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Sarrazins umstrittenes Interview Die Liebeserklärung

03.10.2009 ·  Ein Interview bringt Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin in die Bredouille. Schon am Ende seiner Amtszeit als Finanzsenator in Berlin sah er es als seine Mission an, die Dinge so auszusprechen, wie er sie sieht. Je lauter das Wutgeheul nach seinen Äußerungen ausfällt, desto mehr fühlt er sich bestätigt.

Von Mechthild Küpper, Berlin
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Am Ende seiner Berliner Amtszeit sah er es wohl als seine Mission an, die Dinge so auszusprechen, wie er sie sieht, und je lauter das Wutgeheul nach fast jeder seiner Äußerungen ausfiel, desto mehr war er davon überzeugt, abermals ins Schwarze getroffen zu haben. Sein Mundwerk hat ihm schon oft Ärger gemacht. Aber das Interview, das Thilo Sarrazin dem Chefredakteur der Zeitschrift „Lettre International“ für deren Berlin-Heft (“Berlin auf der Couch. Autoren und Künstler zu 20 Jahren Mauerfall“) gab, hat ihn in die Bredouille gebracht wie nichts zuvor.

Wegen des Anfangsverdachts der Volksverhetzung prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie Ermittlungen gegen ihn aufnimmt, die Bundesbank, in deren Vorstand er seit Mai sitzt, hat sich scharf von ihm distanziert, die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl sprach gar von Parteiausschluss, und Bundesbankpräsident Axel Weber legte ihm von Istanbul aus den Rücktritt nahe. Das alles wegen einer „Liebeserklärung“ an die große Stadt Berlin, eine à la Sarrazin allerdings, die vielen ihrer Adressaten ungenießbar vorkommt.

Als Finanzsenator von Berlin (2002 bis 2009) war Sarrazin ein Star. Er zeigte, dass „Probleme lösbar sind“, wie er zu sagen pflegt. Nur der Finanzkrise musste er sich geschlagen geben und neue Schulden aufnehmen; von 2007 an kam Berlin ohne Neuverschuldung aus. Als Sozialdemokrat (vom Jahrgang 1945) war Sarrazin wegen seiner Art, gesellschaftspolitische Ansichten zu pointieren, häufig erklärungsbedürftig, war aber immer erklärbar: Sozialdemokratisch ist für ihn das Streben nach oben und die Kunst, selbst mit kargen Mitteln haushalten zu können.

Sein Hartz-IV-Menü etwa wurde als arrogant wahrgenommen: Ein Besserverdienender erzählt den armen Leuten, sie seien zu doof zum Einkaufen. Aber Sarrazin aß es selbst, bevor er darlegte, dass Armut heute keine Frage des Geldes allein mehr ist. Der Speiseplan ist die Frucht eines Ostsee-Urlaubs und der dabei gelernten Lebensmittelpreise.

Das „Lettre“-Interview ist keins im journalistischen Sinn: Hin und wieder werden Fragen gestellt, Sarrazin darf reden, reden, reden - ohne Rückfragen, ohne Einwände oder andere Darstellungen des Sachverhalts hören zu müssen.

Kaum aber war das Interview erschienen, entschuldigte sich Sarrazin: Die Reaktionen zeigten ihm, dass „nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war“. Er versprach, was er schon oft versprechen musste: „Ich werde in Zukunft bei öffentlichen Äußerungen mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen.“

„Politik wirkt in erster Linie durch das öffentliche Wort“, sagt er in dem Interview. Sarrazin spricht öffentlich so über Leute, er spricht Bürger so an, wie er hinter verschlossenen Türen über sie reden würde: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.“ Hüsnü Özkanli, der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung, staunte: „Wir tragen zum deutschen Wirtschaftssystem bei, indem wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, unsere Jugend studiert. Was sollen wir sonst noch machen, um unseren Integrationswillen zu demonstrieren? Uns die Haare blond färben?“

Sarrazin sagt über die Berliner Türken: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren, und auch, weil es extrem viel Geld kostet und wir in den nächsten Jahrzehnten genügend andere große Herausforderungen zu bewältigen haben.“

„Die Medien sind orientiert auf die soziale Problematik“, sagt Sarrazin, „aber türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben. An der Mentalität in der Stadt muss sich etwas ändern.“ Wie wahr. Den Journalisten hat er in Jahren öffentlicher Rede - und in vielen Hintergrundgesprächen - die Faszination für die sozialen Frage, wie sie sie verstehen, nicht auszutreiben vermocht. Sarrazins Ideal, das findet sich auch in diesem Interview, ist die Hausfrau, die „hinterher ist“, es ist die Haltung des Nimmermüden.

Doch Sarrazin ist müde. Die Berliner Schule etwa gibt er verloren: „Wir haben ein schlechtes Schulsystem, das nicht besser werden wird“, stellt er fest. „Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der Achtundsechziger-Tradition und dem West-Berliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden.“

Es sind längst nicht nur „die Türken“ und „die Araber“, die Berlin am Fortkommen hindern: Es existiere „bei uns“ eine „breite Unterschicht“, und „das Berliner Unterschichtproblem reicht weit darüber hinaus. Darum bin ich pessimistisch. Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden.“ Da zeigt sich Sarrazin so hilflos wie der reguläre Berliner Sozialdemokrat. Die nachgewiesen schlechte Arbeit der Jobcenter zum Beispiel zu verbessern, die für die „Unterschicht“ erste und letzte Adresse sind, machen sich die Senatoren und Bezirksbürgermeister keineswegs zur Aufgabe, sie erklären sich für nicht zuständig. Auch für die schlechte Qualität der Berliner Schulen ist im Zweifelsfall niemand haftbar zu machen, sie wird mit dem Hinweis auf die hohe Quote von Kindern mit „nichtdeutscher Herkunftssprache“ erklärt. Und so gucken, in bester Schlampermanier, alle dem selbstverschuldeten Niedergang zu.

„Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten“ heißt der Text, der Sarrazin abermals zum Berliner Stadtgespräch gemacht hat.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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