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Rußland Geiseldrama im Kaukasus - Erste Verhandlungen erfolglos

01.09.2004 ·  Terroristen halten in Nordossetien Hunderte Schüler, Eltern und Lehrer gefangen. Der UN-Sicherheitsrat tagt auf Verlangen Rußlands noch in dieser Nacht. Der amerikanische Präsident Bush hat die Hilfe der Vereinigten Staaten angeboten.

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Erste Verhandlungen russischer Sicherheitskräfte mit den Geiselnehmern in Nordossetien blieben am Mittwoch abend ohne Erfolg. Die Terroristen hätten das Angebot von Wasser und Lebensmitteln für die Geiseln abgelehnt, teilte der regionale Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Waleri Andrejew, mit. Die Geiseln befinden sich nach Angaben der Behörden aber in einem „zufriedenstellenden“ Gesundheitszustand. Unter ihnen seien noch 132 Schulkinder sowie Lehrer und Eltern.

Der amerikanische Präsident George W. Bush hat Rußland nach Angaben des Kremls telefonisch die Hilfe der Vereinigten Staaten bei der Lösung der Geiselnahme in Nordossetien angeboten. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte am Mittwoch in Hamm: „Putin und das russische Volk wissen, daß wir Seite an Seite dieser Bedrohung entgegentreten.“

Am Mittwoch morgen hatten mutmaßliche tschetschenische Extremisten in Beslan in der russischen Kaukasusrepublik Nordossetien in einer Schule etwa 300 Kinder, Eltern und Lehrer in ihre Gewalt gebracht. Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von verhafteten tschetschenischen Rebellen in der Nachbarrepublik Inguschetien. Ihre Forderung hätten die Schwerbewaffneten auf einem Zettel an die Behörden übermittelt.

Vier bis acht Tote bei Angriff

Für den Fall eines Polizeieinsatzes drohten sie Vergeltung an. „Für jeden getöteten Rebellen wollen sie 50 Kinder töten und für jeden Verletzten 20 Kinder“, sagte der Polizeichef von Nordossetien, Kasbek Dsantijew, nach Angaben der Nachrichtenagentur Itar-Tass. Die Angreifer drohen auch mit der Sprengung der Schule, sollte die Polizei das Gebäude stürmen.

Bei dem Angriff, der sich während der Feierlichkeiten zum Beginn des Schuljahres ereignete, starben nach abweichenden Angaben vier bis acht Menschen. Russische Sicherheitskräfte lieferten sich Schußwechsel mit den Geiselnehmern. Die Ortschaft wurde weiträumig abgeriegelt.

UN-Sicherheitsrat hält Sondersitzung

Nach Medienberichten gelang etwa 50 Geiseln die Flucht aus der Schule. Das russische Fernsehen zeigte, wie russische Soldaten ein Mädchen in Sicherheit brachten, das den Terroristen entkommen sein soll.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wollte noch in der Nacht zu Donnerstag in New York zusammenkommen, um über die dramatische Situation im russischen Beslan zu beraten. Moskau hatte aufgrund der Serie von Terrorakten im eigenen Land eine Dringlichkeitssitzung des Rates beantragt. Verteidigungsminister Sergej Iwanow bezeichnete die jüngsten Terrorakte als eine „Kriegserklärung des internationalen Terrorismus an Rußland“. UN-Generalsekretär Kofi Annan und Bundesaußenminister Fischer verurteilten die Tat.

Tschetschenische Rebellen bestreiten Beteiligung

Unterdessen bestreiten tschetschenische Rebellen die Beteiligung an der Geiselnahme. Auch mit dem Selbstmordanschlag im Moskauer Stadtzentrum am Vortag hätten sie nichts zu tun, sagte der Gesandte des Rebellen-Anführers Aslan Maschadow, Achmed Sakajew, der Nachrichtenagentur Reuters. Allerdings sei nicht auszuschließen, daß einzelne Tschetschenen aus Verzweiflung über die russische Politik zu solch einer Tat getrieben worden seien.

Erst am Dienstag waren bei einem Anschlag vor einer Moskauer U-Bahn-Station mindestens neun Menschen getötet worden. Zu der Tat bekannte sich umgehend eine radikale Moslemgruppe, die den Anschlag als Unterstützung für die Moslems in Tschetschenien bezeichnete. „Keine dieser Taten ist auf irgendeine Weise sanktioniert oder gebilligt worden“, sagte Sakajew am Mittwoch in einem Telefon-Interview in London. „Wenn sich herausstellt, daß es sich um Tschetschenen handelt und sie Forderungen im Zusammenhang mit der Situation in Tschetschenien stellen, liegt die Verantwortung im doppelten Sinne bei den Behörden“, fügte er hinzu. „Solange es keine Aussicht auf eine friedliche Lösung gibt, wird es in Tschetschenien sehr viele Menschen geben, die aus Verzweiflung zu solchen Taten getrieben werden.“

Auch auf einer Internetseite radikaler Separatisten-Gruppen aus Tschetschenien wurde eine Beteiligung bestritten. Dort hieß es: „Es gibt keine Entschuldigungen für diese unmenschlichen Taten. Aber es gibt auch keine Entschuldigung für die 42.000 tschetschenischen Schulkinder, die durch das russische Militär unter dem Befehl des Kremls und (Präsident Wladimir) Putins persönlich getötet wurden.“

Der Vorfall vom Mittwoch erinnerte an die Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater Nordost vor zwei Jahren, als tschetschenische Terroristen mehr als 800 Menschen in ihre Gewalt brachten. Nach drei Tagen Nervenkrieg stürmte die Polizei mit Hilfe eines Betäubungsgases das Gebäude. Damals kamen 129 Geiseln und alle 41 Terroristen ums Leben.

1995 hatten tschetschenische Rebellen unter dem Kommando von Schamil Bassajew in der südrussischen Stadt Budjonnowsk ein Krankenhaus besetzt und etwa 2.000 Menschen als Geiseln genommen. Nach sechstägiger Belagerung stürmte die Polizei das Gebäude. Rund hundert Menschen wurden getötet.

Siehe auch: Rußland: Tage des Terrors

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