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Schuldenkrise in Griechenland Die Nacht, in der Athen brannte

13.02.2012 ·  Athen versank im Chaos, während die Abgeordneten im griechischen Parlament über das jüngste Sparpaket der Regierung stritten. Sogar Waffengeschäfte wurden geplündert.

Von Michael Martens
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© AFP Hass auf Marmor: An der Hauptgeschäftsstelle der Bank of Greece, die von Demonstranten in die „Bank of Berlin“ umbenannt wurde

Um zwanzig Minuten nach Mitternacht, als die Abgeordneten im griechischen Parlament mit der Abstimmung über das jüngste Sparpaket der Regierung beginnen, hat sich die Athener Innenstadt längst in ein Schlachtfeld verwandelt. Die Parlamentarier, von einem aus mehreren hundert hochgerüsteten Sonderpolizisten gebildeten Schutzring vor der Außenwelt abgeschirmt, können über die Fernsehsender verfolgen, wie Teile der griechischen Hauptstadt in Flammen aufgehen. An mehreren Dutzend Stellen brennen Gebäude, ein schwerer Dunst aus Rauch und Tränengas wabert durch die Straßen. Bürgerkriegszenen.

Am Nachmittag noch hatte Aleka Papariga, die seit fast einem Vierteljahrhundert Generalsekretärin des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Griechenlands ist, die Regierung dafür kritisiert, dass sie einen Bürgerkrieg geradezu herbeirede mit ihren ständigen Warnungen vor dem Chaos, das dem Land im Fall einer Ablehnung der Sparmaßnahmen drohe. Sie fragte, warum staatliche Fernsehsender in jüngster Zeit so viele historische Dokumentarfilme über den griechischen Bürgerkrieg zeigten. „Wir sind nicht an einem geretteten Griechenland mit einem bankrotten Volk interessiert“, begründete Frau Papariga später die Ablehnung der Sparmaßnahmen durch die Kommunisten. Im Übrigen seien Krisen eine unvermeidliche Begleiterscheinung des kapitalistischen Systems.

Sprengkörper, Brandbomben und Tränengas

Kurz vor sechs Uhr am Abend, die Debatte im Parlament stand noch am Beginn, nimmt die Gewalt ihren Lauf. Vermummte beschießen die Polizei vor dem Parlament mit Sprengkörpern und Brandbomben. Doch die Polizisten, denen wie allen Beamten mehrfach das Gehalt gekürzt wurde, weichen nicht. Sie setzen massenhaft Tränengas ein, und so ziehen sich die Schlägertrupps zu Plünderungszügen in die umliegenden Straßen zurück. Dort gibt es keine Polizei. Spätestens jetzt ist klar, dass es wieder einmal einigen hundert vermummten Verbrechern gelingen wird, die Medienbilder zu kapern. Die große Mehrheit der Athener hat wie stets friedlich gegen die neuen Sparmaßnahmen der Regierung demonstriert, doch ihr Protest gerät zur Nebensache.

Am Morgen hat sich der Geruch von Tränengas und Rauch verzogen. Die Randalierer, die wenige Stunden zuvor eine Schneise der Verwüstung durch die Innenstadt gezogen hatten, sind schlafen gegangen. Die Aufräumarbeiten haben begonnen. Menschen hasten zur Arbeit, Rentner und Schaulustige stehen vor ausgebrannten Gebäuden und geplünderten Geschäften. Zu Zerstörungen ist es fast ausschließlich in dem Gebiet zwischen dem Syntagma-Platz vor dem Parlament und dem etwa einen Kilometer nordwestlich davon gelegenen Omonia-Platz gekommen, hinter dem eine einstmals bürgerliche Gegend immer mehr zu einem von illegalen Einwanderern und Rauschgiftsüchtigen bevölkerten Elendsviertel herabsinkt.

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© reuters In der griechischen Hauptstadt kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Das Parlament billigte in der Nacht zum Montag das Reformpaket trotz zahlreicher Abweichler.

Auf der Panepistimiou-Straße, einem fünfspurigen Boulevard, der Syntagma und Omonia verbindet, sind die Schäden besonders groß. Fast alle Bankfilialen wurden zerstört. Jenseits davon, in der Plaka und im Studentenviertel Exarchia, blieb es weitgehend ruhig. Am unteren Ende des Panepistimiou-Boulevards brachen die Plünderer hingegen in zahlreiche Geschäfte ein. Auf dem Omonia-Platz wurde ein Kaffeegeschäft zerstört, etwas weiter erregten die Turnschuhe eines amerikanischen Sportartikelherstellers die Aufmerksamkeit der Täter. Doch die Schaulustigen haben sich vor einem anderen Laden versammelt. Neben einem der Ausgänge des U-Bahnhofs Omonia wurde ein Waffengeschäft ausgeraubt.

Die Verpackungen ihrer Beute ließen die Täter liegen: „Colt Defender. Quality makes it a Colt“. Und dass irgendwo in Athen jetzt ein Verbrecher mit einer „MK 23 Special Operation“ von Heckler und Koch (mit Schalldämpfer) herumläuft, lässt nichts Gutes ahnen. Die Art, wie das Geschäft aufgebrochen wurde, zeugt von der Professionalität der Täter. Zunächst haben sie mit Stemmeisen das stählerne Gitter vor dem Laden aus seiner Verankerung gehebelt, um dann mit einem Rammbock das Panzerglas zu zerstören. Von der Polizei wurden sie nicht daran gehindert, denn die kam erst etwa zwei Stunden nach dem Beginn der Ausschreitungen in diese Gegend der Stadt. Ein Polizeisprecher berichtete am Montag von einer „neuen Qualität“ der Überfälle. Offenbar seien die Banden in vielen kleinen Gruppen von sechs bis zehn Mann ausgeschwärmt. Das nötige Werkzeug hatten sie dabei.

