Home
http://www.faz.net/-gpf-6xv7m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.02.2012, 17:40 Uhr

Saudi-Arabien Die mühsame Mäßigung der Engstirnigen

Buraida galt lange Zeit als Hort des Dschihadismus. Al Qaida konnte hier aus dem Vollen schöpfen. Doch vor einigen Jahren hat ein Wandel eingesetzt.

© Rainer Hermann Die Jugend von Buraida beschäftigt sich mit Autorennen. Früher war die Stadt als Hort des Dschihadismus berüchtigt

Schau mal genau auf die Frau“, sagt Khaled. So viel ist von ihr eigentlich gar nicht zu sehen. Nur die Augen und ihre Hände. „Moderne Familien erkennt man daran, dass die Frauen keine schwarzen Handschuhe mehr tragen“, fügt Khaled hinzu. In Buraida ist so etwas eine Kulturrevolution. Wie auch die Frau, die eben ohne männliche Begleitung zum Eingang des Einkaufszentrums schreitet. Nach wie vor sind diese in der saudi-arabischen Stadt für unverheiratete Männer verbotenes Terrain. Deshalb treffen sich die drei Freunde Khaled, Salman und Faisal auch in dem Café mit der Anmutung einer „Starbucks“-Filiale. Durch die hohen Fenster kann man zwar das Geschehen auf dem Platz verfolgen - von draußen kann man aber nicht nach drinnen schauen. So ist es oft in Saudi-Arabien, die Privatsphäre wird abgeschottet.

Rainer Hermann Folgen:

Die drei Freunde sprechen von Öffnung und Veränderung. Sie kommen auf die Zeitenwende zu sprechen, die in Buraida vor fünf Jahren einsetzte. Vor fünf Jahren wurde das Café als erstes seiner Art in der Stadt eröffnet. Das „Frühlingsfestival“, von dem sie gerade kommen, findet seit fünf Jahren draußen in der Wüste statt. Der Fremde, den sie an diesem Tag treffen, hätte vor fünf Jahren noch gar nicht in die Stadt reisen dürfen.

Fromme, aber moderne Muslime

Buraida liegt abgeschieden in der Mitte der Arabischen Halbinsel. Die Stadt war stets für ihre gelehrten Theologen und erfolgreichen Fernhändler bekannt, für die größten Dattelplantagen des Landes und den Kamelreichtum ihrer Einwohner. In jüngerer Vergangenheit waren Buraida und die Provinz Qassim aber vor allem als Hort des Dschihadismus berüchtigt. An keinem anderen Ort hatte Al Qaida mehr junge Männer und junge Frauen rekrutiert als hier. Vor etwa fünf Jahren ist jedoch alles anders geworden. Heute wollen Buraidas Einwohner fromme, aber auch moderne Muslime sein.

Seit Menschengedenken sind die Einwohner der Stadt konservativ und die eifrigsten Anhänger der streng puritanischen Glaubenslehre des Wahhabismus, die immer noch die Grundlage der religiösen Praxis und des Staatsverständnisses Saudi-Arabiens ist. Schon seit 1929 hat die Königsfamilie in der Stadt einen schweren Stand. Damals stellte sich König Abdalaziz Al Saud, der Gründer des nach seiner Familie benannten Königreichs, gegen die Miliz der „Ikhwan“, mit der er die Arabische Halbinsel unterworfen und geeint hatte. Der König, ein Realpolitiker, stand unter dem Druck der Briten und wollte seine Kämpfer von weiteren Raubzügen im Namen des Islams abhalten. Er schlug die Rebellion der Ikhwan nieder - lediglich Religionsgelehrte aus Buraida ergriffen Partei gegen den König und für die besonders religiösen Ihkwan. Als der Reformkönig Faisal 1965 in Saudi-Arabien das Fernsehen einführte, stürmten islamistische Eiferer das Fernsehstudio in Buraida. Nach dem Einmarsch der Truppen Saddam Husseins 1990 in Kuweit formierte sich hier der Widerstand gegen die amerikanischen Truppen, die der König ins Land gerufen hatte. Prediger wie der in Buraida geborene Salman al Auda stellten offen die Herrschaft der Al Saud in Frage und wurden damit populär. Vier Jahre später kam es in Buraida zu Protestmärschen und Unruhen. Die Soldaten des Königs griffen hart durch und verhafteten unter anderen auch Auda.

18663020 © Rainer Hermann Vergrößern Morgens auf dem Markt: Früher war Buraida für seinen Kamelreichtum bekannt

Der Prediger wurde 1999 wieder frei gelassen, musste allerdings geloben, die Königsfamilie fortan nicht mehr zu kritisieren. Seither wandert Auda, der weiter einer der populärsten Prediger des Landes ist, auf dem schmalen Grat zwischen Loyalität und Kritik. Das bot Raum für eine neue Generation radikaler Prediger, die das Königreich Saudi-Arabien abschaffen wollten und Al Qaida unterstützten. Im Mai 2003 wurden die meisten von ihnen inhaftiert. Das hat den Zulauf für Al Qaida in Buraida gebremst, aber nicht gestoppt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Saudi-Arabien Im Land der letzten Dinge

Außenminister Steinmeier besucht ein gespaltenes Land, Saudi-Arabien: Dem Königshaus fällt es immer schwerer, sich die Gefolgschaft der Bevölkerung zu sichern. Und in der Herrscherfamilie ist die Einhelligkeit bedroht. Mehr Von Christoph Ehrhardt, Riad

03.02.2016, 16:55 Uhr | Politik
Spannungen am Golf Saudi-Arabien kappt Handelsbeziehungen zu Iran

Saudi-Arabien hat die Handelsbeziehungen zu Iran gekündigt. Riad verschärft damit die Gangart im Streit mit Iran. International wächst die Besorgnis mit Blick auf die Eskalation am Golf. Mehr

16.01.2016, 13:14 Uhr | Politik
Terrorismus Student aus Darmstadt wirbt in Video für den IS

Ein Syrer, der in Darmstadt promoviert, hat in einem Video den Islamischen Staat verteidigt. Er wettert gegen Amerika und Saudi-Arabien. Deutschland aber liebe er, sagt er. Die Uni strebt nun seine Exmatrikulation an. Mehr

02.02.2016, 12:05 Uhr | Politik
Weltwirtschaftsforum in Davos Experten wollen auch über Flüchtlingsfrage sprechen

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wollen Experten auch über die Flüchtlingskrise in Europa sprechen. Zu dem Meeting wird unter anderem auch der amerikanische Vizepräsident Joe Biden sowie die Außenminister des Iran und Saudi-Arabiens erwartet. Mehr

19.01.2016, 17:56 Uhr | Wirtschaft
Abenteuerin Gertrude Bell Die Wüstensöhne wissen Bescheid

Überzeugt vom zivilisatorischen Auftrag, reitet die englische Abenteurerin und Wüstenkönigin Gertrude Bell 1905 durch Syrien. Und findet nirgends einnehmendere Araber als in Damaskus. Eine Reisebericht der zeigt, was der Krieg heute alles zerstört. Mehr Von Rainer Hermann

03.02.2016, 13:13 Uhr | Feuilleton

Merkel arrabbiata

Von Daniel Deckers

Was Merkels Anruf beim Papst (wenn es ihn gab) gefruchtet hat, könnte Franziskus uns auch noch wissen lassen. Und gleich dazu, warum Putin von ihm in Sachen Syrien und Ukraine keine wütenden Worte fürchten muss. Mehr 5 7

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“