12.03.2006 · Warum ist Milosevic nicht verurteilt worden? Für die Serben wäre das besser. Anmerkungen der kroatischen Schriftstellerin Slavenka Drakulic.
Von Slavenka DrakulicIch habe eine deutliche Erinnerung an das erste Mal, als ich Slobodan Milosevic sah, vor vier Jahren, lebend, im Gerichtssaal des Tribunals in Den Haag. Natürlich hatte ich sein Gesicht viele tausend Mal zuvor gesehen. Er war in den Medien allgegenwärtig als der Präsident von Serbien, der Präsident von Jugoslawien, als der wichtigste Politiker, der mit dem Nationalismus und dem Krieg in Kroatien und Bosnien zu tun hatte, mit Vukovar, Srebrenica, dem Abkommen von Dayton - und schließlich als ein Mann, der als Kriegsverbrecher angeklagt war. Er war ein Mensch, der über das menschliche Normalmaß hinausging. Als Tito 1980 starb, wiederholte die Sozialistische Partei einen Slogan immer wieder: "Und nach Tito kommt - Tito." Tito war tot, aber der Kult um seine Person war es nicht. In gewisser Weise war Milosevic der Erbe dieses Kults.
Als ich ihn jetzt ansah, überkam mich eine Mischung verschiedener Empfindungen: Erleichterung, Genugtuung darüber, daß auch jemand wie er am Ende der Gerechtigkeit überantwortet werden kann. Milosevic saß sieben oder acht Meter weg von mir, hinter kugelsicherem Glas. Er trug einen dunkelblauen Blazer, ein weißes Hemd und eine Krawatte und beobachtete sorgfältig seine Zuschauer. Vielleicht suchte er nach jemandem, den er kannte, vielleicht überlegte er, wie viele Journalisten da waren, um seinen Auftritt zu verfolgen. Es war ganz zu Beginn des Prozesses, als sich die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf ihn richtete. Ich starrte ihn an, als sei er kein Mensch, sondern ein Geist. Ich erinnere mich, wie überrascht ich in diesem Augenblick war. So geht es einem Menschen, der in einem Land aufwächst, das noch nicht ganz erwachsen ist: Er ist überrascht, daß jemand wie Milosevic tatsächlich zur Verantwortung gezogen wird.
Wie ein Schauspieler, der seine Bühne beherrscht
Von Beginn an war er überheblich. Selbst in seiner Körpersprache erschien er nicht wie ein Besiegter, sondern wie ein Schauspieler, der seine Bühne beherrscht. Es wurde bald deutlich, daß er ein bestimmtes Ziel hatte: Er wollte beweisen, daß seine Rolle in der Geschichte des serbischen Volkes die des Helden gewesen war, der Krieg geführt hatte, um seine Nation zu verteidigen. Der Krieg in Bosnien? Daran war er nicht beteiligt. Kriegsverbrechen? Mit so etwas hatte er nichts zu tun. Es schien, als ob er sich selbst als eine Art serbischer Che Guevara betrachtete.
Slavenka Drakulic: Vukovar, Srebrenica und dann das Kosovo
Meine erste Reaktion auf seinen Tod am Samstag war Zorn. Warum gibt es keine Gerechtigkeit - die Gerechtigkeit der Menschen, nicht eine jenseitige? Kennt Gott Gnade gegenüber angeklagten Kriegsverbrechern? Für die Serben wäre es besser gewesen, sie hätten das Ende des Prozesses gegen Milosevic erlebt. Nicht nur, weil sie gesehen hätten, daß er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden wäre. Sondern auch, weil sie konfrontiert worden wären mit der Verantwortung für den Krieg und die Kriegsverbrechen, die ihre Soldaten in Srebrenica, Kroatien, Bosnien und im Kosovo verübt haben. So hätten sie vielleicht die Stärke und die Weisheit gefunden, um mit diesem dunklen Kapitel in ihrer Geschichte abzuschließen. Dessen Symbol dieser ehrgeizige Politiker war.