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Saudi-Arabien : Flucht vor der Religion

  • -Aktualisiert am

Nach ihrer Flucht aus Saudi-Arabien mit neuem Namen: Rana Ahmad Hamd in einer Gaststätte in Köln Bild: Charlotte Sophie Meyn

Rana Ahmad Hamd ist nach Deutschland geflohen - nicht vor Krieg oder aus Armut, sondern weil sie nicht mehr an Gott glaubt. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe.

          Der Tag, an dem sich Rana Ahmad Hamds Leben für immer verändern wird, beginnt wie Hunderte von Tagen zuvor. Früh am Morgen fährt ihr Vater sie durch die Straßen der saudischen Hauptstadt Riad, zu ihrem Arbeitsplatz. Sie steigt aus, aber als sie das Auto aus den Augen verloren hat, tritt sie keinen neuen Tag im Sekretariat der Schule an. Stattdessen ruft sie sich über eine App auf ihrem Smartphone ein Taxi und lässt sich zum Flughafen fahren.

          Ein paar Stunden später, gegen zwei Uhr nachmittags, tritt Hamd aus dem Gebäude des Flughafens Istanbul-Atatürk. Sie hat nichts dabei außer ihrem Laptop, ihren Papieren und zweihundert amerikanischen Dollar. Und dann macht sie etwas, wovon sie schon lange geträumt hat: Sie nimmt ihr Kopftuch ab, und ihre Abaya, den bodenlangen schwarzen Mantel, den Frauen in Saudi-Arabien tragen müssen.

          „Zehn, fünfzehn Minuten stand ich einfach nur da und sah mich um. Ich sah zur Sonne, ich beobachtete die Autos, die vorbeifuhren, die Menschen um mich herum. Ich fragte mich, ob es ein Traum sei, ob mich jemand aufwecken würde, oder ob ich es wirklich geschafft hatte“, erzählt Hamd. Sie sitzt im Hof eines Restaurants, unweit des Flüchtlingsheims in Köln-Porz, wo sie inzwischen wohnt. Ihre Geschichte sprudelt aus ihr heraus in einem Englisch, aus dem man den arabischen Einschlag deutlich heraus hört, mit einem gerollten R und einem P, das eher wie ein B klingt.

          Im syrischen Pass von Rana Ahmad Hamd, dreißig Jahre alt, Lippenpiercing, starke Schminke, lautes Lachen, steht ein anderer Name. Ein Name, den sie zusammen mit der Abaya abgelegt hat. Aus Sicherheitsgründen. Aber auch, weil es ein Name ist, der aus dem Koran stammt. Hamd glaubt nicht mehr an das, was darin steht. Und deshalb musste sie Saudi-Arabien verlassen. Eine Geschichte wie ihre ist dort nicht vorgesehen. Auf Abfall vom Glauben steht die Todesstrafe.

          Hamd mit Niqab - auf einem Foto, das sie vor ihrer Flucht selbst aufgenommen hat Bilderstrecke
          Hamd mit Niqab - auf einem Foto, das sie vor ihrer Flucht selbst aufgenommen hat :

          Die ersten 25 Jahre ihres Lebens weiß Hamd nicht, dass so etwas wie Atheismus überhaupt existiert. Jeder auf der Welt hat, so denkt sie, irgendeine Religion. Hamds Vater ist bereits zehn Jahre vor ihrer Geburt aus Syrien nach Saudi-Arabien gekommen, um dort als Bauleiter zu arbeiten. Nach ungefähr vier Jahren heiratet er während eines Aufenthalts in Syrien Hamds Mutter, und nimmt sie mit nach Riad. Hamd hat einen älteren und einen jüngeren Bruder und eine ältere Schwester. Sie seien eine ganz normale Familie gewesen, erzählt sie, der Liebling ihres Vaters sei sie gewesen. Als sie klein gewesen war, habe er ihr immer Kinderbücher mitgebracht.

          Verlobungsfeier in Syrien

          Hamd besucht eine normale staatliche Schule in Saudi-Arabien, eine Mädchenschule natürlich, Koedukation gibt es im Königreich nur an einigen internationalen Schulen. Mehr als ein Viertel aller Unterrichtsstunden ist der Religion gewidmet. Die Lehrer erzählen ihr, dass alle Nichtmuslime in die Hölle kämen. Dass es eine Pflicht sei, Christen und Juden zu hassen. Mit zehn Jahren muss sie eine Abaya tragen, mit dreizehn die Vollverschleierung. Bis sie volljährig ist, hat sie kein einziges Mal Kontakt mit einem Jungen oder Mann, mit dem sie nicht verwandt ist.

