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Schmidt und Steinbrück „Weil ich nicht mehr viel Zeit habe“

 ·  Helmut Schmidt und Peer Steinbrück verbindet eine Freundschaft. Der Altkanzler sieht in dem ehemaligen Finanzminister den optimalen Kanzlerkandidaten für die SPD. Nur langsamer reden muss er laut Schmidt noch lernen.

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© dpa 2011 waren Peer Steinbrück und Helmut Schmidt bei Günther Jauch zu Gast

Es ist das Jahr 1994, als die Wege des Wirtschaftsministers von Schleswig-Holstein, Peer Steinbrück, und des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt sich zum ersten Mal kreuzen. Das war ziemlich unerfreulich. Schmidt, einer der Mitbegründer des Schleswig-Holstein Musik Festivals, fürchtete, Steinbrück treibe ebendieses in den Ruin. Es dauert eine ganze Weile, bis die beiden sich näherkommen und am Ende die Idee entsteht, dass Schmidt Steinbrück als Kanzlerkandidat ausruft. Wie kam es dazu?

Peer Steinbrück ist schon Bundesfinanzminister, als er dem ehemaligen Kanzler näherkommt. Erst von da an könne man von einer persönlichen Bekanntschaft sprechen, sagt Schmidt im Gespräch. „Es war gleich eine gegenseitige Sympathie da. Wir waren aufeinander neugierig. Ich habe jemanden entdeckt, der ähnlich tickt und der versteht, wovon er redet“, so Schmidt. Dabei träfen sie sich nur wenige Male im Jahr. Dass die gemeinsame Herkunft für ihr rasches Verständnis füreinander wichtig ist, gibt Schmidt zu: „Er ist Hamburger, Norddeutscher, das verbindet uns.“ Auf die Frage, ob er mit Steinbrück befreundet sei, antwortet Helmut Schmidt positiv und vergleicht die Beziehung mit jener, die er zu einem ehemaligen amerikanischen Außenminister hat: „Ja, es ist eine Freundschaft. So eine Freundschaft habe ich auch mit George Shultz, den habe ich dann jahrelang nicht gesehen, und es ist wie gestern.“ Obwohl Schmidt 28 Jahre älter ist, empfindet er die Beziehung zu Steinbrück nicht als eine, die einem Vater-Sohn-Verhältnis ähnelt.

Gespräche über politische und ökonomische Fragen

Was dem Altkanzler an Steinbrück besonders gefällt, ist sein ökonomischer Instinkt und die Präzision seines Urteils. Schmidt sieht ihn als einen Politiker, der die Finanzkrise schnell begriffen und im Herbst 2008 das Richtige gemacht habe. Das beeindruckt ihn. Ohne Steinbrück, so meint Schmidt, hätte Angela Merkel die Krise nicht gemeistert. Steinbrück sucht in seiner Zeit als Finanzminister das Gespräch mit Schmidt, weil er um Antworten auf die Krise auf den Finanzmärkten ringt. Auch später fragt er den Altkanzler um Rat, etwa im Herbst 2010, als die Eurokrise sich zuspitzt. Schmidt rät jeweils zu einer grundsätzlichen Antwort. Es müsse eine systemische Lösung auf nationaler Ebene geben, die Krise müsse zudem international Topthema sein.

Privat wissen Steinbrück und Schmidt nicht viel voneinander. Ihre Treffen bestehen im Wesentlichen aus Gesprächen über aktuelle politische und ökonomische Fragen. Der Gesprächsband „Zug um Zug“, den sie im Herbst 2011 gemeinsam veröffentlichen, dokumentiert die Art von Gesprächen, die beide führen, auf ziemlich authentische Weise. Das Schachspiel spielt bei ihren Treffen, anders als oft behauptet, selten eine Rolle.

