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Ruhe im Chaos Bleiben Sie, wo Sie sind!

07.07.2005 ·  Einen Tag nach der Freude über die Olympischen Spiele wurde London Opfer von Bombenanschlägen. Aber in der Stadt, die schon früher Terror erlebt hat, wurde Trotz gezeigt: sich nicht beirren lassen und kühl die Situation meistern.

Von Ulrich Friese und Bettina Schulz, London
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Die Freude währte nur einen Tag. Am Mittwoch noch jubelte eine tosende Menge begeisterter Sportfans auf Trafalgar Square darüber, daß die Olympischen Spiele 2012 nach London vergeben wurden, und Premierminister Tony Blair strahlte über das ganze Gesicht.

Keine 24 Stunden später gingen Bilder von Rettungskräften in die Welt, die Tote bargen und Verletze aus den zerbombten Londoner Untergrundbahnen retteten, und der Premierminister wandte sich um Fassung ringend, den Tränen nahe an die Nation.

Nicht beirren lassen

Nach den ersten Meldungen über einen „Vorfall“ in der U-Bahn am Donnerstag morgen dauerte es einige Zeit, bis klar wurde, was geschehen war: London war Opfer einer Serie von Bombenanschlägen geworden. Um 8.51 explodierte die erste Bombe in einer Bahn kurz vor dem Bahnhof Moorgate im Finanzviertel, fünf Minuten später geschah dasselbe an der Station King's Cross. Um 9.17 Uhr dann die nächsten Explosionen in der Untergrundbahn, und schließlich wurde kurz vor zehn Uhr ein Doppeldeckerbus zerrissen.

Aber in einer Stadt, die schon früher Terror erlebt hat, und in der Millionen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Kultur so harmonisch nebeneinander leben, wie in kaum einer anderen Stadt, wurde Trotz gezeigt: sich nicht beirren lassen, weitermachen, kühl die Situation meistern. Das war die Botschaft Blairs, des Bürgermeisters Ken Livingston und der Organisatoren der Olympischen Spiele in London. Sie gaben bekannt, daß am Plan für die Spiele trotz der Anschläge nichts verändert werde. Londons Polizeichef Sir Ian Blair appellierte an die Bewohner der Stadt: „Erstens: bleiben Sie, wo Sie sind; alle Verkehrsverbindungen sind gestört! Zweitens: Rufen Sie nicht die Notdienste an! Drittens: Wir werden bald Ordnung in die Verhältnisse bringen.“

„Wir blieben ruhig“

Nach Aussagen von Passagieren reagierte das Personal von London Underground (LU) auf die Krisensituation überaus schnell und professionell. „Die Evakuierung unseres Zugs ging binnen weniger Minuten über die Bühne“, sagt ein amerikanischer Rechtsanwalt, der täglich mit der stark frequentierten „Northern Line“ in die Innenstadt pendelt. Bis die letzten Passagiere aus allen Zügen befreit waren, dauerte es freilich bis zum Nachmittag. Nach den Explosionen spielten sich Szenen in den zerstörten Zügen Szenen der Verzweiflung ab, weil die eingeschlossenen Passagiere im Rauch und Scherbenhagel in Panik gerieten.

„Alles war normal. Plötzlich war da ein mächtiger Knall, und der Zug hüpfte. Gleich kam überall Rauch heraus und es war heiß und jedermann verfiel in Panik. Die Leute fingen an zu schreien und zu weinen. Der Zug stand so 20 Minuten still in der Röhre, es gab keinerlei Lautsprechernachricht“, berichtet ein Passagier. Ein anderer sagte, er sei gerade unterwegs gewesen, als es im nächsten U-Bahn-Waggon eine Detonation gab: „Alle Lichter gingen aus und der Zug stand still. Überall war Rauch und so, und die Leute fingen an zu husten. Aber wir blieben ruhig. Wir konnten die Türen nicht aufmachen.“

Schnelle Reaktion der Ärzte

Gut auf den Ernstfall vorbereitet waren die Ärzte und Krankenschwestern vom „Royal Free Hospital“ im Londoner Stadtteil Belsize Park. Das vom staatlichen Gesundheitsdienst NHS betriebene Krankenhaus liegt in kurzer Reichweite von Kings Cross oder Edgware Road und zählte bis zum Mittag rund 30 Verletzte, von denen manche nur leicht, andere lebensgefährlich verwundet waren.

In der Ärzteschaft vom Royal Free kursieren gegen Mittag die ersten Zahlen vom möglichen Ausmaß der Katastrophe: 20 Tote sollen bis dahin gezählt sein, die Zahl der Verletzten soll sich auf etwa 1000 belaufen. Am Nachmittag spricht die Polizei von mehr als 30 Toten und mehr als 340 Verletzten.

Anfälligkeit der Infrastruktur

Mit Besonnenheit reagierten die meisten Londoner auf die Terroranschläge. Niemand, der an diesem Donnerstag nicht von den Auswirkungen der Terroranschläge betroffen gewesen wäre. „Nicht nur die Zahl der Opfer oder das Ausmaß der Schäden, sondern auch die Anfälligkeit der städtischen Infrastruktur machen mir Angst“, sagt ein Taxifahrer. „Die Terroristen schlugen hier genau zu dem Zeitpunkt zu, zu dem sich das Gros der Londoner Polizisten in Gleneagles befindet, um Tony Blair und seine Gäste zu bewachen.“

Hunderttausende von Pendlern konnten ihre Arbeitsplätze nicht erreichen. Wer trotzdem ankam, wurde sie sofort wieder nach Hause geschickt - falls es eine Möglichkeit gab, dorthin zu kommen. Keine Untergrundbahnen, keine Busse, keine Züge: Das bedeutet für die gesamte Stadt, daß ihr normales Wirtschaftsleben nicht mehr funktioniert. Wer nicht zu Hause bleiben konnte, mußte in der weitläufigen Stadt versuchen, sein Ziel zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen.

Quelle: F.A.Z., 08.07.2005, Nr. 156
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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft.

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