          Mit 19 soll Hamd verheiratet werden, in Syrien findet sogar eine Verlobungsfeier statt, doch die Pläne zerschlagen sich,  weil der Bräutigam nicht nach Saudi-Arabien ziehen will und sie nicht nach Syrien. In den darauffolgenden Jahren bekommt sie noch dreimal Heiratsanträge von saudischen Männern, lehnt sie aber ab mit der Begründung, sie wolle erst einmal ihre Ausbildung voranbringen. Sie besucht Berufsschulkurse in Englisch und EDV, arbeitet danach als Rezeptionistin und Bürokraft  in verschiedenen Arztpraxen und Krankenhäusern.

          Natürlich habe sie sich manchmal Fragen gestellt, sagt Hamd. Habe es bedauert, dass ihre Lieblingsschauspielerin Angelina Jolie in der Hölle landen wird, weil sie keine Muslimin ist. Trotzdem sei sie nie auf die Idee gekommen, den Islam infrage zu stellen. Diese Möglichkeit habe in ihrem Universum einfach nicht existiert. Einer Umfrage aus dem Jahr 2012 zufolge bezeichnen sich 14 Prozent aller Saudis als nicht religiös, weitere fünf Prozent sogar als Atheisten. Aber so etwas wird in der saudischen Öffentlichkeit nicht diskutiert.

          Evolutionstheorie als Erweckungserlebnis

          Hamds Familie ist tiefreligiös. Hamd darf das Haus ohne Begleitung kaum verlassen. Da Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren dürfen, heuern viele von ihnen einen Chauffeur an, aber Hamds Familie besteht darauf, sie regelmäßig zur Arbeit und zurück zu fahren. Sie wollen nicht, dass sie alleine unterwegs ist.

          An einem Tag im Jahr 2011 stöbert Hamd wieder einmal auf Twitter. Einer ihrer Kontakte, sieht sie, hat einen Tweet geteilt von jemandem, der sich „Arab Atheist“ nennt. Das Wort „Atheist“ hat Hamd noch nie gehört. Sie gibt es bei Google Translator ein. Als Definition steht dort: „Eine Person, die nicht an Gott oder Götter glaubt.“ Hamd ist schockiert. Aber sie will mehr erfahren.

          Sie beginnt, Arab Atheist auf Twitter zu folgen, später mit ihm zu chatten. Er erklärt ihr seine Sicht der Welt, empfiehlt ihr Dokumentationen, zum Beispiel über die Evolutionstheorie, danach Bücher, arabische Übersetzungen von Richard Dawkins, Nietzsche, Voltaire, Darwin. Noch möchte sie sich bestätigen, dass sie das Richtige glaubt, dass die Wahrheit im Islam liegt. Aber je mehr sie liest, desto mehr  kommen ihr Zweifel.

          Hamd erfährt von der Evolutionstheorie, vom Urknall, von Dingen, die nicht auf dem Lehrplan ihrer Schule standen. „Ich habe geweint, als ich herausgefunden habe, was ich alles nicht gelernt habe, was man mir vorenthalten hat“ sagt sie. Nach etwa einem Jahr stellt sie fest, dass sie nicht mehr glauben kann, weil sie zu viele Widersprüche im Koran sieht.

          Das sei für sie wie ein Schock gewesen, sagt Hamd. Sie habe das Gefühl gehabt, zu viel Zeit ihres Lebens verschwendet zu haben, belogen worden zu sein. Sie fühlt sich allein und verlassen ohne das Gefühl, dass Gott ein Auge auf sie hat. „Der Islam ist nicht nur deine Religion. Es ist, als sei er auch deine Nationalität, als seist du Teil einer großen Familie“sagt sie. 

          Ihre Familie ahnt nichts

          Ihre Familie ahnt von all dem nichts. Vor ihnen tut Hamd weiterhin so, als bete sie fünfmal am Tag, als habe sich nichts verändert. Nur im Internet kann sie schreiben, was sie wirklich denkt. Immer stärker vernetzt sie sich mit atheistischen Gruppen aus aller Welt, die zum Beispiel  Faith2Faithless, Ex-Muslims of North America, Atheist Republic heißen.

