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Silvesternacht in Köln : Hatten die Taten System?

Eine unerträglichen Normalität

Anders als in Köln waren die Versammlungen auf dem Tahrir-Platz politische Kundgebungen und keine Massenpartys. Zumindest anfangs steckten die sogenannten Baltagiyya hinter den Angriffen, Schlägerbanden, die im Dienste entmachteter Funktionäre oder einstiger Profiteure des Mubarak-Regimes standen. Sie hatten auch schon 2005 im Herzen von Kairo Demonstrantinnen angegriffen, die gegen das Regime protestierten. Der ägyptische Staat nutzte – und nutzt – sexuelle Gewalt als Mittel der Einschüchterung und Machtdemonstration. Noch immer, berichten Frauenrechtlerinnen, seien auch Polizisten Täter.

Im Zuge der Angriffe entwickelte sich allerdings auch eine hässliche Eigendynamik. Nicht alle, die Frauen auf dem Tahrir-Platz angriffen, waren bezahlte Schläger, wie Aktivisten berichten: „Es waren auch Jungs dabei, wie sie sonst in der Umgebung des Platzes herumlungern, unter ihnen Kleinkriminelle, Klebstoffschnüffler.“ Blogger hatten schon 2006 geschrieben, dass ein Mob von Halbstarken während der Feierlichkeiten am Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan in Gruppen durch die Innenstadt von Kairo zog und Frauen angriff. Seitdem passiert so etwas immer wieder.

Auch jenseits von Massenübergriffen ist sexuelle Belästigung in Ägypten zu einer unerträglichen Normalität geworden – zu einer „gesellschaftlichen Seuche“, wie Noora Flinkman sagt, Aktivistin der Organisation Harassmap. Tag für Tag sind Frauen auf der Straße mit anzüglichen Bemerkungen oder Schnalzlauten konfrontiert, werden in Bussen und Bahnen begrapscht. Übergriffe würden als etwas Normales angesehen, sagt Flinkman, ein Unrechtsbewusstsein gebe es nicht. Bände spricht, dass das Wort „taharrush“ sich für Zudringlichkeiten erst in der jüngeren Vergangenheit etabliert hat. Lange wurde bloß das Wort „muaksa“ verwendet. Das kann Belästigung bedeuten – aber auch Neckerei.

Die Aktions-Künstlerin Milo Moire mit einem Plakat mit der Aufschrift „Respektiert uns! Wir sind kein Freiwild selbst wenn wir nackt sind!!!“

Araber oder Nordafrikaner

Die Selbstverständlichkeit sexueller Belästigung im Alltag macht den Kampf dagegen zu einer Herkulesaufgabe. Aktivistin Flinkman will ein Bewusstsein für das Problem schaffen: Wo der Staat versage, solle die Gesellschaft einschreiten. Sie und ihre Mitstreiterinnen wehren sich energisch gegen die Erklärung, dass ägyptische Männer angesichts gesellschaftlicher Zwänge sexuell frustriert seien. „Unter den Tätern sind Ehemänner und Kinder“, sagt sie. Vielmehr gehe es um patriarchalische Familienstrukturen und die Frauenbilder, die damit einhergehen. Und um Macht. Die Männer würden ihre Wut und die Demütigungen im Alltag an denen auslassen, die sie für schwächer und weniger wert hielten: den Frauen.

Ob nun die Silvesterübergriffe in deutschen Städten eine Mischung aus Import und Abklatsch arabischer Verhältnisse gewesen sein könnten, ist völlig unklar. Noch ist das Bundeskriminalamt damit beschäftigt, ein Lagebild zu erstellen. Stuttgart meldet 72 Strafanzeigen, von denen 17 Sexualdelikte betreffen. Bei der Hamburger Polizei sind inzwischen 205 Anzeigen eingegangen, mehrheitlich wegen sexueller Taten. Über die Täter weiß man nicht viel.

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