19.08.2002 · Traditionelle Werte wie Treue und Fleiß stehen bei Jugendlichen wieder hoch im Kurs. An Politik sind aber nur wenige interessiert.
Die Jugend in Deutschland blickt der neuen Shell-Studie zufolge wieder optimistisch in die Zukunft und vollzieht einen „grundlegenden Wertewandel“. Obwohl die eigene Lage schwieriger sei als früher, beurteile die junge Generation ihre Chancen heute positiver, sagte der Studien-Autor und Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann. Vor allem in der Bildung hätten die Forscher eine „ganz starke Leistungsmotivation“ festgestellt.
„Das Motto lautet: Aufsteigen statt Aussteigen“, meinte Hurrelmann. Hoch im Kurs stehen demnach neben „tollem Aussehen, neuer Technik oder Markenkleidung tragen“ Orientierungen wie „Karriere machen“ und traditionelle Werte wie „Treue oder Fleiß“.
Familie zum „Glücklichsein“
Ein Wertewandel seit Anfang der 90er Jahre hin zu traditionellen Einstellungen wird nach Ansicht der Shell-Forscher in der 14. Jugendstudie erstmals umfassend sichtbar. In einem „Wertecocktail“ mixten die jungen Menschen etwa Begriffe wie Leistung, Sicherheit, Macht und Familie mit der Absicht, Gefühle offen zu zeigen. Für junge Frauen sei eine Karriere heute genauso wichtig wie für Männer. Auf eine höhere Bildung legten mehr Mädchen Wert als Jungen. Schulisch haben die Mädchen ihre männlichen Mitschüler längst überholt.
Auch der Stellenwert der Familie lag bei den jungen Frauen etwas höher. 75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen Befragten meinten, sie bräuchten eine Familie zum „Glücklichsein“. Mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen wollen laut der Studie später selbst eine Familie gründen. 90 Prozent gaben an, mit ihren Eltern kämen sie gut klar. Und fast 70 Prozent der Befragten möchten ihre Kinder sogar so erziehen, wie sie es selbst zu Hause erfuhren.
Experten der Universität Bielefeld und das Institut Infratest Sozialforschung hatten bei der 14. Shell-Studie insgesamt 2.515 Menschen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren zu ihrer Lebenssituation, ihren Wertvorstellungen und ihrer Einstellung zur Politik befragt.
In der Erhebung unterschieden die Forscher zwischen vier verschiedenen Typen von Heranwachsenden: „selbstbewusste Macher“ und „pragmatische Idealisten“ als leistungsstarke Gruppe, „robuste Materialisten“ und „zögerliche Unauffällige“ als leistungsschwache Klientel. Die „Materialisten“ und die „Unauffälligen“ kämen mit den Anforderungen in Schule und Beruf weniger gut zurecht. Die „Unauffälligen“ reagierten darauf eher mit Resignation und Apathie, während die überwiegend männlichen „Materialisten“ zumindest äußerliche Stärke demonstrierten.
Jeweils 25 Prozent der Befragten passten in die vier Kategorien, sagte Hurrelmann. Ein kleiner Teil von ihnen neige zu politischem Radikalismus. Zentrale Aufgabe der Gesellschaft sei daher, die schwächeren Gruppen zu integrieren.
„Null-Bock“ auf Politik
Ein weiteres Ergebnis der Shell-Studie war, dass Jugendliche in Deutschland immer weniger von Politik wissen wollen. Das Vertrauen in politische Parteien ist gering, in die Bundesregierung, Kirchen, Gewerkschaften und Bürgerinitiativen mäßig. Als besonders vertrauenswürdig werden Partei unabhängige staatliche Organisationen wie Justiz und Polizei, aber auch Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen eingeschätzt.
Waren 1991 noch 57 Prozent an Politik interessiert, sind es jetzt nur 34 Prozent. Nur etwa 60 Prozent der potenziellen Erstwähler wollen zur Wahl gehen. Dennoch sind die zwölf- bis 25-Jährigen gesellschaftlich aktiv. Dabei würden sie sich an konkreten und praktischen Fragestellungen orientieren, die für sie mit persönlichen Chancen und Nutzen verbunden sind.