http://www.faz.net/-gpf-93f65

Sexismus-Skandal : Warum London an „House of Cards“ erinnert

Das erste prominente politische Opfer des Belästigungsskandals: Michael Fallon Bild: Reuters

Nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers Michael Fallon kommen weitere Abgeordnete ins Gerede – die Affäre bringt die Downing Street in Bedrängnis.

          Ein spöttisches „Gavin... wer?“ war zu hören, nachdem Theresa May den vergleichsweise unbekannten Gavin Williamson zum neuen Verteidigungsminister ernannt hatte. Nicht nur in der Armee, auch bei den Tories wächst die Kritik an der Neubesetzung, die nach dem Rücktritt Michael Fallons nötig geworden war. Zeitungen zitierten am Freitag einen Konservativen mit der Bemerkung, dies sei der „letzte Fehler“ der Premierministerin gewesen. Die Weiterungen des Skandals um sexuelle Belästigungen in Westminster, der eine angeschlagene Regierung inmitten parteiinterner Auseinandersetzung über Europa erwischt, erinnert ältere Parlamentarier schon an die Spätphase des konservativen Premierministers John Major.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Fallon ist das erste prominente politische Opfer des „Sex-Skandals“. Mindestens ein weiterer Minister muss sich derzeit vor Jeremy Heywood, dem obersten Beamten im Königreich, für ungebührliches Verhalten gegenüber einer Frau verantworten. In anderen Fällen, die Heywood untersucht, sind Staatssekretäre und bekannte Abgeordnete verwickelt. „Werden wir nun jede Woche einen Abgang haben?“, fragte ein Regierungsmitglied am Donnerstag und sagte, dies würde May „nicht überleben“.

          Fallon dementiert die Vorwürfe „grundlegend“

          Für Fallons Rücktritt scheint es mehr Gründe gegeben zu haben als nur dessen unerwünschte Annäherung an eine Journalistin vor 15 Jahren. Zeitungen berichteten am Freitag, dass sich auch Fallons Kabinettskollegin Andrea Leadsom über zudringliche Bemerkungen beschwert habe. Angeblich hatte sie sich vor sechs Jahren über ihre kalten Hände beklagt, worauf Fallon gesagt haben soll: „Ich kenne eine Stelle, wo du sie aufwärmen kannst.“ Fallon dementiert das „grundlegend“.

          Auch bei der Labour Party ist ein weiterer Abgeordneter ins Gerede gekommen. Der 76 Jahre alte Kelvin Hopkins soll vor drei Jahren bei einem Universitätsbesuch eine junge Partei-Aktivistin festgehalten und sich an ihr „gerieben“ haben. Er wurde inzwischen aus der Fraktion ausgeschlossen. Die Affäre bringt Labour-Chef Jeremy Corbyn in Bedrängnis, weil er Hopkins ins Schattenkabinett berufen hatte, wenige Monate nachdem dieser für den Vorfall offenbar parteiintern gerügt worden war. Dass das Interesse an neuen Enthüllungen nicht abklingt, bekam auch Boris Johnson zu spüren. Der Außenminister, der für sein bewegtes Privatleben bekannt ist, wurde von Journalisten gefragt, ob sein Verhalten immer den hohen Maßstäben genügt habe, an denen Michael Fallon gescheitert sei. „Allerdings!“, antwortete Johnson.

