziger Jahre aufgebrochen wie etwa Bulgarien, der südöstliche Nachbar von ähnlicher Größe - die Welt wüßte heute nicht viel von einem gewissen Milosevic. Weil das Land aber den Weg der Gewalt ging, konnte der Mann an seiner Spitze, ein Funktionär aus der Kleinstadt Pozarevac, etwa eine Autostunde südöstlich von Belgrad gelegen, mehrmals an der Weltgeschichte mitschreiben.

Ein Novum in der Weltgeschichte

So in Bosnien-Hercegovina, wo von 1992 bis 1995 der größte der von Belgrad aus mitgesteuerten Kriege im ehemaligen Jugoslawien wütete. Dort begann für die Nato ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte, der erste militärische Einsatz des Bündnisses mehr als 45 Jahre nach seiner Gründung. Am 19. Dezember 1995 traten die 60.000 Soldaten der Ifor (Implementation Force) zur Durchsetzung des Friedensvertrags in Bosnien-Hercegovina ihren Dienst an. Beteiligt daran (wie auch an der heute von der EU geführten Militärmission in Bosnien) war die Bundeswehr, die für den größten Einsatz seit ihrer Gründung ein Kontingent von damals 4.000 Soldaten bereitstellte.

Nach Bosnien folgte dann der Luftkrieg der Nato um das Kosovo: Von März bis Juni 1999 bombardierte die Nato Milosevics Jugoslawien (Serbien und Montenegro) - und griff damit erstmals in ihrer Geschichte einen souveränen Staat an. Während dieses Krieges, am 24. Mai 1999, erhob das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag Anklage gegen Milosevic, der damals noch Präsident eines europäischen Staates war - auch dieser Vorgang war ein Novum in der Weltgeschichte.

„Größtes kollektives sicherheitspolitisches Debakel“

Slobodan Milosevic stellte die Staatengemeinschaft in den neunziger Jahren vor Probleme, wie sie sie zuletzt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vor sich gesehen (und nicht gemeistert) hatte. Zwar führt ein Vergleich zwischen Hitler und Milosevic, wie er mitunter angestellt wurde, in die Irre. Doch unbestreitbar ist, daß die Auswirkungen von Milosevics Kriegspolitik auf dem Balkan für Europa und die Vereinigten Staaten zu Beginn der neunziger Jahre „das größte kollektive sicherheitspolitische Debakel seit den dreißiger Jahren“ gewesen sind, wie Bill Clintons Bosnien-Vermittler Richard Holbrooke in einem Beitrag in der amerikanischen Zeitschrift „Foreign Affairs“ feststellte.

Für dieses „Versagen historischen Ausmaßes“ macht Holbrooke in seinen Erinnerungen an seine Vermittlungsgespräche mit Milosevic vor allem die historischen Fehlinterpretationen vieler Politiker zu Beginn der Jugoslawien-Krise verantwortlich. Sie hätten, aus mangelnder Kenntnis der wahren Gründe für die Kriege in Titos zerfallendem Reich, an „historische Feindschaften“ geglaubt, „die alle Versuche, von außen den Konflikt zu verhindern, zum Scheitern verurteilten“.

„Tragödie läßt sich nicht von außen beilegen“

Die Aussagen einiger Politiker zu Beginn der Kriege in Jugoslawien, auch solcher, die es besser hätten wissen können, scheinen seiner These recht zu geben. So belehrte der ehemalige amerikanische Außenminister Lawrence Eagleburger, der einst Botschafter seines Landes in Jugoslawien gewesen war, in einer frühen Phase des Krieges in Bosnien seine Landsleute: „Ich habe es schon achtunddreißigtausendmal gesagt, und ich muß es auch den Menschen in diesem Land sagen: Die Tragödie im ehemaligen Jugoslawien läßt sich nicht von außen beilegen. Es ist verdammt noch mal an der Zeit, daß jeder das kapiert. Wir als Außenstehende können nichts unternehmen, solange die Bosnier, Serben und Kroaten nicht selbst beschließen, mit dem Morden aufzuhören.“

Im Fall Bosniens erwies sich 1995 durch das Eingreifen der Nato das Gegenteil als richtig - vier Kriegsjahre und etwa hunderttausend Tote zu spät. Zu Milosevics unbeabsichtigten historischen Leistungen gehört es auch, ausgerechnet in Deutschland, dem Staat, den er wohl tatsächlich als Erzfeind Serbiens sah, eine Debatte über die Beteiligung der Bundeswehr an Auslandseinsätzen der Nato angestoßen zu haben. Es waren die Auswirkungen seiner Gewaltpolitik auf dem Balkan, die der auf Enthaltsamkeit beruhenden bundesrepublikanischen Gemütlichkeit in internationalen Fragen ein Ende bereitete.

Floskeln und Milchpulver

Sie stellte die Deutschen vor die Wahl, entweder einzugreifen und mitzuhelfen, das Blutvergießen gut eine Flugstunde südlich von München notfalls mit Waffengegengewalt zu unterbinden, oder den bedrängten Zivilisten weiterhin nur mit Floskeln und Milchpulver zur Hilfe zu eilen. Die Mitschriften der Bundestagsdebatten über die Frage einer deutschen Beteiligung in Bosnien-Hercegovina lesen sich heute fast schon wie antiquierte Chroniken aus einer fernen Epoche.

Die Gegner einer deutschen Beteiligung versuchten diese unter anderem unter Verweis auf den Zweiten Weltkrieg zu verhindern: Weil damals Deutsche im Dienste Hitlers Verbrechen auf dem Balkan begangen hatten, sollten Deutsche in Bundeswehruniformen nicht daran mitwirken dürfen, neuen Kriegsverbrechen in Bosnien-Hercegovina Einhalt zu gebieten, lautete sinngemäß das Argument.

„Prüfstein für politischen Weitblick“

Vor allem viele Linke waren damals befangen vor Milosevic - offenbar auch deshalb, weil er formal ein Sozialist war, auch wenn seine Sozialistische Partei Serbiens in Wirklichkeit ein nationalistisch-populistischer Machtapparat war. Das wollten zunächst viele nicht sehen und flüchteten sich in historische Scheinargumente, wie der PDS-Politiker Hans Modrow bei der Debatte über eine Regierungserklärung zu Jugoslawien am 14. April 1994: „Ausgerechnet in der jetzigen Situation - dazu noch in Jugoslawien - eine deutsche militärische Mitwirkung zu verlangen zeugt von einem überaus bedenklichen Mangel an Geschichtsbewußtsein und von einem Übermaß an großdeutschem Denken“, sagte Modrow damals, 15 Monate vor dem serbischen Massaker von Srebrenica, das in wenigen Tagen etwa 8.000 muslimischen Jungen und Männern das Leben kostete.

Er wollte, während das Blutvergießen in Bosnien täglich weiterging, lieber eine internationale Konferenz „über Sicherheit und Entwicklung in Jugoslawien“ einberufen sehen. Nur in einem sollte Modrow recht behalten: „In diesen Tagen ist Bosnien ein Prüfstein für politischen Weitblick und Verantwortungsbewußtsein.“

Quelle: F.A.Z., 13.03.2006, Nr. 61 / Seite 3
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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