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Silvesternacht in Köln : Hatten die Taten System?

Teilnehmer einer Demonstration in Köln gegen die Übergriffe in der Silvesternacht Bild: dpa

Sind die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht von Männern begangen worden, in deren Heimat solche Handlungen zur Tagesordnung gehören? Wahrscheinlicher ist etwas anderes.

          Die Anlage 2 des Berichts des Kölner Polizeipräsidiums über die Ereignisse an Silvester ist lang. In einer Tabelle im Querformat werden die Strafanzeigen jener Nacht aufgelistet: Delikt, Tatort, Tatzeit. Eine Spalte für etwaiges Diebesgut. Unter der Rubrik „SV kurz“ findet sich der Sachverhalt in Schlagworten: „An Hintern und in Schritt gefasst.“ „Hand in Hose gesteckt.“ „Angrapschen mit Diebstahl.“ „Griff an Po und Scheide.“ „Mehrfach sexuell belästigt.“ „Mehrfach unsittlich berührt.“ „Von mehreren Männern massiv bedrängt.“ „Überall angefasst.“ „Einer Geschädigten wurde Finger eingeführt.“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwölf Seiten geht das so. Man blättert und blättert, und es ist, als höre es nie mehr auf. Dabei ist die Liste schon eine Woche alt und enthält gerade einmal ein Viertel der inzwischen bekannten Taten. Am Freitag meldete die Staatsanwaltschaft Köln, mittlerweile seien 676 Anzeigen eingegangen. Die Hälfte betreffe sexuelle Übergriffe.

          Seit dieser Woche scheint es, als gebe es einen Namen für das, was in Köln und anderen deutschen Städten passiert ist und dem Land eine Debatte beschert hat, die allgemeines Entsetzen, das Unbehagen an der Flüchtlingspolitik, sexuelle Gewalt sowie das Miteinander von islamisch geprägter Kultur und westlicher Gesellschaft auf mitunter unheilvolle Weise verquickt: „taharrush gamea“.

          Ausschnitt einer Schreckensnacht: An Silvester wurden am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt.

          Klischee vom triebhaften Orientalen

          Das Bundeskriminalamt (BKA) spricht von einem „Phänomen der gemeinschaftlich begangenen sexuellen Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit“, das man aus arabischen Ländern kenne. Dieses trete insbesondere während Kundgebungen und Demonstrationen auf und umfasse Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung, die Täter seien überwiegend Gruppen junger Männer. „Ein vergleichbares Phänomen ist hier bislang nicht bekannt“, heißt es beim BKA.

          Damit will das BKA einen „Modus Operandi“ ausgemacht haben, der auf die brutalen Angriffe auf Frauen zurückgeht, die es nach dem Sturz des ägyptischen Machthabers Husni Mubarak auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegeben hat. Damals isolierten Schlägerbanden die Frauen, umringten sie, zerrissen ihnen die Kleider und vergewaltigten sie mit Händen und Gegenständen. Viele Opfer erlitten schwere, manche lebensgefährliche Verletzungen. Seither klären zahlreiche Gruppen von Aktivisten die ägyptische Öffentlichkeit auf und versuchen, Frauen auf Massenveranstaltungen zu schützen.

          Angesichts der Karriere jedoch, die der Begriff „taharrush gamea“ jetzt in Deutschland macht, sind ägyptische Frauenrechtlerinnen irritiert: Aus einer simplen Vokabel für sexuelle Massenübergriffe ist ein scheinbar genuin arabisches Kulturphänomen mit eigenem Wikipedia-Eintrag geworden. „Taharrush“ bedeutet Belästigung, „gamea“ gemeinschaftlich. „Man kann die sexuellen Angriffe auf dem Tahrir-Platz aus vielerlei Gründen nicht mit den Ereignissen von Silvester in Köln vergleichen“, schrieb die Aktivistin Mariam Kirollos auf ihrer Facebook-Seite. Des Klischees vom triebhaften Orientalen sei sie wirklich überdrüssig.

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