          Sein Nachfolger gilt als eigensüchtiger Karrierist

          Die Premierministerin, die nach dem schlechten Wahlergebnis vom Juni einen Burgfrieden mit ihrer Partei geschlossen hat, bewegt sich eher tastend voran. Sie will am Montag in einem Gespräch mit anderen Parteiführern ein neues, unabhängiges Untersuchungsgremium aus der Taufe heben. Aber sie erweckt nicht den Eindruck, als suche sie die Offensive. Mangelnde Souveränität und Zaghaftigkeit sehen auch viele als Quelle ihrer Personalentscheidung. Profiliertere Anwärter für das Amt des Verteidigungsministers – dem 41 Jahre alten Williamson mangelt es an militärischer wie administrativer Erfahrung – hätten womöglich die fein austarierte Balance im Kabinett verändert. Williamson, der erst seit sieben Jahren im Unterhaus sitzt und zuletzt als „Chief Whip“ für die Fraktionsdisziplin zuständig war, gilt vielen als eigensüchtiger Karrierist, der frühzeitig Mays Vertrauen erworben hat.

          In Westminster wird kolportiert, dass er eine entscheidende Rolle in den Gesprächen gespielt habe, die im Rücktritt seines Vorgängers mündeten. „Es scheint, als habe Gavin Williamson ,House of Cards‘ nicht als Fiktion, sondern als Anleitung verstanden“, sagte der „Times“-Kolumnist Iain Martin am Freitag. Er sieht nun Williamson selbst unter Druck. Andere verbreiten, es sei Leadsom gewesen, die Fallon ans Messer geliefert habe, ein Gerücht, das Downing Street immerhin glaubte dementieren zu müssen. Ganz London erinnert gerade an „House of Cards“ – jene Serie, die in Britannien erfunden wurde und deren Hauptdarsteller seinerseits in Missbrauchsvorwürfen versinkt.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Uber wird grün – und endlich gesetzestreu

          F.A.Z. exklusiv : Uber wird grün – und endlich gesetzestreu

          Der Fahrdienst Uber will Städten und Autoherstellern helfen, Fahrverbote erträglicher zu machen. Dafür werden Elektroautos angeschafft und Partnerschaften geschmiedet. In Deutschland ist ein Neuanfang notwendig, sagt der Uber-Chef.

          „Wir werden nicht aufgeben“ Video-Seite öffnen

          Puigdemont in Kopenhagen : „Wir werden nicht aufgeben“

          Neue Runde im Katalonien-Konflikt: Puigdemont soll wieder zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Madrid wehrt sich dagegen: Da er nach Belgien ins Exil gegangen sei und bei der Abstimmung physisch nicht anwesend sein werde, könne Puigdemont nicht regieren.

          Proteste bei Besuch von Mike Pence Video-Seite öffnen

          Jerusalem : Proteste bei Besuch von Mike Pence

          Bei seinem Besuch in Israel hat der amerikanische Vizepräsident Mike Pence erneut die international umstrittene Entscheidung von Präsident Donald Trump verteidigt, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Im israelischen Parlament protestieren arabische Abgeordnete gegen eine Rede von Pence in der Knesset, sie wurden aus dem Saal gebracht.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Martin Schulz vor seinem Gesprächstermin mit Seehofer und Merkel

          Spitzentreffen : Verhandlungsbeginn schon in dieser Woche?

          Am Montagabend trafen sich Martin Schulz, Angela Merkel und Horst Seehofer, um das weitere Vorgehen auf dem Weg zur Groko zu besprechen. Martin Schulz sagt, die SPD-Spitze muss sich erst noch sortieren.
          Sichtlich zufrieden mit der Einigung: Der Oppositionsführer im Senat, Charles Schumer.

          Einigung im Kongress : Abgeordnete beenden den „Shutdown“

          Am dritten Tag des „Shutdown“ haben sich Republikaner und Demokraten im Haushaltsstreit geeinigt. Der Kompromiss ist jedoch zeitlich begrenzt.
          Lehrer und Schüler: Paul Bocuse (l) mit Eckart Witzigmann Anfang der Achtziger

          Zum Tod von Paul Bocuse : „Die Küche muss glänzen!“

          Spitzenkoch Eckart Witzigmann erinnert sich an seinen Lehrmeister Paul Bocuse - an die harschen Ansprachen, das ungebremste Temperament, die Gastfreundschaft und das große Herz des französischen Kochs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.