Home
http://www.faz.net/-gpf-u6u2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ružica Djindjić Die populäre Witwe

02.01.2007 ·  Ružica Djindjić, Frau des ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Djindjić, führt Serbiens Demokraten in den Wahlkampf ums Parlament. Wer in ihr nur ein Maskottchen des demokratischen Lagers sieht, irrt. Michael Martens über die „serbische Jacqueline Kennedy“.

Von Michael Martens, Belgrad
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Es war ein düsteres Familienporträt, das den Serben im März 2003 von der Beerdigung ihres ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Djindjić ins Haus flimmerte. Die Fernsehbilder zeigten die um Fassung ringende Witwe Ružica neben ihrer aufgelösten Tochter und dem damals kaum zehn Jahre alten Sohn, der sich - womöglich in dem kindlichen Wunsch, dem vorherrschenden Männerbild der Gesellschaft gerecht zu werden - sichtbare Gefühlsregungen versagte.

Millionen Serben verfolgten in jenen den Pulvergeruch von Umsturz und Instabilität ausströmenden Tagen die Direktübertragung des staatlichen Fernsehsenders aus der Hauptstadt und behielten die Bilder von dem Trauerzug Hunderttausender durch Belgrad in Erinnerung. Der zu Lebzeiten bei vielen seiner Landsleute zuletzt nicht mehr sonderlich populäre Reformer galt unmittelbar nach seinem gewaltsamen Tode plötzlich als der beliebteste Politiker des Landes.

Keine Führungsansprüche

Diese Popularität hat sich auf Ružica Djindjić übertragen. Zurückhaltend und auf Ausgleich bedacht, hat die Witwe aus der zweiten politischen Reihe heraus das Erbe ihres Ehemannes angetreten. Dass sie dabei nicht die vorderste Front der Tagespolitik suchte, war ihrem Ansehen nur förderlich: Sie konnte ihre Glaubwürdigkeit erhalten, indem sie sich nicht der Notwendigkeit aussetzte, sie unter Beweis stellen zu müssen. Frau Djindjić wurde im Februar 1960 in dem südwestlich von Belgrad unweit der Grenze zu Bosnien gelegenen Städtchen Valjevo geboren und studierte an der Juristischen Fakultät der Universität Novi Sad.

Nach dem Tode ihres Mannes engagierte sie sich für Waisenkinder und wurde Vorsitzende einer nach ihm benannten Stiftung, die sich unter anderem der Bildungsarbeit widmet. In der Demokratischen Partei (DS), die von ihrem Mann einst zur bestimmenden Kraft im Kampf gegen das Regime von Slobodan Milosevic aufgebaut worden war, blieb sie zwar eine hochangesehene Persönlichkeit, tat aber zu keiner Zeit Führungsansprüche kund. Als sie im März 2006 dennoch zur unmittelbaren Führungsriege der DS stieß, verweigerte sie den Posten einer stellvertretenden Vorsitzenden mit dem Hinweis auf ihre Kinder, um die sie sich kümmern wolle.

Mehr als ein Maskottchen

Seit Ende des Jahres steht sie nun allerdings doch ganz nahe an der Rampe. Sie gab dem Drängen ihrer Partei nach und ließ sich zu deren Spitzenkandidatin für die vorgezogene serbische Parlamentswahl am 21. Januar küren. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass Frau Djindjić nach den Wahlen in die Tagespolitik einsteigen wird, doch irrt, wer in ihr nur ein Maskottchen des demokratischen Lagers in Serbien sieht. Bald nach ihrer Nominierung überraschte sie mit der Aussage, sie werde auch als Ministerpräsidentin des Landes zur Verfügung stehen, sollte ihre Partei sie nach der Wahl darum bitten. „Die kommende Wahl ist nicht nur ein Kampf zwischen Parteien, denn wir werden auch darüber entscheiden, ob Serbien dem Weg folgen wird, den mein Ehemann beschritten hat. Ohne jeden Zweifel wäre ich bereit, den Posten der Ministerpräsidentin zu akzeptieren, denn das wäre ein Beitrag dazu, die Position der Frauen in Serbien zu stärken.“

Gedankenspiele über Frau Djindjić an der Spitze der Regierung des Balkan-Staates sind zwar derzeit nicht mehr als spekulative Beschäftigungstherapie, doch ist ihre Rolle an der Spitze der DS von großer, angesichts des zu erwartenden knappen Wahlergebnisses womöglich sogar von entscheidender Bedeutung. Für Serbiens Präsidenten Boris Tadic, der die Nachfolge von Zoran Djindjić an der Spitze der DS angetreten hat, bedeutet die Nominierung der zweitbekanntesten Witwe des Landes - nach Milosevics in Moskau lebender Witwe Mira Markovic - in jedem Falle einen Sieg über mehrere Gegner.