          Aber sie erlaubt sich kleine Fluchten im Alltag. Sie entscheidet sich, an ihrem Arbeitsplatz den verhassten Gesichtsschleier abzulegen und sich zu schminken. Ihre Eltern akzeptieren das, aber als ihr älterer Bruder es herausfindet, wird er wütend. Er vermutet, dass sie sich heimlich mit Männern trifft. In einer Tasche in ihrem Zimmer versteckt er ein Abhörgerät. Als Hamd mit einem Freund telefoniert, dabei lacht und herumalbert, fühlt er sich in seinem Verdacht bestätigt, stürmt in ihr Zimmer und drischt auf sie ein, bis sie zu Boden geht. Er wolle sie umbringen, ruft er dabei. Hamds Vater hört ihre Hilfeschreie und geht dazwischen. Nach diesem Vorfall aber wird sie noch unglücklicher, will nicht mehr leben und schneidet sich kurz darauf die Pulsadern auf. Ihr Vater findet sie rechtzeitig und bringt sie ins Krankenhaus, wo ihr das Leben gerettet wird.

          Danach scheint zunächst Ruhe in Hamds Leben einzukehren, zumindest äußerlich. Sie nimmt einen neuen Job an, als Sekretärin an einer Förderschule für geistig behinderte Kinder, beginnt nebenbei ein Anglistikstudium. Nicht ihr Traumfach, aber alle Studiengänge, die sie mehr interessieren würden, kosten teure Gebühren oder sind für Frauen nicht zugänglich.

          Als sie auf Twitter schreibt, sie zweifle an ihrer Religion, erfährt das über Umwege ihre Mutter, die daraufhin sehr wütend wird. Einen Monat lang wird Hamd im Haus eingesperrt, darf nicht zur Schule oder zur Uni, Laptop und Handy werden ihr weggenommen. Ihre Mutter zwingt sie, vor ihr zu beten, den Koran zu rezitieren, schleppt sie anschließend auf eine Pilgerfahrt nach Mekka, in die heilige Stadt, die Nichtmuslime nicht betreten dürfen.

          Ihr bleibt nur die Flucht

          Hamd bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen. „Ich konnte meine Gefühle nicht nach außen zeigen, aber innerlich habe ich geweint und geschrien“, sagt sie. In Mekka, nahe der Kaaba, macht sie heimlich ein Foto von ihrer Hand, die einen Zettel hält mit der Aufschrift „Atheist Republic“ und stellt es ins Internet. „Ich wollte damit sagen: Ich bin Atheistin und ich bin hier! Ich kann mich nicht wehren, ich kann nicht sagen, dass ich Atheistin bin, sonst wird man mich umbringen! Und ich wollte allen Atheisten in Saudi-Arabien sagen: Ihr seid nicht allein. Ich weiß, wie ihr euch fühlt. Eines Tages werdet ihr hier rauskommen.“ Das ist der Moment, in dem Hamd das erste Mal konkret darüber nachdenkt, zu fliehen.

          Sie beginnt, Pläne zu schmieden. Eine Niederländerin, die Hamd in Riad kennengelernt hat, und die mittlerweile in die Heimat zurückgekehrt ist, lädt sie ein, zu ihr zu kommen, aber die Botschaft verweigert ihr das Visum. Eine Zeitlang phantasiert sie davon, einen Mann zu heiraten, der ihre Ansichten teilt, und gemeinsam mit ihm das Land zu verlassen, aber es findet sich kein geeigneter Kandidat. Die Zeit wird knapp, Ende 2015 wird ihr Reisepass ablaufen. Einen neuen kann sie nicht beantragen, weil die syrische Botschaft in Saudi-Arabien geschlossen ist.

          Hamd bleibt nur die Flucht in die Türkei, in ein Land, für das sie kein Visum braucht. Eigentlich dürfen Frauen das Land ohne Erlaubnis ihres Vormunds nicht verlassen. Aber Hamd hat Glück. Da sie Ausländerin und berufstätig ist, ist ihr Arbeitgeber, nicht ihr Vater, verantwortlich. Ihr Vorgesetzter in der Förderschule glaubt ihr die Geschichte vom Familienurlaub, die sie erzählt, und unterschreibt das Formular, mit dem sie ein Ausreisevisum bekommt.

          Am 26. Mai 2015 fliegt Hamd über Dubai nach Istanbul. Dort bleibt sie ein paar Tage in einem Hotel. In der Minibar findet sie eine Flasche Wein. Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie mit Alkohol konfrontiert wird. Sie schleicht um die Flasche herum, macht Bilder davon, traut sich aber nicht, davon zu trinken. Zu sehr hat sie Angst vor dem Unbekannten.

          Es ist Hamds erste Auslandsreise, abgesehen von Familienurlauben in Syrien. Nach vier Tagen nimmt sie den Bus nach Izmir, dort wohnt ein Freund, den sie über das Internet kennen gelernt hat. Beim Ticketkauf muss sie ihren Pass nicht vorzeigen und kann so zum ersten Mal mit ihrem neuen Namen unterschreiben. 

