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Selbstmorde auf Guantanamo Bay Sterben ohne Todesstrafe

12.06.2006 ·  Zwei Saudis und ein Jemenit haben in dem amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo Selbstmord begangen. Die ersten Todesfälle an diesem seltsamen Ort auf Kuba, an dem noch etwa 460 mutmaßliche Terroristen ohne Anklage festgehalten werden.

Von Matthias Rüb
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Kalt ist es im Gerichtssaal, zu kalt. Tritt man von der feuchten karibischen Hitze in den Raum, beginnt man sofort zu frösteln. Jemand müßte den Temperaturregler der Klimaanlage etwas nach oben schieben. Aber vielleicht gehört auch dies mit zum „Design“ des Gerichtssaals: Raum Nummer 1 im Erdgeschoß eines einstigen Verwaltungsgebäudes auf dem amerikanischen Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba, von wo sich ein imposanter Blick über das tiefblaue, im Sonnenlicht glitzernde Wasser der Bucht an der Mündung des Flusses Guantanamo bietet. Denn schließlich sind in den Vereinigten Staaten selbst alle öffentlichen Gebäude im Sommer unterkühlt - und im Winter überheizt.

Aber Guantanamo Bay gehört ja nicht zu den Vereinigten Staaten, obwohl der Gerichtssaal hier bis aufs Detail einem Gerichtssaal in Amerika gleicht: schwere Tische und Pulte mit Mahagonny-Furnier, dunkelroter Teppichboden, schwarze Lehnsessel mit Fußrollen, Mikrofone und Lautsprecheranlage - und eben die unerbittliche kühlende Klimaanlage. Wenn man vom Flughafen Fort Lauderdale in Florida mit dem zehnsitzigen Propellerflugzeug der „Air Sunshine“, zu deren Zielen außerdem die Bahamas, Puerto Rico, die Virgin Islands oder Tortola gehören, nach Guantanamo Bay abfliegt, benutzt man die Abfertigung für internationale Flüge. Und bei der Wiedereinreise werden wie üblich der Paß kontrolliert, die Fingerabdrücke genommen und ein digitales Foto gemacht.

Ein sonderbarer Ort

Der Marinestützpunkt Guantanamo Bay, von den Vereinigten Staaten seit 1903 von der Republik Kuba gepachtet, ist ein sonderbarer Ort - und das Gefangenenlager für derzeit noch etwa 460 mutmaßliche Terroristen sowie das außerhalb des Lagergeländes liegende Gebäude mit dem Gerichtssaal potenzieren gleichsam diese Sonderlichkeit. Am Wochenende hat es die ersten Todesfälle im Lager seit dessen Einrichtung im Januar 2002 gegeben. In „Camp Delta“, wo etwa 380 Gefangene in Einzel- und Gruppenzellen aus festem Metalldraht beziehungsweise Metallwänden untergebracht sind (die übrigen rund 80 Gefangenen sitzen in den Einzelzellen des „Camp 5“ genannten klimatisierten Gefängnisgebäudes aus Beton außerhalb des „Drahtlagers“), haben sich drei Männer erhängt, zwei Saudis und ein Jemenit.

Die Männer, deren Namen nicht bekanntgegeben wurden, erhängten sich in „Camp 1“, das ist jener Teil des Lagers „Camp Delta“, in dem als mäßig kooperationsbereite, andererseits aber für die Gewinnung von Geheimdienstinformationen nicht (mehr) sonderlich „wertvolle“ Gefangene untergebracht sind - in etwa zwei auf zweieinhalb Meter großen Einzelzellen aus festem, hellgrün gestrichenem Stahldraht, mit Stehtoilette aus Nirostastahl sowie Schlafpritsche samt Schaumstoffmatratze und dem schwarzen Pfeil, der die Richtung nach Mekka fürs Gebet zeigt.

Keiner der Selbstmörder war bisher angeklagt

Keiner der drei Selbstmörder war bisher von dem Militärtribunal, das in dem unterkühlten Gerichtssaaal zu tagen pflegt, angeklagt worden; und keiner wurde nach Angaben der Lagerleitung in der jüngeren Vergangenheit regelmäßig verhört. Damit dürften die Toten zu jener großen Gruppe von Gefangenen gehört haben, die sich in einer Art unbefristetem Einzelhaft-Schwebezustand befinden: Sie sind offenbar nicht die Schlimmsten der Schlimmen, aber auch keine so unbedeutenden Mitläufer, daß sie bald freigelassen oder an ihre Heimatstaat überstellt werden könnten.

