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Saudi-Arabien Die mühsame Mäßigung der Engstirnigen

Buraida galt lange Zeit als Hort des Dschihadismus. Al Qaida konnte hier aus dem Vollen schöpfen. Doch vor einigen Jahren hat ein Wandel eingesetzt.

© Rainer Hermann Vergrößern Die Jugend von Buraida beschäftigt sich mit Autorennen. Früher war die Stadt als Hort des Dschihadismus berüchtigt

Schau mal genau auf die Frau“, sagt Khaled. So viel ist von ihr eigentlich gar nicht zu sehen. Nur die Augen und ihre Hände. „Moderne Familien erkennt man daran, dass die Frauen keine schwarzen Handschuhe mehr tragen“, fügt Khaled hinzu. In Buraida ist so etwas eine Kulturrevolution. Wie auch die Frau, die eben ohne männliche Begleitung zum Eingang des Einkaufszentrums schreitet. Nach wie vor sind diese in der saudi-arabischen Stadt für unverheiratete Männer verbotenes Terrain. Deshalb treffen sich die drei Freunde Khaled, Salman und Faisal auch in dem Café mit der Anmutung einer „Starbucks“-Filiale. Durch die hohen Fenster kann man zwar das Geschehen auf dem Platz verfolgen - von draußen kann man aber nicht nach drinnen schauen. So ist es oft in Saudi-Arabien, die Privatsphäre wird abgeschottet.

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Die drei Freunde sprechen von Öffnung und Veränderung. Sie kommen auf die Zeitenwende zu sprechen, die in Buraida vor fünf Jahren einsetzte. Vor fünf Jahren wurde das Café als erstes seiner Art in der Stadt eröffnet. Das „Frühlingsfestival“, von dem sie gerade kommen, findet seit fünf Jahren draußen in der Wüste statt. Der Fremde, den sie an diesem Tag treffen, hätte vor fünf Jahren noch gar nicht in die Stadt reisen dürfen.

Fromme, aber moderne Muslime

Buraida liegt abgeschieden in der Mitte der Arabischen Halbinsel. Die Stadt war stets für ihre gelehrten Theologen und erfolgreichen Fernhändler bekannt, für die größten Dattelplantagen des Landes und den Kamelreichtum ihrer Einwohner. In jüngerer Vergangenheit waren Buraida und die Provinz Qassim aber vor allem als Hort des Dschihadismus berüchtigt. An keinem anderen Ort hatte Al Qaida mehr junge Männer und junge Frauen rekrutiert als hier. Vor etwa fünf Jahren ist jedoch alles anders geworden. Heute wollen Buraidas Einwohner fromme, aber auch moderne Muslime sein.

Seit Menschengedenken sind die Einwohner der Stadt konservativ und die eifrigsten Anhänger der streng puritanischen Glaubenslehre des Wahhabismus, die immer noch die Grundlage der religiösen Praxis und des Staatsverständnisses Saudi-Arabiens ist. Schon seit 1929 hat die Königsfamilie in der Stadt einen schweren Stand. Damals stellte sich König Abdalaziz Al Saud, der Gründer des nach seiner Familie benannten Königreichs, gegen die Miliz der „Ikhwan“, mit der er die Arabische Halbinsel unterworfen und geeint hatte. Der König, ein Realpolitiker, stand unter dem Druck der Briten und wollte seine Kämpfer von weiteren Raubzügen im Namen des Islams abhalten. Er schlug die Rebellion der Ikhwan nieder - lediglich Religionsgelehrte aus Buraida ergriffen Partei gegen den König und für die besonders religiösen Ihkwan. Als der Reformkönig Faisal 1965 in Saudi-Arabien das Fernsehen einführte, stürmten islamistische Eiferer das Fernsehstudio in Buraida. Nach dem Einmarsch der Truppen Saddam Husseins 1990 in Kuweit formierte sich hier der Widerstand gegen die amerikanischen Truppen, die der König ins Land gerufen hatte. Prediger wie der in Buraida geborene Salman al Auda stellten offen die Herrschaft der Al Saud in Frage und wurden damit populär. Vier Jahre später kam es in Buraida zu Protestmärschen und Unruhen. Die Soldaten des Königs griffen hart durch und verhafteten unter anderen auch Auda.

18663020 © Rainer Hermann Vergrößern Morgens auf dem Markt: Früher war Buraida für seinen Kamelreichtum bekannt

Der Prediger wurde 1999 wieder frei gelassen, musste allerdings geloben, die Königsfamilie fortan nicht mehr zu kritisieren. Seither wandert Auda, der weiter einer der populärsten Prediger des Landes ist, auf dem schmalen Grat zwischen Loyalität und Kritik. Das bot Raum für eine neue Generation radikaler Prediger, die das Königreich Saudi-Arabien abschaffen wollten und Al Qaida unterstützten. Im Mai 2003 wurden die meisten von ihnen inhaftiert. Das hat den Zulauf für Al Qaida in Buraida gebremst, aber nicht gestoppt.

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