          In Izmir, einer der liberalsten Städte der Türkei, mietet Hamd mit Hilfe ihres Freundes eine kleine Wohnung an. Endlich kann sie Hamd all das tun, wovon sie so lange geträumt hat. Sie geht in Clubs feiern, trinkt in einer Bar zum ersten Mal Alkohol, tanzt in einem kurzen Kleid zur Straßenmusik. Aber die Angst lässt sie nicht los. Über Freunde erfährt sie, dass ihre Familie an ihrem Arbeitsplatz und am Flughafen erschienen ist und Auskunft über ihren Verbleib eingeholt hat. Hamd hat Angst, ihre Familie könne in die Türkei fliegen und nach ihr suchen. Sie schneidet sich die Haare kurz, färbt sie blond, legt sich farbige Kontaktlinsen zu. Wenn ihre Eltern Fotos von ihr herumzeigen und nach ihr fragen, so hofft sie, wird niemand sie erkennen.

          Mit anderen Atheisten vernetzt

          Nun zahlt es sich aus, dass Hamd online gut mit Atheisten aus aller Welt vernetzt ist: Armin Navabi, der Gründer der Online-Community „Atheist Republic“, stellt eine Crowdfundingseite für sie ins Netz. Damit sammelt der Exiliraner, der in Kanada lebt, Spenden, die Hamds weiteren Weg finanzieren sollen, und schickt ihr das Geld per Western Union. Insgesamt fünf Monate verbringt sie in Izmir, versucht mehrmals, ein Schengenvisum zu bekommen, doch vergebens. Schließlich entscheidet sie sich, illegal in die EU zu reisen. Der erste Versuch schlägt fehl, weil die Polizei auftaucht, bevor das Boot ablegen kann; Hamd muss fliehen. Ihre neunhundert Dollar bekommt Hamd aber nicht zurück. Das zweite Mal erscheint der Schlepper gar nicht erst. Das dritte Mal klappt es endlich. Als Hamd schließlich griechischen Boden betritt, bricht sie zusammen. Die herbeigerufene Ärzte hätten einen Schock diagnostiziert, erzählt sie.

          Von Griechenland reist Hamd weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn, die Slowakei, Österreich, bleibt immer eine Zeitlang in Flüchtlingscamps entlang der Strecke, bis sie im November 2015 Deutschland erreicht. Auf dem Weg trifft sie das erste Mal in ihrem Leben einen israelischen Juden, also einen Angehörigen derjenigen Gruppe, von der sie in der Schule gelernt hat, sie seien für alles Böse auf der Welt verantwortlich. Der Arzt, der für die UN arbeitet, ist ihr sofort sympathisch. Zusammen machen sie ein Erinnerungsfoto. Eigentlich will Hamd nach Schweden, aber dafür reicht das Geld nicht mehr, und sie ist reisemüde geworden. Und sie hat gehört, dass Deutschland ein gutes Bildungssystem hat.

          In der Baracke am Stadtrand von Köln, in der sie heute, mehr als ein halbes Jahr später, wohnt, fühlt sich Hamd nicht wohl. Von den anderen Bewohnern hält sie sich fern, hat Angst, Probleme zu bekommen, wenn sie ihre Geschichte erzählt, befürchtet, dass manche von ihnen gar ihre Familie kennen könnten. Sie vermutet, dass man sie für eine Christin hält, weil sie kein Kopftuch trägt. In der Unterkunft ist es laut und voll, Kinder schreien. Und wenn sie frühmorgens von den lauten Koranrezitationen geweckt werde, die der Mann zwei Zimmer weiter hört, sagt Hamd, habe sie das Gefühl, Saudi-Arabien nie verlassen zu haben.

          Einmal ist sie so genervt davon, dass sie einen gotteslästerlichen Spruch auf Arabisch auf einen Zettel schreibt, den sie heimlich unter seiner Tür durch schiebt. Der Mann, so glaubt sie, weiß bis heute nicht, dass die Nachricht von ihr kam, die Heimleitung hingegen, die weiß, dass sie Atheistin ist, stellt sie zur Rede.