Fragt man den stellvertretenden Kommandeur des Lagers, Brigadegeneral Ed Leacock, im neu erichteten Hauptquartier der Lagerleitung nach den Gründen für die jahrelange und offenbar auch künftig unbefristete Inhaftierung von etwa 460 Männern, von denen bisher aber nur zehn durch die von Präsident Bush eingesetzten Militärtribunale wegen Verbrechen von Mord bis Verschwörung angeklagt wurden, erhält man sorgsam formulierte Antworten, die sich gewiß fast wörtlich in dem Block mit der Aufschrift „Media Notes“ finden lassen, die der General der Heeres-Nationalgarde aus dem Bundesstaat Maryland vor sich auf dem Tisch liegen hat. „Das sind sehr gefährliche Leute, keine harmlosen Bauern und Händler“, sagt Leacock, und der Auftrag zum Schutz der Bürger der Vereinigten Staaten und der Verbündeten erfordere deren fortgesetzte sichere Verwahrung.

Der einzige Ort „zur systematischen strategischen Nachrichtengewinnung“

Zudem sei das Lager der einzige Ort „zur systematischen strategischen Nachrichtengewinnung“ über die Funktion und Struktur von Terrororganisationen wie „Al Qaida“. In Guantanamo Bay werde nicht gefoltert, versichert der Brigadegeneral, vielmehr versuche man in den Verhören in jaherlanger Kleinarbeit ein Vertrauensverhältnis zu den Gefangenen aufzubauen, weshalb man sogar nach einem mehr als vierjährigen Aufenthalt der Gefangenen in der völligen Isolation des Lagers noch wichtige Informationen von diesen erhalten könne.

Im Gespräch mit dem Brigadegeneral und anderen ranghohen Offizieren des Lagers ist zu erfahren, daß man für den Fall, daß das Oberste Gericht in der bis Ende Juni erwarteten Entscheidung die Verfassungsmäßigkeit der Militärtribunale grundsätzlich bestätigt, mit weiteren Anklagen wird aufwarten können. Für 14 zusätzliche Gefangene seien die Anklageschriften so gut wie fertig, für weitere zehn seien die Schriftsätze in Arbeit. Über Herkunft, Alter und Delikte der potentiellen neuen Angeklagten ist nichts zu erfahren. Von den bisher zehn Angeklagten stammt jeweils einer aus Afghanistan, Algerien, Äthiopien, Australien, Kanada und dem Sudan, jeweils zwei sind Jemeniten und Saudis.

Lauter schwebende Verfahren

Der wegen Mordes, versuchten Mordes und Verschwörung angeklagte Kanadier Omar Ahmed Khadr war zum Zeitpunkt seiner Festnahme im Sommer 2002 minderjährig; heute ist er 20 und soll sich wegen der Schwere seiner Taten als Erwachsener vor dem Tribunal verantworten. Aber selbst wenn das Oberste Gericht, das am 28. März die Argumente in einem Musterverfahren gehörte hatte, grundsätzlich grünes Licht für die Militärtribunale gibt und die angekündigten neuen Anklagen tatsächlich erhoben würden, kämen gerade einmal 34 Angeklagte auf etwa 460 Gefangene - das wären mehr als 92 Prozent weiterhin ohne Anklage unbefristet festgehaltene Inhaftierte.

Obwohl die Prozesse im Gerichtssaal von Guantanamo Bay wegen des schwebenden Verfahrens vor dem Obersten Gericht gewissermaßen auf Eis liegen, finden dort regelmäßig Anhörung zu Anträgen der Anklage und der Verteidigung statt - zum Beispiel an diesem Dienstag im Verfahren „US v. Binjam Ahmed Muhammad“. Acht Plätze freilich bleiben leer: Es sind die der Geschworenen. Die Soldaten und Offiziere der amerikanischen Streitkräfte braucht man erst, wenn das Hauptverfahren beginnt. Bisher droht keinem der Angeklagten die Todesstrafe. Das Sterben hat in Guantanamo dennoch begonnen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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