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Seit 1952 bekannt

11.11.2010 ·  Unfassbare Realität: Die wiederentdeckte Reisekostenabrechnung zur "Liquidation von Juden" / Von Rainer Blasius

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Hin und wieder machen Historiker in Archiven sensationelle Funde. Hin und wieder finden sie auch nur das, was längst bekannt ist. Jedenfalls brachte es die Unabhängige Historikerkommission (UHK) des Auswärtigen Amts (AA) fertig, durch ein als besonders brisant und neu empfundenes Schriftstück das Interesse auf sich zu lenken. Über das zum Finderentsetzen führende Finderglück heißt es im UHK-Bericht, der unter dem Titel "Das Amt und die Vergangenheit" als Buch vorliegt: "Im Oktober 1941 entsandte das Auswärtige Amt seinen ,Judenreferenten' Franz Rademacher [...] nach Belgrad, um dort mit Vertretern anderer deutscher Behörden, darunter dem Reichssicherheitshauptamt, die Behandlung der serbischen Juden zu koordinieren. Worum es ging, verrät nicht ein Geheimdokument, sondern die Reisekostenabrechnung, die Rademacher nach seiner Rückkehr in Berlin einreichte. Jeder Buchhalter in der Reisekostenstelle des AA konnte es lesen: Reisezweck war die ,Liquidation von Juden in Belgrad'."

Der Marburger Historiker und UHK-Sprecher Eckart Conze meinte dazu wenige Tage vor der Buchpräsentation: "Der Fall beweist, dass innerhalb des Auswärtigen Amtes der Massenmord an den Juden kein Geheimnis war. Bis hinunter zum Buchhalter wusste man Bescheid." Daher gab er die eingängige Losung aus, das AA sei eine "verbrecherische Organisation" gewesen. Dies beeindruckte Außenminister Westerwelle (FDP) derart, dass er bei der Übergabe von "Das Amt" am 28. Oktober auf Rademacher Bezug nahm: "Liquidation von Juden schrieb er als Reisegrund auf. Das Unfassbare war Realität. In diesem Auswärtigen Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen."

Natürlich lässt eine solche Quelle "niemanden kalt", wie auch viele andere Schilderungen und Zitate im Kommissionsbericht. Höchst begrüßenswert ist zudem, dass so die Neugier einer breiten Öffentlichkeit geweckt wird an der schrecklichsten Phase der AA-Geschichte, die allerdings nur mit Unterstützung namhafter Historiker und Journalisten über Jahrzehnte erfolgreich verklärt werden konnte als "Stätte der Opposition" und als "Hort des Widerstandes gegen Hitler".

Wie "neu" ist Rademachers Reisekostenabrechnung? Wurde das Stück vielleicht in der angeblich so dunklen Adenauer-Zeit unterdrückt? Ein Blick in das digitalisierte Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Suchbegriff "Franz Rademacher" - belehrt jeden Benutzer schnell eines Besseren. So meldete die F.A.Z. am 8. September 1951, dass in Bonn Franz Rademacher verhaftet worden sei. Anfang 1952 begann der Prozess vor dem Nürnberger Schwurgericht, ein ausführlicher Bericht erschien dazu am 18. März. Hier ging es um die "Beweisführung gegen den Verurteilten" und um Rademachers Dienstreise: "Darüber hinaus beweise der von Rademacher auf seiner Reisekostenabrechnung angegebene Reisezweck ,Liquidation von Juden in Belgrad', dass Rademacher nach seiner Reise die Überzeugung gehabt habe, an der Tötung von Juden ohne jeden Rechtsgrund beteiligt gewesen zu sein."

Der Rademacher-Prozess fiel übrigens in die letzte Phase jenes Bundestags-Untersuchungsausschusses Nr. 47 zur "Prüfung, ob durch die Personalpolitik Missstände im Auswärtigen Dienst eingetreten" seien. Im Abschlussbericht vom Juni 1952 hieß es, dass Besoldungsakten zunächst nicht vom Ausschuss beigezogen worden seien, weil man geglaubt habe, dass sich darin "wirklich interessante Einzelheiten nicht befinden" würden: "Diese Annahme wird widerlegt durch die Geldakte des Legationsrates Rademacher. Darin befindet sich u.a. der Antrag vom 15. Oktober 1941 auf Genehmigung einer Dienstreise nach Belgrad, Budapest und Agram. Als Zweck der Reise gab der Referatsleiter D III im Berliner AA wörtlich an: ,Abschiebung von 8000 Juden.'" Die Abrechnung wurde hier nicht erwähnt, was offensichtlich zur Folge hatte, dass die Forschung das Dokument etwas aus dem Blick verlor (mit Ausnahme des amerikanischen Historikers Christopher R. Browning, der 1978 daraus zitierte). Erwähnt wurde es 1968 im "Spiegel" (Heft 8): "In der Nürnberger Schwurgerichtsverhandlung 1952 leugnete der Angeklagte Rademacher so lange, bis der Staatsanwalt Reisekostenabrechnungen aus den Akten verlas. Reisegrund des Legationsrats: ,Liquidation von Juden in Belgrad.'"

