Home
http://www.faz.net/-gpf-6xv7m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Saudi-Arabien Die mühsame Mäßigung der Engstirnigen

Buraida galt lange Zeit als Hort des Dschihadismus. Al Qaida konnte hier aus dem Vollen schöpfen. Doch vor einigen Jahren hat ein Wandel eingesetzt.

© Rainer Hermann Vergrößern Die Jugend von Buraida beschäftigt sich mit Autorennen. Früher war die Stadt als Hort des Dschihadismus berüchtigt

Schau mal genau auf die Frau“, sagt Khaled. So viel ist von ihr eigentlich gar nicht zu sehen. Nur die Augen und ihre Hände. „Moderne Familien erkennt man daran, dass die Frauen keine schwarzen Handschuhe mehr tragen“, fügt Khaled hinzu. In Buraida ist so etwas eine Kulturrevolution. Wie auch die Frau, die eben ohne männliche Begleitung zum Eingang des Einkaufszentrums schreitet. Nach wie vor sind diese in der saudi-arabischen Stadt für unverheiratete Männer verbotenes Terrain. Deshalb treffen sich die drei Freunde Khaled, Salman und Faisal auch in dem Café mit der Anmutung einer „Starbucks“-Filiale. Durch die hohen Fenster kann man zwar das Geschehen auf dem Platz verfolgen - von draußen kann man aber nicht nach drinnen schauen. So ist es oft in Saudi-Arabien, die Privatsphäre wird abgeschottet.

Rainer Hermann Folgen:  

Die drei Freunde sprechen von Öffnung und Veränderung. Sie kommen auf die Zeitenwende zu sprechen, die in Buraida vor fünf Jahren einsetzte. Vor fünf Jahren wurde das Café als erstes seiner Art in der Stadt eröffnet. Das „Frühlingsfestival“, von dem sie gerade kommen, findet seit fünf Jahren draußen in der Wüste statt. Der Fremde, den sie an diesem Tag treffen, hätte vor fünf Jahren noch gar nicht in die Stadt reisen dürfen.

Fromme, aber moderne Muslime

Buraida liegt abgeschieden in der Mitte der Arabischen Halbinsel. Die Stadt war stets für ihre gelehrten Theologen und erfolgreichen Fernhändler bekannt, für die größten Dattelplantagen des Landes und den Kamelreichtum ihrer Einwohner. In jüngerer Vergangenheit waren Buraida und die Provinz Qassim aber vor allem als Hort des Dschihadismus berüchtigt. An keinem anderen Ort hatte Al Qaida mehr junge Männer und junge Frauen rekrutiert als hier. Vor etwa fünf Jahren ist jedoch alles anders geworden. Heute wollen Buraidas Einwohner fromme, aber auch moderne Muslime sein.

Seit Menschengedenken sind die Einwohner der Stadt konservativ und die eifrigsten Anhänger der streng puritanischen Glaubenslehre des Wahhabismus, die immer noch die Grundlage der religiösen Praxis und des Staatsverständnisses Saudi-Arabiens ist. Schon seit 1929 hat die Königsfamilie in der Stadt einen schweren Stand. Damals stellte sich König Abdalaziz Al Saud, der Gründer des nach seiner Familie benannten Königreichs, gegen die Miliz der „Ikhwan“, mit der er die Arabische Halbinsel unterworfen und geeint hatte. Der König, ein Realpolitiker, stand unter dem Druck der Briten und wollte seine Kämpfer von weiteren Raubzügen im Namen des Islams abhalten. Er schlug die Rebellion der Ikhwan nieder - lediglich Religionsgelehrte aus Buraida ergriffen Partei gegen den König und für die besonders religiösen Ihkwan. Als der Reformkönig Faisal 1965 in Saudi-Arabien das Fernsehen einführte, stürmten islamistische Eiferer das Fernsehstudio in Buraida. Nach dem Einmarsch der Truppen Saddam Husseins 1990 in Kuweit formierte sich hier der Widerstand gegen die amerikanischen Truppen, die der König ins Land gerufen hatte. Prediger wie der in Buraida geborene Salman al Auda stellten offen die Herrschaft der Al Saud in Frage und wurden damit populär. Vier Jahre später kam es in Buraida zu Protestmärschen und Unruhen. Die Soldaten des Königs griffen hart durch und verhafteten unter anderen auch Auda.