Ein Name als Anlass zur Zerstörung

In der Benaki-Straße sind zwei Häuser ausgebrannt. In einem hatte sich eine Filiale der Elektronikkette „Germanos“ befunden. Womöglich war allein der Name Anlass für die Zerstörung. Daneben brannte ein achtstöckiges Bürogebäude aus. Der Brand wurde gegen neun Uhr gelegt, doch erst zwei Stunden später, mit der Rückendeckung von etwa 30 Polizisten, konnte die zuvor an den Löscharbeiten gehinderte Feuerwehr anrücken. An diesem Morgen quillt eine dunkle, stinkende Flüssigkeit aus dem Gebäude auf die Straße. Die Feuerwehr bereitet ihren Abzug vor. Einige Armutsgestalten in Lumpen, junge Männer aus Südasien, Pakistaner vielleicht oder Afghanen, sehen ihnen zu. Sie ziehen mit einem Einkaufswagen durch die Straßen und suchen in den Ruinen nach Brauchbarem. Viel haben sie nicht gefunden.

Die Besitzer zerstörter Geschäfte gehen unterschiedlich mit ihrem Unglück um. Manche haben die Ärmel hochgekrempelt, tragen verkohltes Mobiliar auf die Straße und schrubben die verschmutzten Fußböden. Eine Woche werde er brauchen, dann könne er wieder öffnen, sagt der Besitzer eines zerstörten Bistros in einer Passage bei der Universität. Andere sind weniger tatkräftig. Sie wandern über die Scherben hin und her, wirken unschlüssig, verzweifelt.

Schon im Dezember 2008 waren viele Geschäfte hier zerstört worden von wohlstandsverwöhnten Jugendlichen, die Athens Zentrum mehrere Tage lang zu ihrem Abenteuerspielplatz umfunktioniert hatten. Damals hatte die Regierung von Ministerpräsident Karamanlis die Besitzer zerstörter Läden entschädigt. Es war die Zeit, als Athen noch mit Geld um sich warf. Das ist jetzt vorbei. Manche Läden werden wahrscheinlich nicht wieder öffnen.

Auf der Stadiou-Straße ist eines der schönsten Gebäude des alten Athen in Flammen aufgegangen und eingestürzt. Der Bau beherbergte einen prächtigen Kinosaal, der noch aus der Zeit stammte, als solche Häuser als Lichtspieltheater bezeichnet wurden und mit der Pracht von Opernsälen wetteiferten. Die Feuerwehr bespritzt die letzten glimmenden Balken mit Wasser. Athener Bürger stehen sprachlos vor dem aschfahlen Trümmerhaufen, der einmal das Kino „Attikon“ war. Auf der anderen Straßenseite wäscht derweil ein Arbeiter mit einer Heißwasserpumpe anarchistische Parolen von der Rückfront der Nationalbank ab.

In Gold we trust

Auch das Werbeplakat eines Juweliers aus dem Stadtteil Kolonaki muss weichen. Der Juwelier wirbt dafür, dass er zu guten Preisen Gold ankaufe, mit einem Slogan auf Englisch: „In Gold we trust“. Die Parolen daneben fordern auf Griechisch zur Zerstörung des Kapitalismus auf, womit man hier in Athen ja auch durchaus erfolgreich begonnen hat. In mühevoller Arbeit macht sich der Arbeiter mit der Wasserpumpe an der Losung zu schaffen, obwohl er natürlich genau weiß, dass noch in dieser Nacht wieder neue Schlagwörter an die Fassade geschmiert werden. Sisyphos, Athen, 21. Jahrhundert.

Und woher kommt bloß dieser unbändige Hass auf Marmor? Wo immer sie Gelegenheit dazu hatten, zerstörten die Randalierer in Athen Geländer, Treppen, Säulen und Wandverkleidungen aus dem Stein. Von der eleganten, schon vor der Nacht zum Montag teilweise zerstörten Balustrade vor der U-Bahn-Station Panepistimoiu (Universität) ist nicht mehr viel übrig. Der Besitzer des Cafes „Orpheus“, der die Tische mit ihren runden Marmorplatten über Nacht auf der Straße stehen ließ, wird neues Mobiliar kaufen müssen.

Der Höhepunkt der Vernichtungsorgie war gegen Mitternacht erreicht. Im Parlament hielt Ministerpräsident Lukas Papademos seine Abschlussrede und sagte einen Satz, der so vernünftig klang, dass er in der aus allen Fugen geratenen Hauptstadt fast schon bizarr wirken musste: „Der wichtigste Grund für die Krise ist, dass der Staat seit vielen Jahren systematisch mehr Geld ausgegeben hat, als er einnahm.“

Über Athen stiegen derweil an Dutzenden Stellen Rauchsäulen in den Himmel. Johlende Trupps Vermummter zogen durch die Straßen. Die Alarmanlagen aufgebrochener Geschäfte und Autos spielten ein dissonantes Krisenkonzert für die verängstigten Reisengruppen, die sich in ihren Hotels verbarrikadiert hatten. Untermalt wurde die Kakophonie durch einen überall zu hörenden rhythmischen Donner, der entstand, als die Plünderer mit Rammböcken gegen die Rollläden der Geschäfte anrannten. Und über der Stadt, festlich angestrahlt, leuchtete die Akropolis.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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