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Krisenpolitik : „Krieg zwischen Russland und dem Westen ist denkbar“

Der Krieg in der Ostukraine, hier ein von den Rebellen eroberter Checkpoint der Ukraine, hat das Potential Europa zu entflammen, sagt Carl Bildt. Bild: AP

Eine Weltordnung, die aus den Fugen gerät: In München treffen sich ab heute Sicherheitspolitiker aus aller Welt und beratschlagen, wie Krieg zu vermeiden und Terror zu bekämpfen ist. Im Interview warnt der ehemalige schwedische Außenminister Carl Bildt vor Krieg mit unabsehbaren Folgen.

          Herr Bildt, in der Ukraine weitet sich der Krieg aus, der mittlere Osten und Teile Nordafrikas sind ein Schlachtfeld, die Lage im chinesischen Meer ist hochexplosiv. Ist die Welt ein Pulverfass?

          Wir durchleben sicherlich eine der gefährlicheren Phasen, besonders, wenn man die Lage aus der europäischen Perspektive betrachtet. Es brennt im Osten, es brennt im Süden. Diese Feuer kommen uns sehr nah. Was die Sache so brisant macht: Es gibt zusätzlich eine große Unsicherheit in den globalen Machtbeziehungen.

          Russland unterstützt massiv die Rebellen im Donbass, nun erwägen die Amerikaner Waffenlieferungen an die Ukraine. Wird das Moskau Einhalt gebieten?

          Das Beste wäre natürlich, wenn die Russen von sich aus aufhören würden, die Rebellen mit Waffen und Soldaten zu unterstützen. Wenn sie aber weitermachen, wird der Westen bald keine andere Option haben, als die Ukraine mit Verteidigungswaffen zu unterstützen. Das ist sicherlich gefährlich. Aber eine Situation, in der die Russen ihre Aggression ungehindert fortsetzen können, ist noch gefährlicher.

          Putin wird sich durch amerikanische Waffen für Kiew einschüchtern lassen?

          Das wissen wir nicht. Aber was wir wissen ist, dass die Aussichten für Russland immer komplizierter werden. Wo immer ich russische Geschäftsleute treffe, und ich habe gerade wieder mit welchen zusammen gesessen, zeigen sie ihre zunehmende Sorge. Der gegenwärtige Kurs der Führung schadet dem Land immens. Was im übrigen auch wir nicht begrüßen können.

          Das scheint den russischen Präsidenten aber nicht zu bremsen. Er ist offenbar auf einer Mission und rationalen Argumenten kaum noch zugänglich.

          Er ist definitiv auf einer Mission. In seinen Reden und in den Staatsmedien ist ein Russland auferstanden, das revisionistisch ist, das sich reaktionär verhält. Das sich gegen Modernität wendet. Das uns zuruft: Wir haben die Kanonen, ihr habt den Überfluss. Es ist das Bild eines kraftstrotzenden Ostens, der sich gegen den dekadenten Westen wendet. Gleichzeitig aber werden Wirtschaft und Gesellschaft in Putins Heimat von massiven strukturellen Problemen geprägt. Das wird auf Dauer nicht funktionieren.

          Putin hat mehr Unterstützung denn je. Wenn die Russen von außen bedroht werden, sind sie immer eng zusammen gerückt, haben großes Leid auf sich genommen. Wie sollen westliche Waffen in einer solchen Situation den Vormarsch in der Ukraine stoppen?

          Kein Zweifel, dass die Annexion der Krim von nahezu jedem in Russland begrüßt wurde. Der Krieg im Donbass ist anders. Das russische Militär versucht mit allen Mitteln die eigenen Opfer zu verschleiern. Da werden bisher keine Kriegshelden gefeiert oder Begräbnisse für Kriegsheroen inszeniert. Alles spielt sich im Verborgenen ab. Ich glaube, dass ein blutiger und opferreicher Krieg Putins Popularität rasch zusetzen wird.

          Wie weit ist Putin gewillt, den Konflikt in der Ukraine zu treiben?

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