Vorname und „Sie“

Die Idee zu einem gemeinsamen Buch von Schmidt und Steinbrück kommt etwa ein Jahr vor seinem Erscheinen auf. Die Bücher des bei den Deutschen überaus beliebten „Weltökonomen“ Schmidt sind seit Jahren Bestseller. Nun soll ein neuer Band des „Weisen aus Hamburg“ mit dem populären ehemaligen Finanzminister und Bestsellerautor Steinbrück entstehen - eine aus Sicht des Verlags todsichere Geschäftsidee. Beide sprechen sich in dem Buch, wie auch sonst, mit Vornamen und „Sie“ an, eine Umgangsform, die als das hanseatische Du bekannt ist. Der Vorname steht für Vertrautheit, das „Sie“ demonstriert Respekt und verhindert zugleich zu viel Nähe.

Die Frage einer Kanzlerkandidatur Steinbrücks steht damals schon im Raum. Schmidt und Steinbrück überlegen in einer Viererrunde, gemeinsam mit einem Literaturagenten und einem Journalisten der „Zeit“, ob die Kanzlerkandidatur in dem Buch angesprochen werden soll. Sie kommen zu dem Schluss, dass sie thematisiert werden müsse. An der Passage wird eine Weile gefeilt, so dass beide, Steinbrück und Schmidt, damit einverstanden sind. Steinbrück weist in dem Buch zunächst darauf hin, dass die Zeit noch nicht reif sei, den Kanzlerkandidaten der SPD zu bestimmen. Gabriel, Steinmeier und er hätten „kein Interesse daran, dass diese Personalfrage die wichtigen Sachfragen überlagert“.

„Er kann es“

Und: „Wir wollen nicht das Bild einer Selbstbeschäftigung liefern, sondern das einer kompetenten SPD, die über die besseren Lösungsansätze verfügt.“ Schmidt antwortet, dass er diese Verabredung richtig finde, was ihn aber nicht hindern müsse, seine Meinung zu sagen: „Und ob Ihnen das nun sonderlich in den Kram passt oder nicht, Peer, ich bin aus zwei Gründen der Auffassung, dass die SPD gut beraten wäre, Sie als Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers zu nominieren.“ Zum einen könne Steinbrück Menschen an sich binden, die sich nicht für besonders links hielten; zum anderen habe er - vor allem als Finanzminister - gezeigt, dass er regieren und verwalten könne. „Deswegen steht meine Meinung heute schon fest, auch wenn die Führungsgremien der Sozialdemokratischen Partei noch ein weiteres Jahr brauchen“, schließt Schmidt sein Plädoyer.

Am Sonntag, dem 23. Oktober 2011, machen Schmidt und Steinbrück dann ihren großen Aufschlag. Sie sind als einzige Gäste in der Sendung „Günther Jauch“. Der Moderator bietet beiden im Gasometer in Berlin-Schöneberg die beste Fernsehbühne, ohne ihnen allzu kritische Fragen zu stellen. Mehr als 5,6 Millionen Zuschauer sehen sich Schmidt und Steinbrück an, das sind rund 1,3 Millionen mehr als bei Angela Merkel, die einen Monat zuvor in der Sendung war. Am nächsten Tag erscheint der „Spiegel“ mit einem Titelfoto der beiden Politiker und dem darüber plazierten Satz „Er kann es“ - Schmidts Aussage in dem Interview für das Magazin, dass Steinbrück zum Kanzler befähigt sei.

Warum hat Schmidt seinem Freund Steinbrück Kanzlerqualitäten öffentlich bescheinigt, ihn sozusagen zum Kanzlerkandidaten ausgerufen? Zunächst, weil er davon überzeugt ist, dass Steinbrück dieses Amt gut ausfüllen könnte. Steinbrück hat in den Augen des Altkanzlers - neben den beschriebenen Qualitäten eines Ökonomen - ein profundes Verständnis der deutschen Geschichte, was Schmidt für einen Regierungschef für unerlässlich hält. Eine breite Palette unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Themen zu beherrschen, hält Schmidt für einen Kanzler ebenfalls für unabdingbar. Sie sich anzueignen geschehe allerdings, wenn, dann vollständig erst im Amt, ist er überzeugt.