Zwei Jahre später feierte Walter Scheel (FDP) als Bundesaußenminister mit dem AA dessen 100. Geburtstag. Angesichts der "wechselvollen Geschichte" meinte der Minister beim Festakt am 9. Januar 1970: "Dies ist für uns kein Anlass zu selbstzufriedener Feierlichkeit oder unangemessenem Pathos." Dennoch sei "ein wenig Stolz" angebracht, "denn der Auswärtige Dienst hat in den guten und schlechten Tagen seiner hundertjährigen Geschichte Traditionswerte entwickelt und zu erhalten gewusst", die "noch immer gültig" seien. Das eigentliche Gedenken überließ Scheel keinem Geringeren als Golo Mann. Der Remigrant, Noch-Willy-Brandt-Anhänger und Sohn von Thomas Mann, pries ausführlich den Auswärtigen Dienst des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Die Zeit des Nationalsozialismus kam nur knapp und ziemlich verschlüsselt vor: "In der letzten Epoche des Reiches war in der Tat starke politische Führung, einer gewissen Art, und ihr gegenüber das Auswärtige Amt ein Hort ohnmächtig retardierender Tradition. Nebenbei, ungefähr wie die Armee, ein Asyl dessen, was man später die innere Emigration genannt hat. Hier, am Rande - nein, nicht nur am Rande, auch im Zentrum, denken wir an Ulrich von Hassell, denken wir an den Grafen von der Schulenburg -, haben sich seelische Kämpfe abgespielt, haben Tragödien von Heldentum und Opfer stattgefunden, deren Ruhm man dem Amt zurechnen mag, wenn man es denn als eine einzige Identität ansieht, nicht als ein Gewimmel unterschiedlicher Menschen, unterschiedlicher Bestrebungen in der Zeit, wie auch in der Gegenwart."

In der damals vom AA herausgegebenen Hochglanz-Festschrift "100 Jahre Auswärtiges Amt 1870-1970" war von der "starken Beteiligung von Angehörigen des Auswärtigen Dienstes an der Widerstandsbewegung und den Ereignissen des 20. Juli" die Rede. Hans Günther Sasse, Leiter des Politischen Archivs des AA, brachte das Kunststück fertig, weder das berüchtigte Wannsee-Protokoll noch Rademachers Namen auch nur beiläufig zu nennen. Er erwähnte allerdings die "im Mai 1940 geschaffene Deutschlandabteilung des Unterstaatssekretärs Luther, die die Verbindungen zur Partei und ihren Gliederungen, zur SS, dem SD und dem Reichssicherheitshauptamt aufrechtzuerhalten hatte. Hier wurden auch die jüdischen Angelegenheiten, soweit sie das Auswärtige Amt betrafen, federführend behandelt. Diese Abteilung ist der eigentliche Eiterherd im Amt gewesen."

Solche heutzutage dümmlich wirkende Schönfärberei hielt den "Spiegel" nicht davon ab, 1971 in Heft 14 in einem vierseitigen Artikel über "NS-Diplomaten" zum wiederholten Male an Rademachers Spesenabrechnung "Liquidation von Juden" zu erinnern. Außerdem nahm sich die historische Forschung seit den siebziger Jahren verstärkt der "Wilhelmstraße" samt der Judenpolitik und dem Vorzeige-Diplomaten Ernst von Weizsäcker, dem AA-Staatssekretär von 1938 bis 1943, an.

Dass sich die Sicht des Amts auf die eigene Geschichte zu wandeln begann, machte Ludwig Biewer 1995 in der Festschrift "125 Jahre Auswärtiges Amt" deutlich: "Die geringe Zahl der aktiven Widerstandskämpfer aus dem Auswärtigen Dienst zeigt, dass das Auswärtige Amt zwischen 1933 und 1945 kein Hort des Widerstands gegen die braune Tyrannei war, aber es war genauso wenig eine von der SS beherrschte nationalsozialistische Behörde. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte." Just dieses Zitat griff Westerwelle - ohne namentliche Nennung des Autors - bei der Buchvorstellung von "Das Amt" auf und schlussfolgerte: "Und da liegt sie eben nicht." So durften sich Biewer, seit 2003 Leiter des Politischen Archivs des AA, und seine Archiv-Mannschaft öffentlich gerügt fühlen.

Die hin und wieder vorschnell bejubelte Einschätzung von der "verbrecherischen Organisation" machte sich übrigens UHK-Mitglied Norbert Frei nicht zu eigen. Vielmehr stellte der Jenaer Zeithistoriker und Meisterschüler von Martin Broszat in einem Interview klar: "Das ist ein Begriff aus der Nürnberger Anklageschrift, der kommt in unserem Buch nicht vor. Die Reichsregierung wurde - im Unterschied zu SS, Gestapo, SD und Politischen Leitern der NSDAP - in diesem Sinne nicht verurteilt. Das Ministerium ist für die Verbrechen des Regimes mitverantwortlich, aber der Begriff hilft analytisch nicht weiter. Und er lenkt ab von der skandalösen Selbstentschuldung nach 1945." Hoffentlich pendelt sich die aufgeregte Diskussion um das AA im "Dritten Reich" auf ein solches hohes Niveau ein.

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Von Timo Frasch

Die hiesigen Muslime hören auf, nur ein Teil Deutschlands zu sein, und fangen an, zu Deutschland zu gehören, wenn ihre Deutschkenntnisse gut genug sind, um zu erahnen, was Wulff, Gauck oder Söder mit ihren jüngsten Einlassungen zum Thema gemeint haben könnten. Mehr 5 7