          Kampf gegen Stereotype

          „Ich hasse Muslime nicht“, sagt Hamd. „Ich habe auch sehr gute muslimische Freunde, die mich so akzeptieren, wie ich bin.“ Sie möchte nicht, dass ihre Geschichte instrumentalisiert werde, um Hass auf Migranten zu schüren. „Was ich hasse, das ist, dass uns die Rechte im Namen der Religion genommen werden, vor allem den Frauen. Religion sollte uns Frieden bringen und nicht Regeln auferlegen.“ Und: Es scheint ihr, dass viele Deutsche Araber automatisch mit Muslimen gleichsetzen. Das frustriert sie. „Ich möchte das Stereotyp aufbrechen, dass arabische Frauen alle Muslimas sind und sich verschleiern. Es gibt arabische Atheistinnen.“

          In einem Video auf YouTube schlägt Hamd allerdings deutlich markigere Töne an, prophezeit eine „gesellschaftliche Katastrophe“ in Deutschland, da die meisten Neuankömmlinge „geistig im Mittelalter leben“ würden und das Land „vernahöstlichen“ wollten, spricht davon,  dass das „Asylrecht im Dienste einer Völkerwanderung missbraucht wird.“

          Als Hamd dieses Video dreht, ist sie kaum vier Monate in Deutschland. Dass sie mit ihren Aussagen Applaus von der falschen Seite bekommen könnte, von denen, die auf Frauen und Kinder schießen wollen, von denen, die lieber Flüchtlingsheime anzünden, als humanistische Religionskritik zu betreiben, von denen, die ein Weltbild pflegen, das sich von dem fundamentalistischer Muslime nur unwesentlich unterscheidet, das versteht sie erst allmählich. Als sie die gleiche Rede später noch einmal vor einem anderen Publikum hält, lässt sie einige Passagen weg und schwächt andere deutlich ab.

          Es heißt, Konvertiten seien oft eifriger, religiöser als diejenigen, die in einen Glauben hineingeboren werden. Wenn man Hamd beobachtet, gewinnt man den Eindruck, dasselbe sei der Fall bei Menschen, die ihren Glauben abgelegt haben. „Im Nahen Osten kann man nicht sagen, dass man Atheist ist. Jetzt, wo ich es endlich kann, würde ich mir am Liebsten ein T-Shirt kaufen, wo das draufsteht“, sagt Hamd.  Auf ihre rot lackierten Fingernägel hat sie ein schwarzes A gemalt, A für Atheistin.

          Deutschland als gelobtes Land?

          Sie sagt, sie sei erstaunt, dass Nichtreligiöse in Deutschland sich nicht in großem Stil organisieren. Dass die meisten von ihnen es schlicht und einfach nicht für nötig halten in einem Land, in dem Gleichgültigkeit gegenüber der Religion in vielen Milieus zur Norm geworden ist, das versteht sie erst ansatzweise.

          Man hat den Eindruck, dass Deutschland für Hamd das gelobte Land ist, in das sie all ihre Wünsche und Träume hineinprojiziert hat. Langsam verflüchtigt sich die Illusion. Sie habe kaum glauben können, sagt Hamd, dass es auch hier in staatlichen Schulen Religionsunterricht gebe. Kinder, so meint sie, sollten von allem Religiösen verschont bleiben, so dass sie als Erwachsene selbst entscheiden können, ob und was sie glauben. Sie war entsetzt davon, dass, wie man ihr erzählt hat, auch deutsche Männer sexuell übergriffig werden können. Wie im öffentlichen Diskurs zum Teil mit dem Fall Gina-Lisa Lohfink umgegangen wird. Am meisten aber erschütterte sie die Begegnung mit einer jungen Deutschtürkin, die ihr erzählte, sie habe keinen Freund, aus Angst vor ihrer Familie. Dass so etwas in Deutschland möglich sei, das habe sie nicht gedacht.

          Bald wird Hamd die Unterkunft verlassen. Die religionskritische Giordano-Bruno-Stiftung hat ihr geholfen, eine Wohnung zu finden. Jetzt wartet Hamd nur noch darauf, dass das  Sozialamt zustimmt. Und dass sie endlich einen Termin für ihre Anhörung bekommt; noch weiß sie nicht, ob ihr Asyl gewährt wird.

          Ihre Tage verbringt sie vor allem damit, zu lesen. Immer wieder fährt sie in die Zentralbibliothek am Neumarkt. „Dort ist es ruhig, ich fühle mich zuhause und bin glücklich.“ Wenn das Wetter schön ist, setzt sie sich manchmal auch in einen nahegelegenen Park. Momentan arbeitet sie sich durch ein Buch über Algebra. Denn Hamd träumt von einem Studium, Physik vielleicht oder Nukleartechnik.

          „Ich suche immer noch nach Antworten. Darauf, was nach unserem Tod passiert, darauf, wie das Universum entstanden ist und wie es enden wird. Ich will Antworten auf die Fragen, warum wir hier sind, warum die Luft, die Sonne, so sind wie sie sind. Aber ich weiß jetzt, dass diese Antworten nicht aus heiligen Büchern kommen, sondern aus der Wissenschaft.“

          Quelle: FAZ.NET

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