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Selbstmordterroristen „Die Attentäter waren nur die Fußsoldaten“

15.07.2005 ·  Der „Bus-Bomber“, der „Edgware-Road-Bomber“, der „Aldgate-Bomber“ und wohl auch der Jamaikaner „Dschamal“ sind identifiziert, doch die Londoner Polizei sucht nach den großen Fischen im Hintergrund.

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Der Londoner Polizeichef Sir Ian Blair hat am Freitag im Rundfunk gesagt, die vier Attentäter, die am Donnerstag der vorigen Woche die Anschläge verübten, seien „nur die Fußsoldaten des Unternehmens“ gewesen. Nach den Organisatoren und den Zuarbeitern der Logistik werde weiter gefahndet. Nach Medienberichten ist ein ägyptischer Chemiker, der seine Wohnung in Leeds verlassen hatte und von der Polizei im Zusammenhang mit den Anschlägen gesucht wurde, in seinem Heimatland festgenommen worden. Dort werde er verhört.

Magdi Mahmoud al Nashar ist 33 Jahre alt und wurde an der Universität Leeds promoviert. Gesucht wird auch ein Mann, der wenige Wochen vor dem Anschlag nach Großbritannien gekommen war und das Land wenige Stunden vor den Attentaten verlassen hatte. Er wird als „leitender Al-Qaida-Aktivist“ beschrieben. Nach den neuesten Erkenntnissen weist auch der Sprengstoff deutlicher als bisher auf eine Verbindung mit Al Qaida.

Britische Täter, britische Bomben

Bisher war immer von einem militärischen Sprengstoff die Rede gewesen, der aus geplünderten Armeebeständen des ehemaligen Jugoslawien eingeschmuggelt worden sei. Die genaueren Untersuchungen haben aber erbracht, daß die Bomben auf der Basis von Azetonperoxyd gefertigt worden sind. Nicht nur die Attentäter, sondern auch die Bomben dürften damit britischer Herkunft sein; die notwendigen Bestandteile der Mischung können jedenfalls in jeder örtlichen Drogerie gekauft werden. Material dieser Art wurde auch bei einer der Razzien in Leeds gefunden. Eine Badewanne soll voll davon gewesen sein. Das war auch ein Grund für die auffallend weiträumige und lange Absperrung. Der Stoff ist so unstabil und so gefährlich, daß der Abtransport besonders vorsichtig vonstatten gehen mußte. Die Polizei hatte sogar ein Überflugverbot verfügt.

Diese Art von Sprengstoff verstärkt nach Auffassung der Polizei die Hinweise auf eine Verbindung zu Al Qaida. Die Mischung des Stoffs und die Konstruktion des Sprengsatzes gehörten zum Lehrstoff in Terroristenlagern in Afghanistan und anderswo. Der britische „Schuhbomber“ Reid, der im Dezember 2001 ein Verkehrsflugzeug sprengen wollte, hatte diesen Stoff in seinem Schuh. Auch bei anderen Anschlägen mit eindeutigem Al-Qaida-Hintergrund sei dieser Sprengstoff entdeckt worden. Beim Blick auf den „Al-Qaida-Aktivisten“, der sich zur fraglichen Zeit unbehelligt im Land aufgehalten hatte, wollte Sir Ian Blair sich dagegen nicht so deutlich festlegen. Er sagte, es gebe keinen Hinweis, daß er mit dem Attentat etwas zu tun habe. Dennoch läßt Scotland Yard in Europa nach ihm fahnden.

Nicht oben auf der Liste

Nach den Erläuterungen der Polizei steht der Name des Mannes zwar auf einer Liste von Verdächtigen, aber „nicht weit genug oben“, so daß man bei der Einreise davon abgesehen habe, eine Überwachung zu organisieren. Erst bei der Rückschau nach den Explosionen sei man wieder auf den Namen gestoßen. Zudem stimme das Muster mit anderen Al-Qaida-Operationen überein: Ein „Chef“ kommt von außen, organisiert den Anschlag und verläßt das Land kurz vor der Tat.

Der vierte Mann ein Teppichleger

Offiziell hatte die Polizei bis zum Freitag nur die Namen von zwei Attentätern bestätigt. Doch in den Medien, die schon vor Tagen die Namen von drei mutmaßlichen Selbstmordattentätern veröffentlichten, wurde inzwischen auch der vierte Name genannt: Lindsay Germaine, geboren in Jamaika. Das zieht den Kreis der Herkunftszene, die bisher pakistanisch geprägt war, ein Stück weiter. Wie jener „Schuhbomber“ Reid ist er ein Brite, der zum Islam übergetreten ist. Seither hatte er sich auch „Dschamal“ genannt. Im April sei er von Huddersfield in West Yorkshire nach Aylesbury in Buckinghamshire gezogen, wo er mit seiner Lebensgefährtin und ihrem einjährigen Sohn in bescheidenen Umständen zur Miete wohnte. Von Beruf war er Teppichleger.

