Ob er Genugtuung empfinde, wurde Heiko Maas am Freitagabend gefragt, wenige Stunden, nachdem die Jamaika-Koalition im Saarland vorzeitig zerbrochen war. Nein, nichts dergleichen, sagte Maas. Laute Töne oder provokante Zuspitzungen sind seine Sache nicht. Dabei dürfte es kaum einen größeren Triumph im Leben des 45 Jahre alten Politikers gegeben haben als diesen Dreikönigstag, der die Schmach von 2009 zumindest ein wenig vergessen macht.
Damals, bei der Landtagswahl, wurde die SPD trotz Einbußen zweitstärkste Kraft; die CDU hingegen hatte dramatische Verluste erlitten und ihre absolute Mehrheit verloren. Es galt als so gut wie ausgemacht, dass die SPD die künftige Regierung führen würde - gemeinsam mit den Grünen und der Linkspartei. Heiko Maas, der seit 1999 Oppositionsführer war und über den es hieß, jetzt müsse er liefern, sah sich endlich am Ziel: als Ministerpräsident, der den müde wirkenden Peter Müller ablösen würde.
Vom Nachwuchstalent zum ewigen Kronprinzen ohne Fortune
Als die Grünen der SPD wenig später ohne Vorwarnung den Rücken kehrten und Müller in einer Jamaika-Koalition wiederbelebten, weil dieser ihnen das Blaue vom Himmel versprach und es bis zur Selbstverleugnung einlöste, war die SPD wie vor den Kopf geschlagen. Wer Maas danach begegnete, traf einen verbitterten Gescheiterten: Das einstige Nachwuchstalent, das unter Reinhard Klimmt jüngster Minister in einer Landesregierung gewesen war, schien vollends zum ewigen Kronprinzen ohne Fortune geworden zu sein. Viele hätten damals ihr Geld darauf verwettet, dass Maas alles hinwerfen würde.
Doch der Saarlouiser handelte besonnen und blieb Partei- und Fraktionsvorsitzender - auch weil schnell Gerüchte über eine „zusammengekaufte Koalition“ hochkochten und sich andeutete, dass Jamaika alles andere als ein stabiles Bündnis werden würde. Das bekam auch Müllers Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer zu spüren, als sie im Sommer völlig unerwartet nicht im ersten Wahlgang zur Ministerpräsidentin gewählt wurde. In einer mit Oskar Lafontaine abgesprochenen Aktion trat Maas überraschend gegen sie an und zwang Kramp-Karrenbauer so in einen zweiten Wahlgang - weil auch Abgeordnete aus dem Regierungslager ihr im ersten Wahlgang die Stimme verweigerten.
Nüchterner Analytiker
Nun, da es kam wie von vielen erwartet und „Jamaika“ vorzeitig zerbrochen ist, dürfte Maas sich endgültig in seiner Geduld bestätigt sehen. Viel, nein alles hängt nun davon ab, welche Kompromisse er einzugehen bereit ist - und welche seine Partei mit ihm. Maas ist ein nüchterner Analytiker, dem Realismus mehr gilt als Wahrscheinlichkeiten - was ihm den Ruf einbrachte, er sei zu wenig volkstümlich und nicht geeignet für Festzelte und Wahlkampfbühnen. Auch wenn die SPD in Umfragen derzeit drei Prozent vor der CDU liegt, steht Maas dem in seiner Partei weit verbreiteten Wunsch nach Neuwahlen deshalb skeptisch gegenüber.
„Wenn man mir garantiert, dass die Umfragewerte Bestand haben, lasse ich gerne wählen“, sagte er am Samstag - und drückte damit das Dilemma aus, in dem die SPD steckt: Soll man Neuwahlen riskieren, nach denen Maas vielleicht Ministerpräsident werden könnte, vielleicht aber auch schlechter dastünde, weil in der Politik nichts vergänglicher ist als Umfragewerte? Oder ist die Gelegenheit günstig, der CDU ähnlich den Grünen vor zwei Jahren so viele Zugeständnisse wie niemals wieder abzutrotzen - wenn auch zu dem hohen Preis, sie damit ein weiteres Mal in der Regierung zu halten?
Kann Maas auch das Herz der Genossen gewinnen?
Es spricht vieles dafür, dass Maas, dem nüchternen Kalkulierer, letzteres mehr behagt - und dass dies in den Grundzügen bereits mit der CDU verabredet war, bevor Kramp-Karrenbauer Jamaika beendete. Allein, die Frage bleibt, ob ein so rationaler Schachzug die SPD-Basis, an der viele sich nach einem Gefühl des Wechsels sehnen, dauerhaft hinter einer großen Koalition versammeln könnte. Dass Heiko Maas den Verstand seiner Parteigenossen zu gewinnen vermag, hat er gezeigt. Dass er auch ihr Herz erobern kann, muss er erst noch beweisen.