Zum erstenmal überhaupt ist ein Nobelpreis an eine Persönlichkeit aus Iran vergeben worden. Schirin Ebadi, die diesjährige Trägerin der Auszeichnung für den Frieden, ist als eine Autorin und Kämpferin innerhalb und außerhalb Irans hervorgetreten. Sie fühlt sich dem Ziel umfassender demokratischer Reformen des seit nun 24 Jahren bestehenden, auf den Republikgründer Ajatollah Chomeini zurückgehenden "islamischen Regimes" der Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten (welajat-e fagih) verpflichtet. Sie leitet eine von ihr gegründete Menschenrechtsorganisation.
Die 56 Jahre alte, 1947 in Teheran geborene, ausgebildete und lebende Frau, die außerhalb ihrer Heimat weniger bekannt ist, ist Juristin, war und ist als Rechtsanwältin tätig und amtierte zwischen 1975 und 1979, das heißt noch zu Zeiten der Herrschaft der Pahlewi-Dynastie und des letzten Schahs, als erste Richterin ihres Landes. Nach der islamischen Revolution von 1979 mußte sie das Richteramt aufgeben. Danach gelang es ihr, in Artikeln, Büchern und auch aus Anlaß verschiedener Prozesse Rechtsfragen mit dem Streben nach mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Islamischen Republik Iran zu verbinden. Sie unterrichtet auch an der Teheraner Universität. In Skandinavien hatte man sie schon früher beachtet als anderswo und ihr schon im November 2001 in der Stadt Bergen einen Preis für ihr Engagement zur Förderung der Zivilgesellschaft verliehen.
Etliche Male inhaftiert
Schirin Ebadi kann also dem Lager der Reformer zugerechnet werden, das seit der erstmaligen Wahl des ebenfalls reformorientierten Staatspräsidenten Sejjed Mohammad Chatami im Jahre 1997 in einem nicht eben leicht zu führenden Machtkampf mit den religiösen Ultras um Revolutionsführer Ajatollah Chamenei steht. Dabei hat Frau Ebadi persönliche Gefährdungen auf sich genommen, war dem Druck ultrareligiöser Kreise ausgesetzt und sogar den Nachstellungen der Justiz. Sie war etliche Male inhaftiert. Zuletzt war sie wegen ihrer Menschenrechtsaktivität unter irgendeinem Vorwand zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt worden, die allerdings zur Bewährung ausgesetzt worden war.
Schwerpunkte der Tätigkeit von Schirin Ebadi sind die Rechte der Frauen in einer islamischen Gesellschaft und das Schicksal der Kinder. Sie leitet eine "Vereinigung zur Unterstützung der Rechte der Kinder in Iran". Zudem kümmert sie sich um Flüchtlinge. Doch liegt ihr auch die Transformation des bisherigen Systems zu einer islamischen Zivilgesellschaft am Herzen. Dieses Ziel, das sie in Schriften und Artikeln verkündet, teilt sie mit dem Staatspräsidenten Chatami. In ihrer Heimat ist Frau Ebadi besonders bekannt geworden, als sie sich für die Angehörigen von Schriftstellern, Journalisten und Politikern einsetzte, die zwischen 1999 und 2000 von Agenten des Regimes ermordet worden waren. Zu diesen gehörte der bekannte säkulare Politiker aus dem Umkreis der Nationalen Front Dariusch Foruhar mit seiner in der Frauenbewegung aktiven Gattin.
Mit dem Rücken zur Wand
Schirin Ebadi bekennt sich ausdrücklich zum Islam als der Grundlage der iranischen Gesellschaft. Das Studium der einschlägigen religiösen Schriften hat in ihr die Überzeugung bestärkt, daß eine evolutionäre Umwandlung der vom schiitischen Islam geprägten, auf der Dschaafari-Rechtsschule der Scharia und den Lehren der zwölf schiitischen Imame beruhenden Ordnung hin zu einer die Menschenrechte und persönlichen Freiheiten sichernden Gesellschaft durch moderne Interpretationen des islamischen Rechts möglich sei. Sie sieht darin für ihre Person keinen Gegensatz. Solche zeitgemäßen Interpretationen könnten sich sogar auf Vorbilder aus alten Zeiten stützen, welche das religiöse Recht unterschiedlich, jedenfalls nicht monolithisch einheitlich ausgelegt hätten.
Ob die Auszeichnung Schirin Ebadis mit dem Friedensnobelpreis die Lage der Menschenrechte in Iran tatsächlich wesentlich verbessern wird, ist ungewiß. Die Reformer stehen schon seit geraumer Zeit mit dem Rücken zur Wand. Dennoch kann diese Auszeichnung auch als ein Signal der Ermunterung an Menschenrechtskämpfer in der gesamten islamischen Welt, vor allem auch an die engagierten Frauen gelten, die teilweise starkem Druck ausgesetzt sind. Vor allem die iranische Frauenbewegung wird Schirin Ebadis Auszeichnung als Lohn und Ansporn für ihr Engagement empfinden.
Fortschritte auf religiöser Basis
Schon im 19. Jahrhundert hatten insbesondere als Dichterinnen hervorgetretene Iranerinnen sich für eine Emanzipation der Frau eingesetzt, etwa die bekannte Lyrikerin Qorrat ol Ein, die den Beinamen "Tahere" ("Die Reine") trug und der Religionsgemeinschaft der Bahai angehörte. Sie wurde von islamischen Fanatikern getötet. Oder Lyrikerinnen wie Parwin Etesami (1910 bis 1941 )und die - ebenfalls jung verstorbene - Muslimin Forugh Farrochzad (1935 bis 1967), die sich mit ihrer eigenwilligen und individualistisch-subjektiven, emotionalen Poesie zum Sprachrohr der Gleichberechtigung ihres Geschlechts gemacht hatte.
Nach der islamischen Revolution hatte die iranische Frauenbewegung, sofern sie nicht unter islamistischen Vorzeichen Frauen für einen kämpferischen Islam um sich scharte, herbe Rückschläge hinnehmen müssen. Am 21. Februar 1994 etwa verbrannte sich die bekannte Ärztin Homa Darabi im Zentrum Teherans aus Protest gegen die Benachteiligung und Unterdrückung der Frau öffentlich. Ihre Schwester, Parwin Darabi, hat darüber eine ergreifende Roman-Biographie verfaßt, die auf Deutsch unter dem Titel "Du wolltest fliegen" erschien. Darin ist viel aus jenem gesellschaftlichen Umfeld zu erfahren, in dem sich auch die jetzt Ausgezeichnete bewegen muß. Der Friednsnobelpreis für Schirin Ebadi wird auch jene Iraner stolz machen, die sich unter dem Druck der Ultras innerlich nicht von ihrer Religion abgewandt haben, sondern auf Fortschritte auf der Grundlage ihrer religiösen Überlieferungen hoffen.