Seine Lebensgefährtin kommt aus einer angesehenen Familie der Stadt; ihre Schwester ist Journalistin. Die Lebensgefährtin soll gesagt haben, sie habe keine Ahnung gehabt von Lindsays Aktivitäten. Nachbarn äußerten sich zurückhaltend: „Wir haben sie nicht genau gekannt, aber er kam immer spät nach Hause und spielte laut asiatische Musik.“ Einer seiner Freunde sagte: „Er hatte sich sehr für Ringkampf und Boxen interessiert. Er ist mein Freund, ich kann nicht glauben, was passiert ist.“ Lindsay Germaines Bombe, die im tiefsten Tunnel unter dem King's-Cross-Bahnhof detoniert war, hat 25 Leute getötet.

Mohammed Sadique Khan, der sogenannte „Edgware-Road-Bomber“, gibt der betroffenen Öffentlichkeit das größte Rätsel auf. Er war Hilfslehrer in einer Volksschule und hat sich sein ganzes Arbeitsleben lang damit beschäftigt, benachteiligten Kindern den Anschluß an das britische Schulsystem zu erleichtern. Eltern waren beeindruckt von seinem Engagement und seiner Bereitschaft, sich in bedrängte junge Seelen einzufühlen. Es wird berichtet: „Die Kinder hatten ihn gern und sahen zu ihm auf. Er wußte, wie man das Beste aus ihnen herausholen konnte.“ Geboren war er in Leeds. Mit 30 Jahren war er der Älteste der Gruppe. Mit seiner Frau und ihrer 14 Monate alten Tochter lebte er in Dewsbury; seine Frau erwartet ein zweites Kind. Ihre Mutter ist eine pensionierte Lehrerin, die einmal im Buckingham-Palast von der Königin ausgezeichnet worden war. Seine Eltern kommen aus Pakistan, die Familie der Frau stammt aus Indien. Seine Bombe detonierte in der U-Bahnlinie nahe der Station Edgware Road.

„Stolz darauf, britisch zu sein“

Mit dem Namen des 22 Jahre alten Shehzad Tanweer aus Leeds, des „Aldgate-Bombers“, wird immer die Bemerkung seines Onkels verknüpft bleiben: „Er war stolz darauf, britisch zu sein.“ Freunde beschreiben ihn als sportbegeistert und als leidenschaftlichen Kricketspieler. Auch eine andere Zutat zu diesem Rätsel könnte britischer nicht sein: Der Vater betrieb eine Reihe von Fish-and-Chips-Imbissen, an deren Tresen Shezad als guter Junge manchmal aushalf, wie seine drei Geschwister. Die Familie stammt aus Pakistan. An der Universität Leeds hatte er Sportwissenschaften studiert. Dann muß etwas geschehen sein. Anfang dieses Jahres war er zwei Monate lang in Lahore zu religiösen Studien. Der Onkel widersprach der Meldung, bei dieser Gelegenheit sei er auch in Afghanistan gewesen. „Das ist nicht wahr, ich habe seinen Paß gesehen.“

Hasib Hussain wiederum, der „Bus-Bomber“, gibt der Polizei die meisten Rätsel auf. Seine Bombe war mehr als eine Stunde nach den drei Attentaten explodiert, und auch das übrige Arrangement paßt nicht ins Muster. Der Platz oben und weit hinten im ersten Stock des Doppeldeckerbusses ist aus dem Blickwinkel eines Selbstmordattentäters der denkbar ungünstigste. Es wird gemutmaßt, seine drei Begleiter seien sozusagen mit geographisch-symbolischem Vorbedacht nach Westen, Osten und Süden in den Untergrund ausgeschwärmt, und ihm sei der Norden zugewiesen gewesen. Doch die „Nördliche Linie“ der Londoner U-Bahn sei an diesem Morgen vorübergehend geschlossen gewesen; an Mitteilungen dieser Art am Schwarzen Brett sind Londoner bis zum Überdruß gewöhnt. Deshalb habe Hussain möglicherweise improvisiert.

Eine „schwierige Phase“ durchgemacht

Mit 18 Jahren ist er der Jüngste der Gruppe. Als Heranwachsender soll er eine „schwierige Phase“ durchgemacht haben. Deshalb haben seine Eltern ihn nach Pakistan geschickt, dem Heimatland der Sippe. Er sei „verändert“ zurückgekommen, habe sich einen Bart wachsen lassen und weiße Roben getragen. Sein älterer Bruder sagt, er habe sich ein bißchen gewundert; aber dann habe er sich gesagt: „Das Schlimmste, was er tut, ist Beten; warum also aufregen?“ Ein Nachbar sagt: „Sie waren alle sehr, sehr nette Leute. Wir haben sie gekannt, aber nicht besonders gut. Es waren halt nette Leute.“

Quelle: Hr., F.A.Z., 16.07.2005, Nr. 163 / Seite 5
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