19.10.2009 · Das Drehbuch hatte die perfekte Dramaturgie: Da wird das Volk angeblich einem dubiosen Impfkartell ausgeliefert, und die Politik sitzt an den Schalthebeln. Doch es gibt keinen einzigen seriösen Hinweis für eine Zwei-Klassen-Medizin oder sonstige Verschwörungstheorien.
Von Joachim Müller-JungAlles, was bisher an Verschwörungstheorien gegen Impfungen ins Feld geführt wurde, ist in den vergangenen Tagen von der Realität beinahe übertroffen worden. Da wird das Volk angeblich einem dubiosen Impfkartell ausgeliefert, und die Politik sitzt an den Schalthebeln.
Wie soll das der Bürger auch verstehen, wenn für Minister ein anderer, vermeintlich nebenwirkungsärmerer Pandemie-Impfstoff bestellt wurde als für die Massen, die von den Mächtigen zur Massenimpfung gebeten werden? Das Szenario passt so genau in das Bild, das nach den Schlagzeilen über angeblich ungeprüfte Pandemieimpfstoffe erzeugt oder wenigstens insinuiert wurde, dass die Gründe der Ungleichbehandlung erst einmal in den Hintergrund traten - und von den Berliner Verantwortlichen auch erstaunlich lange nicht plausibel erklärt werden konnten. Die reflexhaften Kommentare - „Zwei-Klassen-Medizin“ - waren da fast zwangsläufig.
Keine Zwei-Klassen-Einteilung
Bis hierher war das die perfekte Dramaturgie einer Verschwörung. Zum Skandalstück würde das Theater allerdings nur taugen, wenn auch das Drehbuch plausibel wäre. Wenn man den exklusiven „Politiker“-Impfstoff in Berlin mit vollem Vorsatz und dem Wissen geordert hätte, dass er tatsächlich der bessere, wirksamere oder wenigstens verträglichere Impfstoff sei. Nichts davon aber trifft offenbar zu. Nur Hellseher hätten das zum Zeitpunkt der Bestellung behaupten können.
Nach den Zulassungsstudien aller Pandemie-Impfstoffe und nach langjährigen Erfahrungen mit anderen Vakzinen gibt es keinen einzigen seriösen Hinweis, der eine qualitative Zwei-Klassen-Einteilung rechtfertigen könnte. Das zuständige Bundesinstitut und die europäische Genehmigungsbehörde haben vor wenigen Tagen festgestellt, dass man bei den neueren europäischen Impfstoffen, die mit Wirkungsverstärkern versehen sind, etwas häufiger mit Rötungen, leichten Schmerzen an der Einstichstelle oder leichtem Fieber rechne.
Aber diese fast immer rasch abklingenden Nebenwirkungen sind paradoxerweise der Preis für die etwas erhöhte Wirkung bei gleicher Dosis, wie sie für einen Pandemieimpfstoff ursprünglich gewünscht war. Unter dem Strich rechnen alle Experten nach den Studien mit einer ähnlichen Qualität wie bei bewährten Grippeimpfstoffen. Endgültige Gewissheit wird man, wie immer bei solchen Impfstoffeinführungen, erst später haben. Stoff für eine Verschwörung ist das aber nicht.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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