Die „serbische Jacqueline Kennedy“

Zum einen wird es selbst die populärste politische Kraft des Landes, die oppositionelle, extrem nationalistische Serbische Radikale Partei des in Den Haag inhaftierten mutmaßlichen Kriegsverbrechers Vojislav Seselj, schwerlich wagen, die moralische Autorität der von manchen Belgrader Medien zur „serbischen Jacqueline Kennedy“ gekürten Frau zu bezweifeln. Außerdem ist sie das beste Argument gegen alle, die der Partei vorwerfen, sie habe den von Djindjić unter schwierigen Umständen vorgezeichneten Reformkurs verlassen. Am lautesten behauptet das ein Politiker, der bei den Trauerfeierlichkeiten für Djindjić ebenfalls in der ersten Reihe stand: Cedomir Jovanovic, ehemals Studentenführer, später stellvertretender Ministerpräsident und zum letzten Geleit einer der Sargträger von Djindjić. Jovanovic gab sich nach dem Tode Djindjićs als ein Erzwestler, der die DS auf einen kompromisslosen Kurs der Annäherung an die EU einschwören wollte.

Im Machtkampf gegen Tadic war er jedoch chancenlos und wurde später aus der Partei ausgeschlossen. Er gründete dann eine eigene Partei, die sich als liberaldemokratisch etikettierende LDP. Die neue Partei pocht darauf, das wahre Erbe Djindjićs fortzuführen. „Für uns ist es nicht genug, eine Straße nach Djindjić zu benennen. Wir wollen, dass das ganze Serbien ein Serbien im Sinne Zoran Djindjićs wird“, sagte er in Anspielung auf die DS, die sich laut Jovanovic im Kampf um die Macht auf zu viele Kompromisse eingelassen hat. Darin freilich folgt die DS durchaus dem politischen Stil Djindjićs, der nach dem Sturz Milosevics im Oktober 2000 einige fragwürdige Bündnisse einging und auch einen pragmatischen Kontakt zu Teilen der Belgrader Unterwelt - bei dem ihm Jovanovic als Mittelsmann diente - nicht vermeiden konnte oder wollte.

Jovanovic kann nicht mehr glaubhaft auftrumpfen

Im Gegensatz zu dem lange übervorsichtigen Tadic machte Jovanovic auch früh und öffentlich klar, dass Serbien seine nach Unabhängigkeit strebende Unruheprovinz Kosovo nicht wird halten können. Das brachte ihm zwar bei der Mehrheit der Serben den Ruf ein, Handlanger Washingtons zu sein, dürfte ihm jedoch in Kreisen jener Wähler, die eine möglichst schnelle West-Integration des Landes befürworten, neue Anhänger verschafft haben. Seit jedoch feststeht, dass Ružica Djindjić die Kandidatenliste der DS anführt, kann Jovanovic nicht mehr glaubhaft auftrumpfen mit der Behauptung, die Partei habe den Kurs Djindjićs verlassen.

Zoran hat seinen späteren Gegner, den heutigen Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica, den er selbst zum Gegenkandidaten zu Milosevic bei der jugoslawischen Präsidentenwahl des Jahres 2000 aufgebaut hatte, wegen dessen damaliger Unbescholtenheit einmal als „gutes Produkt“ bezeichnet. Wer diese Sprache für angebracht hält, kann das mit Fug und Recht auch von Frau Djindjić und ihrer Rolle für die Demokratische Partei in Serbien behaupten.

Quelle: F.A.Z., 03.01.2007, Nr. 2 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

Jüngste Beiträge

Gaucks Präsenz

Von Günther Nonnenmacher

Es ist wichtig, Israel der unverbrüchlichen Solidarität Deutschlands zu versichern, ohne die Punkte zu verschweigen, an denen die Meinungen auseinandergehen. Auch der Bundespräsident weiß das. Mehr 1 5