22.03.2004 · Die Israelis wollen den Gaza-Streifen als Sieger verlassen, die Hamas möchte in die Geschichtsbücher eingehen. In den Augen von Kritikern könnte der Schlag gegen den Gründer der islamistischen Bewegung die Lage weiter verschlechtert haben.
Von Jörg Bremer, JerusalemDie israelische Armee wollte Scheich Jassin schon im vergangenen Herbst töten. Die Rakete traf das mehrstöckige Gebäude in der Stadt Gaza, in dem sich der Gründer der islamistischen Hamas-Bewegung gerade bei einem Kampfgefährten mit anderen Hamas-Aktivisten getroffen hatte. Doch der alte Mann im Rollstuhl konnte gerade noch rechtzeitig aus dem Haus in seinen Wagen getragen werden. Danach verschwanden er und andere Hamas-Führer für Wochen im Untergrund.
Heute heißt es, damals seien für einige Zeit die Terrorzellen wie gelähmt gewesen. Doch wenig später schon wurden noch aus dem Untergrund weiter Anschläge organisiert. Wohl gab es zunächst keine Anschläge mehr in Israel. Es hieß sogar, die Hamas wolle sich auf "Operationen" in den besetzten Gebieten beschränken. Dafür kam es Mitte Januar zum Selbstmordattentat der Terroristin Reem Raishi am Erez-Grenzpunkt. Scheich Jassin meinte dazu, Hamas sehe auch "Frauen als Reserve-Armee", und machte so wieder deutlich, daß er nicht nur der geistige Führer der Hamas war, sondern auch einer der Motoren ihres Terrors. Jassin wird nicht jeden Anschlag organisiert haben; aber er hätte alle Anschläge verhindern können.
Gegen den äußeren Feind wird Einheit bewiesen
Längst freilich lassen sich die Terrorkommandos der säkularen Al-Aqsa-Brigaden von Fatah oder der Islamisten von Hamas und Dschihad nicht mehr voneinander trennen. Es gibt Aktionsbündnisse. Oft bezichtigen sich verschiedene Gruppen desselben Anschlages. Die Täter sind stolz auf ihre Morde. Die alten ideologischen Grenzen sind verwischt. Längst schon heißt es, PLO-Chef Arafat könnte den Terror seiner Al-Aqsa-Brigaden nicht mehr stoppen, selbst wenn er wollte. Sie sähen sich nicht nur in Konkurrenz zu den Hamas-Terror-Zellen, sondern als ein Teil der großen Terrormaschinerie, die von ihren radikalsten Kräften gelenkt wird - und das sind zweifellos die Hamas und der kleinere Zwillingsbruder "Islamischer Dschihad".
Nicht zuletzt schweißte die israelische Kriegsmaschinerie die Gruppen zusammen. Gegen den äußeren Feind wird Einheit bewiesen. So muß sich auch jetzt die PLO-Führung mit Hamas solidarisieren, auch der palästinensische Ministerpräsident Qurei, dem die Hamas zuwider ist. Der Schlag gegen Jassin hat so die säkulare Autonomieführung weiter geschwächt.
"Auf immer in die Flucht schlagen"
Vor kurzem konnten zwei Hamas-Aktivisten in dem doppelten Boden eines Containers aus den Lagern im Gaza-Streifen herauskommen. Man fand eine halb ausgetrunkene Flasche und Decken; doch schon Tags zuvor hatten sich die zwei im Hafen von Aschdod kurz hintereinander in die Luft gesprengt und zehn Menschen mit sich in den Tod gerissen. Das hätte eigentlich neben Containern mit Gift oder leichtbrennbaren Stoffen geschehen sollen, hieß es später. Israel sei gerade noch an einem "Mega-Anschlag" vorbeigekommen. Doch es werde gewiß neue Versuche dafür geben, sagen die israelischen Sicherheitsdienste.
Die Islamisten planen heute mithin sorgfältiger, entwickeln neue Methoden, so auch eine verbesserte Kassem-Rakete, um in Israel noch mehr Blut zu vergießen. Doch das allein ist nicht die Ursache für Israels Schlag gegen den Gründer und Führer der Hamas zu diesem Zeitpunkt. Seitdem Ministerpräsident Scharon den Abzug aus dem Gaza-Streifen plant, sehen sich Israel und die Islamisten in einer Art Wettbewerb.
Die Hamas möchte Israel aus dem Gaza-Streifen verdrängen. So wie sich bei der Hizbullah der Mythos hält, sie habe im Mai 2000 die Truppen von Ministerpräsident Barak aus dem Süden des Libanons geworfen, so möchte nun die Hamas in ihren Geschichtsbüchern als Heldin über Israel im Gaza-Streifen eingehen. Das aber will Israel nicht zulassen. Vielmehr sieht sich Baraks Nachfolger Scharon dazu verpflichtet - und dabei wird er von der Mehrheit der israelischen Nation unterstützt -, den Islamisten "eine Lehre zu erteilen" und sie "auf immer in die Flucht zu schlagen".
Symbol einer Bewegung
Israel will als Sieger den Gaza-Streifen verlassen. Das ist schwierig. Denn seit mehr als drei Jahren herrscht Krieg: Israel hat zwar Siege gegen die Terrorgruppen erfochten, aber es hat sie nicht besiegt. Es hat eigentlich den Konflikt nur stetig verlängert. In der israelischen Militärführung wird nun kurzfristig mit mehr Anschlägen gerechnet. Längerfristig aber werde der Schlag gegen den Hamas-Führer die gesamte Organisation schwächen. Letztlich werde es der säkularen Fatah-Führung leichterfallen, im Gaza-Streifen die Macht zu übernehmen. So sei die Tötung Jassins ein Beitrag gegen das drohende Chaos im Gaza-Streifen nach Israels Abzug, sagt die eine Seite.
Kritiker der Regierung argumentieren andersherum: Jassin sei nicht irgendein Führer, meinen sie. Er sei das Symbol einer Bewegung, die mit seiner Ermordung erst richtig erstarken werde. Die palästinensische Nation sehe sich insgesamt gedemütigt und werde nun toben. Israel habe seine moralische Position in der Welt geschwächt; denn immerhin sei Jassin ein alter, querschnittsgelähmter Mann im Rollstuhl gewesen. Zudem werde Fatah nun zu schwach sein, um gegenüber den aufgebrachten Massen mit einem moderaten Kurs den Gaza-Streifen zu übernehmen.
„Kult des Todes über den dämonischen Feind Israel"
Der Direktor eines Forschungsinstituts und frühere General Ben-Israel sagte am Montag in Tel Aviv: "Israel hat sich in eine schizophrene Situation gebracht. Wir wollen aus dem Gaza-Streifen heraus und den Terror ausmerzen. Doch das größte Problem ist, daß wir uns bis heute nicht gefragt haben, was den Terror erst entzündet. Und darum agieren die Sicherheitstruppen nur und stets allein auf taktischem Niveau."
Der Politologe Pedatzur in Haifa wirft der israelischen Führung vor, sie sei Opfer ihrer eigenen Propaganda geworden. Tatsächlich sei der Abzug aus Libanon ein Erfolg gewesen. Bei aller Propaganda der Hizbullah habe Israel nun eine relativ ruhige nördliche Grenze. Die Ermordung Jassins werde zu einer Eskalation führen und "den Kult des Todes über den dämonischen Feind Israel" verstärken.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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