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Second Life Reale Enttäuschung in der virtuellen Welt

22.03.2007 ·  Millionen Menschen, so wird behauptet, haben sich schon eine zweite Existenz in „Second Life“ zugelegt. Doch die von den Medien gefeierte „Wunderwelt“ wird überschätzt. Ein Besuch holt den Neugierigen schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Von Stefan Tomik.

Von Stefan Tomik
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Die gute Nachricht vorneweg: Es gibt ein zweites Leben. Die schlechte: Es ist auch nicht besser als das erste. Mehrere hunderttausend Menschen probieren es derzeit aus. Sie erstellen ihren eigenen Avatar, eine Figur, die nur aus Pixeln besteht, und steuern sie mit ihrem Computer durch die virtuelle Onlinewelt von „Second Life“. Dort können sie Gegenstände erfinden, Häuser bauen, Konzerte besuchen, Handel treiben. Mit Slogans wie „Erfinde Dich neu“, „Sei endlich frei“ und ähnlichen Anklängen an sektenartige Reinigungsrituale wirbt die amerikanische Firma Linden Lab für ihr künstliches „Metaversum“. Hier haben Politiker Wahlkampfbüros eröffnet, Professoren halten virtuelle Vorlesungen, Firmen präsentieren Produkte, und eine Zeitung berichtet ausschließlich über Ereignisse aus der künstlichen Welt. Auch die Medien der ersten Welt berichten über die Online-Plattform, als sei das Internet schon neu erfunden. Ein Besuch in „Second Life“ holt Neugierige - so seltsam es klingen mag - schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn die neue Welt sieht der alten verdammt ähnlich.

Längst hat die Kriminalität „Second Life“ erobert. Wiederholt berichten Bewohner, dass selbsterstellte Gegenstände zerstört oder gestohlen wurden. Oder ein Avatar streicht Geld für ein Geschäft ein, macht sich dann aber aus dem Staub. Immer wieder werden „Infohubs“, wo sich Neulinge Knowhow für die digitale Welt aneignen können, Ziele von „Angriffen“ aller Art. An einem solchen Infohub tauchen plötzlich aus dem Nichts zwei „German officers“ im Führer-Look auf. Sie tragen dunkle Nazi-Uniformen mit langem Mantel, Schärpe und Armbinde. Die Figuren ziehen Pistolen, tanzen und rufen - auf Englisch - „Ich liebe Adolf Hitler“ und „Juden müssen sterben“. Eine klare Verletzung jener sechs Grundregeln, die Linden Lab für das „Zusammenleben“ in „Second Life“ aufgestellt hat. Aber sie wird folgenlos bleiben, denn eine Polizei oder Gerichte gibt es nicht.

Der Avatar ist des Avatars Wolf

Zwar können Teilnehmer bei Regelverstößen eine Beschwerde einlegen, doch Linden Lab kümmert sich kaum um die Ärgernisse des Online-Alltags. Selbst als sich die kleine, aber gemeine Software „Copy Bot“ ausbreitete, mit der mühelos Gegenstände und sogar ganze Avatare geklont werden konnten, sah sich Linden Lab zunächst nicht in der Verantwortung. Man sei nicht für die Verfolgung von Copyright-Verletzungen zuständig, ließ die Firmenzentrale in San Francisco wissen und verwies Geschädigte an das U.S. Copyright Office in Washington. Erst nach Protesten genervter Geschäftsleute, die sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen sahen, erließ Linden Lab ein vorläufiges Verbot des „Copy Bot“ und drohte, Teilnehmern bei Missachtung den Zugang zu sperren. Solange der Schöpfer des „zweiten Lebens“ nicht persönlich eingreift, herrscht im digitalen wilden Westen die Anarchie - der Avatar ist des Avatars Wolf.

Dabei ist gerade das Urheberrecht für die Wirtschaft in „Second Life“ von elementarer Bedeutung. Anders als bei vielen Online-Rollenspielen, in denen alles, was die Spieler schaffen, dem Betreiber gehört, sichert Linden Lab den Teilnehmern ausdrücklich das geistige Eigentum an allem zu, was sie kreieren. Dazu gehören die Avatare genauso wie selbstgestaltete Objekte und deren Design. Nur deshalb können in „Second Life“ immer neue Geschäftsmodelle entwickelt werden: Programmierer verkaufen Kleidung für Avatare, Architekten entwerfen Häuser, Designer Halsketten, Hüte und Handtaschen. Angeblich haben schon Menschen ihre Jobs im ersten Leben gekündigt und sichern ihre Existenz allein durch Geschäfte in „Second Life“. Aber anders als oft suggeriert gelingt das nur wenigen.

„Geldbäume“ und die Stromrechnung

Wer in „Second Life“ sein Geld mehren möchte, kann es von Geldbäumen pflücken oder durch „Camping“ verdienen. Weil manche Firmen möglichst viele Avatare auf ihr Gebiet locken wollen, um in der Verkehrsstatistik vorteilhaft gelistet zu werden, verschenken sie Linden-Dollar in kleinen Beträgen. Im „Club Sin“ etwa lassen sich durch eine Stunde Herumsitzen in einem Sessel 14 Linden-Dollar verdienen. Das klingt zunächst phantastisch, hat aber einen Nachteil: Bei einem Kurs von 270:1 entspricht der Betrag etwa fünf realen amerikanischen Cent. Die Stromrechnung für den laufenden Computer aus dem ersten Leben wäre höher als der Gewinn aus dem „Camping“ im zweiten.

