Home
http://www.faz.net/-gpf-nm4c
Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sahara-Geisel „Alles deutet auf Al Qaida hin"

 ·  Die Serie von Bombenanschlägen in der saudiarabischen Hauptstadt Riad paßt nach der Bewertung deutscher Sicherheitsdienste genau in die Beurteilung der gegenwärtigen Ziele und Möglichkeiten der Terrororganisation Al Qaida.

Artikel Lesermeinungen (0)

Die Serie von Bombenanschlägen in der saudiarabischen Hauptstadt Riad paßt nach der Bewertung deutscher Sicherheitsdienste genau in die Beurteilung der gegenwärtigen Ziele und Möglichkeiten der Terrororganisation Al Qaida. Der Anschlag stimme mit den Zielen des Terrornetzwerks Usama Bin Ladins überein, seine arabische Heimat und darüber hinaus die islamische Welt von der Präsenz des Westens zu befreien. Dieses Trachten sei durch die Effekte des Irak-Krieges und die gesteigerte Zahl in der Region gegenwärtiger amerikanischer Truppen womöglich nochmals aktualisiert worden. Es würden aber schon seit langer Zeit in Saudi-Arabien Aktivitäten beobachtet, die auf die Vorbereitung derartiger Anschläge schließen ließen. Überdies orientiere sich Al Qaida bei seinen Absichten an entsprechenden "Erfolgen" aus früheren Zeiten in der Region, etwa am Abzug der Amerikaner aus dem Libanon nach dem verheerenden Sprengstoffanschlag Mitte der achtziger Jahre oder am Abzug der amerikanischen Truppen aus Somalia Anfang der neunziger Jahre, der auf den Schock blutiger Fernsehbilder über hingemetzelte Soldaten folgte. Diese Erinnerungen bestärkten die Führung von Al Qaida darin, daß es möglich sei, den "Westen", voran die Amerikaner, aus der Region zu vertreiben.

Nach dem Lagebild der deutschen Sicherheitsbehörden ist Al Qaida durch den Militäreinsatz in Afghanistan und durch den Fahndungsdruck in den westlichen Ländern zwar in seiner Aktionsfähigkeit geschwächt, aber keineswegs handlungsunfähig geworden. Die Netzwerkstruktur der Organisation habe auch nach dem Wegfall der Ausbildungs- und Kommandobasis Afghanistan das Überleben der Organisation gesichert; viele in Afghanistan ausgebildete Kämpfer und Terroristen seien unterdessen in ihre Heimatländer auf der arabischen Halbinsel, etwa auch in den Jemen, oder in die nordafrikanischen Länder zurückgekehrt. Nach der Einschätzung amerikanischer Sicherheitsbehörden sei etwa die Hälfte der einst rund 25 Mitglieder zählenden Führungsriege von Al Qaida noch in Freiheit und am Leben; es sei aber durchaus zu beobachten, daß die Führungsebene durch neue Mitglieder ergänzt werde. Usama Bin Ladin selber wird von deutschen Sicherheitskreisen nach wie vor im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet vermutet, auch wenn es dafür keine sicheren Beweise gebe. Es heißt, es seien Hinweise dafür vorhanden, daß Bin Ladin dort in der Region lebe, die nur eingeschränkt unter pakistanischer Kontrolle stehe; es gebe jedenfalls keine Hinweise darauf, daß der Al-Qaida-Führer nicht mehr am Leben sei.

Ähnliche Merkmale

Der Anschlag in Riad entspricht nach der Einschätzung der Sicherheitsbehörden auch den technischen Möglichkeiten und Fähigkeiten der Al Qaida. Es wird daran erinnert, daß frühere Anschläge, die Al Qaida zugerechnet werden, ähnliche Merkmale aufwiesen: in der Wahl der Mittel eher traditionell (Sprengstoff), in der Vorbereitung aber sorgfältig geplant. Diese Merkmale gälten etwa für den kombinierten Anschlag auf ein von Israelis bewohntes Hotel und ein El-Al-Flugzeug in Nairobi, bei dem eine abgeschossene Flugabwehrrakete nur mit Glück das startende Flugzeug verfehlt habe. Gleiches gelte für den fehlgeschlagenen Anschlag auf ein McDonald's-Restaurant in Beirut vor wenigen Tagen: dort sei während einer Kindergeburtstagsfeier zunächst ein kleinerer Sprengsatz im Lokal explodiert, um die Gäste nach draußen zu treiben, wo dann eine große Autobombe hätte detonieren sollen, die jedoch versagte. Diese Methode ähnele überdies dem Anschlag auf Bali, wo auch der Effekt einer ersten Detonation die Gäste der Diskothek in die zweite verheerende Explosion hineingetrieben habe.

Im Lagebild der deutschen Sicherheitsbehörden gelten sorgenvolle Blicke auch Afghanistan und der Region um Kabul, wo nahezu täglich Anschläge und Attacken auch auf die Isaf-Streitkräfte verübt würden. Eine hohe Gefährdungslage wird weiterhin auch für Pakistan und für die ostafrikanischen Länder angenommen. Zur Gefahrenlage in Europa wird gemutmaßt, ohne den seit eineinhalb Jahren aufgebauten hohen Fahndungsdruck, der die Mitglieder der Terrornetzwerke zur Vorsicht zwinge, hätte es auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern Anschläge gegeben. Daher sei auch für die Zukunft mit der Möglichkeit solcher Aktionen zu rechnen. Die Fahndungen der letzten Monate hätten viele Erkenntnisse über terroristische Strukturen ergeben und vor allem in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien auch zu zahlreichen Verhaftungen geführt. Dennoch heißt es bei den deutschen Sicherheitsbehörden, es sei vermessen, zu sagen, es gebe einen "Überblick" über die Lage und Planungen der islamistischen Terrorszene.

Quelle: Lt., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2003, Nr. 112 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Alte Fronten

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die G 8 redet einer Übergangsregierung das Wort. Aber über die Zukunft des syrischen Diktators Assad schweigt man sich aus - kein Wunder, denn Russland will ihn (noch) nicht preisgeben. Mehr 4 3