19.05.2005 · „Stinkend und absurd dreckig“: Milan Horacek hat noch nie etwas derart Gespenstisches erlebt wie die Umstände der Moskauer Verhandlung - und er kennt sich aus. Die Erlebnisse des Europaabgeordneten im Yukos-Prozeß.
Von Volker Zastrow, Frankfurt„Niederschmetternd“ nennt der Europa-Abgeordnete Milan Horacek seine Eindrücke aus dem Moskauer Yukos-Prozeß. Er hat auf Einladung der Verteidiger Chodorkowskijs am Montag, dem ersten Tag der Urteilsverkündung, der Verhandlung beiwohnen können.
Horacek war am Vormittag gegen elf Uhr von den Rechtsanwälten durch drei Sperren in das Gerichtsgebäude gebracht worden. An der dritten Sperre im Gebäude selbst und auf dem Gang zum Verhandlungssaal wachten Schwerbewaffnete im Kampfanzug mit umgehängter Maschinenpistole. Beim Betreten des Gerichtssaales schlug Horacek ein Gestank nach Schweiß wie in einer schlecht belüfteten Turnhalle entgegen.
„Wie die Ölsardinen“
Im Raum befand sich ein stählerner Käfig, in dem, so Horacek, keine Raubtiere, sondern die beiden Angeklagten eingesperrt waren, der schmächtige Michail Chodorkowskij und der etwas größere Platon Lebedew, „zwei blasse Personen, die schon lange keine Sonne gesehen haben“. Horacek wollte den Angeklagten die Hand reichen, wurde aber von Sicherheitsleuten in Kampfanzügen daran gehindert. Insgesamt, meint Horacek, wird es in dem Raum für die Öffentlichkeit fünf Bänke gegeben haben, auf denen etwa 35 Personen „wie die Ölsardinen“ dicht beieinander saßen.
Die Fenster blieben geschlossen, so daß die Temperatur in dem vollbesetzten Raum stieg und der Sauerstoff abnahm. Nach dem Einzug des Gerichts, das aus Irina Kolesnikowa und zwei Beisitzerinnen bestand, begann die Vorsitzende Richterin, das Urteil „mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit“ vorzulesen, wobei sie außerdem „sehr leise“ sprach; es war kaum möglich, ihr zu folgen. Die Anwälte äußerten seither wiederholt die Vermutung, daß vom Gericht schlicht die Anklageschrift, nunmehr als Urteil, verlesen wird. Von Anfang an hatten die Richterinnen, drei Frauen mittleren Alters, jeden Blickkontakt mit den Angeklagten, deren Anwälten und dem Publikum vermieden.
„Absurd dreckig“
Nach etwa einer halben Stunde übernahm die erste Beisitzerin die Verlesung, sie sprach ebenso schnell, aber noch leiser. Horacek erweiterte mit der Handfläche seine Ohrmuschel, um besser hören zu können - der Anwalt neben ihm bedeutete ihm, das zu unterlassen, er würde sonst voraussichtlich des Saales verwiesen werden. Nach wiederum einer halben Stunde übernahm die zweite Beisitzerin die Verlesung, so ging es reihum drei Stunden lang. Als die Verlesung durch eine Pause unterbrochen wurde, wollte der durstige Horacek etwas Wasser trinken; jemand wies ihm den Weg zur Toilette auf dem Gang ein paar Meter weiter.
Dieser Raum war „absurd dreckig“, sah aus und stank, als sei er seit Jahrzehnten benutzt, aber nicht gereinigt worden. Horacek, der als Häftling im kommunistischen Jugoslawien und in der Tschechoslowakei Gefängnisse und Militärgefängnisse kennengelernt hat, sagt, etwas derart Gespenstisches wie die Umstände der Moskauer Verhandlung habe er noch nie erlebt. „Das war kein Europa.“ Seine Begleiter erwiderten, derlei sei hier normal. Horacek wird in der nächsten Woche im Europaparlament seiner Fraktion und im Auswärtigen Ausschuß, dem er wie dem Menschenrechtsausschuß angehört, berichten.
Volker Zastrow Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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