Um den Anschluss nicht zu verpassen, schießen die Repräsentanzen internationaler Unternehmen in „Second Life“ derzeit wie Pixel aus dem Boden. Allein die Ankündigung, in die virtuelle Welt einzuziehen, sorgt für Aufmerksamkeit - und kostenlose Werbung durch Presseberichte. Die Meldung, dass Mazda Avataren virtuelle Probefahrten in einem neuen Modell anbietet, hielten gleich mehrere Zeitungen für berichtenswert. Wie sinnvoll eine „Probefahrt“ ist, wenn Grafik und Steuermöglichkeiten hinter denen selbst simpelster Autorennspiele der achtziger Jahre zurückbleiben, wird gar nicht erst gefragt.

„Das Nachtleben ist bunt und wild“

Kürzlich bezog auch Mercedes Benz eine reine Online-Repräsentanz. Abends um halb neun liefen etwa 50 Avatare durch die Räume - und staunten nicht schlecht. „Sind ja noch nicht mal Autos da“, wundert sich Benny Benelli. Von dem lange angekündigtem Start ins „Second Life“ hatte sich mancher mehr versprochen als ein Autohaus ohne Autos.

Überhaupt hält die Onlinewelt so manche Enttäuschung bereit. Doch in den meisten Medien klingt das anders, sie besorgen das Geschäft von Linden Labs Werbeabteilung gleich mit: „Das Nachtleben in Second Life ist bunt und wild.“ Sie schicken regelmäßig eigene Avatare auf die Reise durchs Metaversum und berichten über deren „Erlebnisse“. Dann lassen sich so plakative Überschriften formulieren wie etwa „Wie Sponto im Sexshop landete“.

Eine Wochenzeitung gibt Tipps zum „Schöner Leben in Second Life“ und empfiehlt ihren Lesern allen Ernstes „sieben Dinge, die Sie Ihrem Avatar dringend anschaffen sollten“, darunter die Damenhandtasche „Kamilu Bag“. Die Erfüllung der „Sehnsucht nach dem anderen Leben“ liegt demnach genau darin, die Wünsche und Sehnsüchte des ersten Lebens eins zu eins auf das zweite zu übertragen. Wirklich avantgardistisch klingt das nicht.

Überschätzte „Wunderwelt“

Derselbe Verlag gibt mit dem „Avastar“ eine reine Second-Life-Zeitung heraus, seit kurzem auch auf deutsch. Sieben Redakteure berichten wöchentlich auf etwa 30 Seiten im Stil der „Bild“-Zeitung über Mode, Technik, Veranstaltungen und ein bisschen Politik aus der Onlinewelt. Bei Randy Barracuda - einer Art Dr. Sommer - weinen sich Avatare über ihr angeblich so schwieriges Beziehungsleben aus. Sogar Leserreporter wirbt der „Avastar“ - für jeden veröffentlichten Screenshot eines ungewöhnlichen Ereignisses winken 500 Linden-Dollar.

Wie viele Menschen regelmäßig ihre Freizeit in der „Wunderwelt“ verbringen, wird oft überschätzt. Nicht hinter jedem der mittlerweile fast fünf Millionen angemeldeten Avatare steht tatsächlich ein Mensch. Bereinigt man die Angaben um alle Einträge, bei denen sich E-Mail-Adresse oder Kreditkartennummer gleichen, sowie um jene, die nach der Registrierung nie die Onlinewelt betreten haben, weil etwa ihr Computer mit den vielen Daten gar nicht fertig wird, bleiben laut Linden Labs Angaben von Ende Januar nur noch knapp zwei Millionen sogenannte unique residents. Auch unter ihnen dürften sich noch Doppelregistrierungen befinden, denn dazu bedarf es nicht einmal einer korrekten E-Mail-Adresse. Und von den unzähligen Neugierigen, die „Second Life“ nur „mal ausprobieren“ wollten, dürften mittlerweile viele wieder abgesprungen sein. Experten rechnen daher mit 600.000 bis 800.000 regelmäßigen Teilnehmern weltweit.

„Second Life ist nur die Initialzündung“

Der Philosoph Norbert Bolz von der Technischen Universität Berlin will darin keinen Eskapismus sehen, keine Flucht aus der realen Welt, sondern eher „eine Chance für all jene, die im ersten Leben Schiffbruch erlitten haben“. „Second Life ist nur die Initialzündung. Es wird in Zukunft noch ganz andere Angebote geben, die die Realität duplizieren.“ Das vermutet auch Bernd Schmitz von der Rheinischen Fachhochschule Köln. „Second Life ist heute das, was einst das Bildschirmtext-System war“, sagt Schmitz. „Die Möglichkeiten eines dreidimensionalen Internets sind noch lange nicht ausgeschöpft.“

Das könnte man auch über die Phantasie seiner Bewohner sagen. Da wird ein zweites Leben verheißen, mit fast grenzenlosen Möglichkeiten, und was tun jene, die es wagen wollen? Sie bauen Häuser, obwohl es niemals regnet; sie bauen Straßen, obwohl ihre Figuren fliegen können. Und am Ende nennen sie ihre Städte auch noch Dublin, Amsterdam oder Venice Beach.

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