„Schmidt hat sie erworben, Erhard nicht, Kohl hat sie nicht ganz erreicht, Schröder hat sie auch erworben“, so verteilt Schmidt Noten, die für die SPD-Kanzler besonders gut ausfallen. Im Falle Steinbrücks sei die Grundlage dafür aber heute schon größer, als sie es bei anderen zu Beginn ihrer Kanzlerschaft gewesen sei. „Steinbrück hat heute mehr inhaltliche Breite, als Frau Merkel sie hatte, als sie Kanzlerin wurde“, sagt Schmidt im Gespräch. Die Härte, die ein Kanzler brauche, besitze Steinbrück ebenso, wie er selbst sie besessen habe.

Langsamer reden

Schmidt sieht freilich auch die Schwächen Steinbrücks. Dazu zählt eine gewisse Arroganz, die ihm, Schmidt, selbst nicht fremd sei. Auch erkennt er, der 30 Jahre im Bundestag saß, es als ein Manko Steinbrücks, dass jener so spät in das Parlament eingezogen ist und daher Politik fast nur aus der Erfahrung der Exekutive kennt. Als große Schwäche des Redners Steinbrück sieht Schmidt, dass jener zu schnell rede. Dadurch könnten ihm die Zuhörer oft nicht folgen. „Er denkt schnell und redet fast genauso schnell. Er müsste langsamer reden, als er denkt. Ich sage ihm: Peer, Sie müssen langsamer reden. Denn ich kann ihn dann nicht verstehen. Das fällt ihm schwer“, sagt Schmidt im Gespräch. Das schnelle Reden, so Schmidt, sei aber noch aus einem anderen Grund ein schwerer Fehler Steinbrücks. Denn es nehme der Rede Gewicht.

Dass Schmidt schon zu einem so frühen Zeitpunkt Steinbrück als Kanzlerkandidaten vorgeschlagen hat, erklärt er damit, dass er im Alter von 93 Jahren das Gefühl hatte, die Zeit dränge ihn, seine Meinung zu sagen. Der Tod seiner Frau Loki im Herbst 2010 mag dabei eine Rolle gespielt haben. Er will deshalb sein Votum für Steinbrück rechtzeitig kundtun. „Ich habe das mit dem Kanzler gesagt eigentlich in dem Bewusstsein, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, das zu sagen“, so Schmidt.

Helmut Kohl ist die Ausnahme

Steinbrücks kritisches Verhältnis zur SPD sieht Schmidt nicht als Hindernis für eine Kanzlerkandidatur oder eine Kanzlerschaft. „Es fehlt ihm weniger die emotionale Nähe zur SPD als mir“, sagt der Altkanzler, der wie Steinbrück nicht nur Bundesfinanzminister, sondern auch stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD war. Die Nähe zu ihrer Partei hätten viele, ja die meisten Kanzler nicht gehabt: „Bei Adenauer, der aus dem Zentrum kam, nicht, bei Erhard schon gar nicht. Bei Kiesinger ging es gerade so, bei Willy Brandt hat die Nähe sich erst als Regierender Bürgermeister in Berlin entwickelt, bei Schröder war es schwierig, und bei Frau Merkel gibt es schon gar keine Nähe.“

Ist eine gewisse Ferne von der eigenen Partei vielleicht gar eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Kanzlerkandidatur? So weit will Schmidt nicht gehen, aber er betont die Häufung dieses Phänomens, wenn er auf eine einzige Abweichung von der Regel hinweist: „Die große Ausnahme ist Helmut Kohl, der ist wirklich ohne die CDU nicht denkbar.“

Schmidt glaubt selbst, dass sein Vorstoß, Steinbrück solle Kanzlerkandidat werden, jenem nicht genützt, sondern eher geschadet habe. Das Thema sei dadurch für einige Zeit zum Tabu geworden.

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Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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