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Schweinegrippe Die unterschätzte Pandemie

19.12.2009 ·  Geschätzte sechs Millionen Personen ließen sich in Deutschland bislang gegen das H1N1-Virus impfen. Das sind nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung - der schlechteste Wert in ganz Europa. Die Pandemie kann weiterhin als „moderat“ bezeichnet werden. Trotzdem sollte sie noch immer nicht unterschätzt werden.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Die Massenimpfung gegen die Schweinegrippe ist bislang eine Erfolgsgeschichte. Die Impfstoffe wirken und schützen offenbar schon nach einmaligem Einsatz, wirklich schwerwiegende und nicht zu erwartende Nebenwirkungen hat es nach der Impfung bislang nicht gegeben. Und das, obwohl sich schon viele Millionen Menschen mit einem der drei zur Verfügung stehenden Seren immunisieren ließen. Allerdings gab es Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung. Doch da es sich überwiegend um chronisch vorerkrankte Personen gehandelt hat, ergaben die Autopsien keine Hindernisse gegen die Impfung. Aber auch von neurologischen Reaktionen wurde berichtet, darunter zwei Fälle des besonders gefürchteten Guillain-Barré-Syndroms. Welchen Anteil jedoch die Impfung an einer Erkrankung hat, die übers Jahr gesehen bei etwa 1400 Menschen in Deutschland auftritt, lässt sich kaum sagen.

Negativ auf den landesweiten Erfolg der Impfung wirkt sich die Impfrate aus: Geschätzte sechs Millionen Personen ließen sich in Deutschland bislang gegen das H1N1-Virus immunisieren. Das sind nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung – der schlechteste Wert in ganz Europa. Das stets vorbildlich impfbereite Schweden erreicht inzwischen fast die 50-Prozent-Marke. Alle wohlmeinenden Impfempfehlungen – das Bundesgesundheitsministerium hat noch eine Anzeigenkampagne gestartet – scheinen hierzulande nicht zu fruchten: Mehr als 40 Millionen Dosen des von den Bundesländern bestellten Impfstoffs Pandemrix bleiben wohl ungenutzt und werden vermutlich schon bald an weniger gut versorgte Länder abgegeben.

Was war in den vergangenen Monaten nicht alles befürchtet worden: Der Impfstoff Pandemrix sei mit seinen Wirkverstärkern gefährlicher als die andern beiden Seren Celvapan (der in Deutschland vor allem Bundeswehrsoldaten gespritzt wurde) und Focetria. Doch die drei Antigene nehmen sich nach Angaben der Europäischen Arzneimittelagentur mit Sitz in London im Grunde nichts. Das hierzulande so umstrittene Pandemrix, das nach Ansicht von Impfkritikern vor allem für Kinder und Schwangere ungeeignet zu sein schien, ist in Schweden vieltausendfach bei genau diesen Risikogruppen eingesetzt worden: bei 102.000 Kleinkindern unter drei Jahren und bei 31.000 schwangeren Frauen. Alarmierende Vorkommnisse gab es nicht.

Die Welle rollt noch

Trotzdem war die Entscheidung, einen weiteren Impfstoff bereitzustellen, richtig: Seit dieser Woche steht ein Serum für Schwangere zur Verfügung, das der australische Pharmakonzern CSL Biotherapies entwickelt hat und der ohne Wirkverstärker und quecksilberhaltige Konservierungsmittel auskommt.

Die Pandemie, die eine ist und vorerst bleibt, kann weiterhin als „moderat“ bezeichnet werden. Trotzdem sollte sie noch immer nicht unterschätzt werden. Zwar erscheint die Zahl der bisherigen Todesfälle als gering im Vergleich zu den Tausenden Toten, die in manchen saisonalen Grippewellen gezählt wurden. Doch gab es auch schon Winter in Deutschland (zum Beispiel 2000/2001), in denen nicht einmal 80 Menschen an der Influenza starben. Diese Zahl hat die Schweinegrippe mit ihren bislang bekannten 119 Toten schon klar überschritten.

Und die erste Welle der Schweinegrippe rollt noch. Zwar gab es vor vier Wochen schon einen Höhepunkt mit an die 50 000 Neuinfektionen in einer Woche, derzeit sind es noch etwa 7000. Die eigentliche Influenzasaison indes steht erst bevor. Dabei wird nach vorherrschender Erwartung das Schweinegrippevirus H1N1 der vorherrschende Erreger bleiben. Die Zahl der Todesfälle durch das Pandemievirus kann auch dann geringer bleiben als in einer starken saisonalen Welle – so war es bereits auf der Südhalbkugel, wo der Winter inzwischen vorbei ist. Opfer werden weiterhin vor allem jüngere Menschen sein – bislang waren nicht einmal 20 Prozent der Verstorbenen älter als 60 Jahre. Gerade das unterscheidet die pandemische Influenza von einer normalen Grippe. Daher verweist das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention in Stockholm ausdrücklich darauf, dass die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch die neue Grippe höher sein könnte als in saisonalen Wellen.

Was in diesem Winter noch zu erwarten ist, lässt sich nicht abschätzen. Die kalte, trockene Luft befördert die Verbreitung, Grippeviren mögen geringe Luftfeuchtigkeit und niedrige Temperaturen. Die Schleimhäute der Atemwege sind im Winter anfälliger als sonst. Nicht umsonst tritt die saisonale Grippe nur in den frostigen Monaten auf. Zudem könnte es mindestens eine weitere Schweinegrippewelle geben, wie sie in immer mehr Ländern anzurollen droht.

Wie auch immer: Deutschland ist gut vorbereitet. Die sehr schlimmen Befürchtungen haben sich bislang nicht bewahrheitet. Wir haben nicht, wie in den Vereinigten Staaten, Zigtausende Tote durch die Schweinegrippe zu verzeichnen. Das sollte uns freuen. Stattdessen scheinen manche gerade dies den obersten Gesundheitsbehörden vorzuhalten. Auch Ärzte, die die Verträglichkeit der Schweinegrippe-Impfung kennen, lehnen sie ab und halten so erst ihre Patienten davon ab, sich zu schützen. Das ist das Gegenteil von Vorsorge.

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