18663020 © Rainer Hermann Vergrößern Morgens auf dem Markt: Früher war Buraida für seinen Kamelreichtum bekannt

Der Prediger wurde 1999 wieder frei gelassen, musste allerdings geloben, die Königsfamilie fortan nicht mehr zu kritisieren. Seither wandert Auda, der weiter einer der populärsten Prediger des Landes ist, auf dem schmalen Grat zwischen Loyalität und Kritik. Das bot Raum für eine neue Generation radikaler Prediger, die das Königreich Saudi-Arabien abschaffen wollten und Al Qaida unterstützten. Im Mai 2003 wurden die meisten von ihnen inhaftiert. Das hat den Zulauf für Al Qaida in Buraida gebremst, aber nicht gestoppt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nachruf auf König Abdullah Der Reformer aus der Wüste

König Abdullah war am Anfang seines Lebens nicht dafür bestimmt, ein großer Regent zu werden. Trotzdem leitete er während seiner Herrschaft nicht nur materielle Veränderungen ein, sondern auch einen Wandel in den Köpfen. Mehr Von Rainer Hermann

23.01.2015, 10:38 Uhr | Politik
Kronprinz Salman Neuer saudischer König will Abdullah-Kurs halten

Im Alter von geschätzten 90 Jahren ist der saudi-arabische König Abdullah gestorben. Künftig steht sein Halbbruder, Kronprinz Salman, an der Spitze der streng konservativen Monarchie. Mehr

23.01.2015, 15:37 Uhr | Politik
Neuer saudischer König Der puritanische Salman

Der neue saudische König Salman steht vor schwierigen Herausforderungen. Nicht nur muss er im eigenen Land für Sicherheit sorgen, sondern auch weitere außenpolitische Schwächungen verhindern. Außerdem will die nächste Generation an der Macht beteiligt werden. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

24.01.2015, 11:29 Uhr | Politik
Mit über 90 verstorben Saudi-Arabiens König Abdullah ist tot

Saudi-Arabiens König Abdullah ist tot. Er starb im Alter von über 90 Jahren, nachdem er im Dezember mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus gekommen war. Seine Nachfolge hat bereits sein Halbbruder Salman angetreten. Mehr

23.01.2015, 11:33 Uhr | Politik
Kommentar Die alten Männer des Hauses Saud

Der Übergang in Saudi Arabien verläuft völlig problemlos. Der neue König Salman wird den Kurs seines Vorgängers Abdullah beibehalten und rigoros gegen den Terror vorgehen. Reformen im Inneren bleiben so aber auf der Strecke. Mehr Von Rainer Hermann

23.01.2015, 17:30 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.02.2012, 17:40 Uhr

Bundeswehr unter Hochdruck

Von Reinhard Müller

Ursula von der Leyen hat sich bislang als Verteidigungsministerin wacker geschlagen. Alt wird sie aber auf dem Posten nicht werden. Mehr 1

Parlamentswahl in Griechenland

Stimmenanteile in %

Syriza
ND
Potami
XA
Pasok
KKE
Anel
Kinima
i
Quelle: Griechisches Innenministerium
Syriza
ND
Potami
XA
Pasok
KKE
Anel
Kinima
Bündnis der radikalen Linken
Nea Dimokratia (Konservative)
Der Fluss (pro-europäische Partei)
Goldenen Morgenröte (ultrarechts)
Panhellenische Sozialistische Bewegung
Kommunistische Partei Griechenlands
Anel (rechtspopulistisch)
Kinima (mitte-links)
Sperrklausel für den Einzug ins Parlament: 3%