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Politische Talkshows : Sinnvolle Diskussion oder Propagandabühne?

Darf man die einladen? Die ARD-Talkmoderatorin Anne Will mit der umstrittenen Schweizer Islamistin Nora Illi (und weiteren Gästen) im November 2016 Bild: dpa

Will, Plasberg, Maischberger, Illner: Politische Talkshows im Fernsehen sind umstritten. Dabei kann das Format mehr als unterhaltend sein, es kann nützlich und erkenntnisfördernd sein. Oder einfach nur schädlich.

          Eigentlich ist die Wahl Donald Trumps wie gemacht wie für eine politische Talkshow im Fernsehen. So aggressiv, so furchterregend und zugleich unterhaltsam dürfte noch kein amerikanischer Präsident aufgetreten sein. Die deutschen Polit-Talkrunden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen setzen deshalb häufig auf den Trump-Faktor, was nicht ganz leicht ist: Offenbar finden sich nur wenige Trump-Jünger, die den Chef im Weißen Haus im Fernsehstudio verteidigen wollen. Einigkeit in der Runde kann aber für eine Sendung dieses Formats schwierig sein.

          Die politischen Talkshows leben von Kontroversen und manchmal zugespitzten Titeln. Den quotenträchtigsten Sendeplatz hat „Anne Will“ am Sonntagabend mit rund drei bis fünf Millionen Zuschauer, je nach Attraktivität des Themas, den Gästen und Vorlauf im Programm. Dahinter folgen die Sendungen auf den vergleichsweise schwächeren Plätzen – „Maischberger“, „Maybrit Illner“, „Hart aber fair“ –, die aber in erstaunlicher Konstanz ebenfalls ein Millionenpublikum erreichen. Die ZDF-Moderatorin Maybrit Illner ist sogar schon rund 17 Jahre auf dem Sender. 

          So beliebt sie sind, so umstritten sind politische Talks. Die Kritik entzündet sich meist nicht am Thema der Sendung, sondern an der Konzeption: Darf man die einladen, die Islamistin, den Rechtspopulisten, den propagandistischen Putin-Freund? Waren deren Redeanteile halbwegs ausgeglichen, die Moderatorin neutral und die Gästeauswahl fair? Oder war die Sendung kaum mehr als eine gebührenfinanzierte Schauveranstaltung, um Muslime, Putin oder eben Trump abzuwatschen? Zwar unterhaltsam, aber ansonsten ärgerlich?

          Ist Talk Puppentheater mit verteilten Rollen?

          So viel vorweg: Es gibt keine eindeutigen Belege, wie wirksam oder bedeutend Talkshows in der Politik sind. Einst bescheinigte der CDU-Politiker Friedrich Merz der Sendung „Sabine Christiansen“ einen größeren Einfluss auf die politische Agenda als die Reden im Bundestag. Das war 2003. Für den Politik-Berater Michael Spreng, selbst ein häufiger Talkshowgast (in 2015 vier Auftritte), klingt das auch heute plausibel: „Talks sind ein Ort der kontroversen Debatte“, sagt er. „Wer verfolgt schon den Bundestag?“ Für den Medienforscher Bernd Gäbler, der 2011 im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung eine Studie über Talkshows erarbeitet hat, sind die Sendungen eher Beispiele für „die nach wie vor bestehende Differenz zwischen Darstellungs- und Entscheidungs-Politik“. Ist Talk also vor allem Show, ein Puppentheater mit festen Rollen oder auch „scripted reality“, wie es in Gäblers Studie heißt?

          Moderatorin Sabine Christiansen, hier bei einer ihrer Talkshows in 2007. Ihre Art zu moderieren war umstritten – ihre große Bedeutung für den Berliner Politikbetrieb dafür umso weniger in Frage gestellt.

          Es ist plausibel, dass dieses Format Wirkungen auf die politischen Debatten im Land ausübt – abseits der reinen Unterhaltung seiner Zuschauer. Es kann interessante Einblicke in bestimmte gesellschaftliche Gruppen ermöglichen, oder es kann vorhandene Klischees verstärken und Sündenböcke ausmachen. Es kann politische Tabu-Grenzen in sinnvoller Weise verschieben helfen, oder es kann extremistische Positionen salonfähig machen. Es kann richtige Informationen liefern oder falsche Tatsachenbehauptungen verbreiten. All das ist möglich – das ist Teil der Gratwanderung Talkshow.

          Verfestigte Klischees oder interessante Einblicke? 

          Talkshow-Themen haben Konjunkturen, und spätestens mit dem Aufkommen der Flüchtlingskrise sind Islam und Islamismus Talkshow-Dauerbrenner. Den meisten älteren Zuschauern (das Durchschnittsalter liegt, je nach Sendung, bei 60 bis 65 Jahren) sind die Lebenswelten muslimischer Einwanderer eher fremd, Talkshows könnten hier interessante Einblicke bieten und Gespräche zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen öffentlich organisieren.

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