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Rohstoffe unter Wasser Die Arktis weckt Begehrlichkeiten

15.08.2007 ·  Viele halten das Lomonossow-Gebirge für den Schlüssel zu der reich gefüllten Schatzkammer arktischer Rohstoffe. Vor zwei Wochen hissten russische Forscher unter Wasser ihre Landesflagge. Nun aber melden andere Länder Ansprüche an.

Von Horst Rademacher
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Wenn in diesen Tagen der schwedische Forschungseisbrecher „Oden“ von der norwegischen Hafenstadt Tromsö aus in Richtung Spitzbergen ausläuft, ist ein großes Kontingent dänischer Wissenschaftler an Bord. Unter Leitung von Christian Marcussen vom Geologischen Dienst für Dänemark und Grönland wollen die Forscher einen bisher nicht untersuchten Abschnitt des Lomonossow-Rückens erkunden, jenes untermeerischen Gebirgszuges, den viele Politiker für den Schlüssel zu der reich gefüllten Schatzkammer arktischer Rohstoffe halten.

Dass die dänischen Forscher dabei auf die Hilfe eines atomgetriebenen russischen Eisbrechers angewiesen sind, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Es ist nämlich keine zwei Wochen her, dass russische Polarforscher mit dem symbolischen Hissen ihrer Landesflagge auf dem Meeresboden am Nordpol Anspruch auf den Lomonossow-Rücken und große Teile der marinen Arktis erhoben. Dänemark und Kanada wollen ähnliche Ansprüche geltend machen.

Zweifellos das am wenigsten erforschte Weltmeer

Mit einer Fläche von zwölf Millionen Quadratkilometern ist der Arktische Ozean lediglich viermal so groß wie das Mittelmeer. Er ist aber zweifellos das am wenigsten erforschte Weltmeer. Das liegt nicht nur daran, dass die arktischen Gewässer - wegen der Kartenprojektionen - auf den wenigsten Landkarten erscheinen. Die das ganze Jahr anhaltende Eisbedeckung des größten Teils des Nordpolarmeeres macht auch jede marine Polarforschungsexpedition in dieses Gebiet zu einem Wagnis.

Abgesehen von der einige hundert Kilometer breiten Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen sind die Zugänge zum Arktischen Ozean eng und oft mit Eis versperrt, beispielsweise die Kennedystraße zwischen Grönland und Labrador oder die Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien. In vielen Teilen der Arktis ist das Packeis oft so mächtig, dass dort keine Forschungsschiffe operieren können. Deshalb sind sowohl das gesamte arktische Becken als auch der Lomonossow-Rücken noch wenig erforscht.

Rücken ragt mehr als 3500 Meter aus dem Boden

Das Nordpolarmeer besteht aus zwei Tiefseebecken, dem eurasischen und dem amerasischen Becken. Diese beiden Tiefseegebiete werden durch den Lomonossow-Rücken voneinander getrennt, einem untermeerischen Gebirgszug, der sich auf einer Länge von 1800 Kilometern von Grönland aus unter dem Nordpol bis zu den Neusibirischen Inseln erstreckt. Der Rücken, der eine Breite zwischen 60 und 200 Kilometern hat, ragt mehr als 3500 Meter über den Boden der Tiefsee heraus, ohne jedoch irgendwo die Wasseroberfläche zu erreichen. Er wurde im Jahr 1948 von einer sowjetischen Expedition entdeckt und ist einer von drei weitgehend parallel verlaufenden Gebirgsrücken, die sich am Boden des Nordpolarmeeres erstrecken.

Auf den ersten Blick scheint es sich beim Lomonossow-Rücken um eine Fortsetzung des mittelatlantischen Rückens zu handeln, jener Spreizungszone in der Erdkruste, die Amerika geologisch von Europa trennt. Tatsächlich ist er aber tektonisch nicht aktiv. Vielmehr stellt der Gakkel-Rücken im eurasischen Becken die Nahtstelle zwischen den beiden Kontinenten dar.

Rechtlich verbindliche Gebietsansprüche schwierig

Über die Entstehungsgeschichte des Lomonossow-Rückens diskutieren die Meeresgeologen seit mehr als vierzig Jahren, ohne bisher ein in sich schlüssiges Bild entworfen zu haben. Nachdem U-Boote der amerikanischen Marine die ersten Echolotaufzeichnungen aus dem Nordpolarmeer mitbrachten, wurde schnell klar, dass es sich bei dem Rücken nicht um eine Kette untermeerischer Vulkane handelt. Später vermuteten kanadische Wissenschaftler, der Rücken stelle ein Stück eurasischer Erdkruste dar, das sich irgendwann vom Festland gelöst hat und anschließend in der Arktis untergegangen ist.

Selbst wenn diese Hypothese stimmen sollte und der Rücken geologische Ähnlichkeit mit den Gesteinen im heutigen Sibirien oder in Grönland hat, dürfte es schwerfallen, daraus rechtlich verbindliche Gebietsansprüche abzuleiten. Ebenso wenig könnte beispielsweise Deutschland Ansprüche auf englische Kohlegruben erheben, nur weil die Kohleflöze an der Ruhr geologisch eng mit den Steinkohlen in England verwandt sind.

Russland, Dänemark und Kanada mit Ansprüchen

Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 sieht vielmehr vor, dass ein Land die Erweiterung seiner „exklusiven Wirtschaftszone“ über die üblichen 200 Seemeilen hinaus beantragen kann, wenn der Kontinentalsockel unter dem Meer mit dem eigenen Festland tatsächlich eine geologische Einheit bildet. Das muss mit wissenschaftlichen Gutachten belegt werden.

Jeder Anrainerstaat des Arktischen Ozeans, der Anspruch auf das Meer und die unter seinem Boden vermuteten Lagerstätten erhebt, muss demnach eine geologische Verbindung zwischen dem Ozean und seinem Festland nachweisen. Weil sich der Lomonossow-Rücken durch das gesamte arktische Becken zieht, versuchen sowohl Russland als auch Dänemark und Kanada nachzuweisen, dass „ihr“ Ende des Rückens geologisch eine Fortsetzung des jeweiligen Kontinentalsockels ist. Während die Russen dazu vor einigen Wochen zwei bemannte Forschungs-U-Boote eingesetzt haben, versuchen es die Dänen bei der nun beginnenden Expedition mit seismischen Messungen. Aus den von den Schichten im Meeresboden reflektierten Schallwellen lässt sich der Verlauf dieser Gesteinslagen im Groben kartieren.

Kein Forschungsschiff konnte seismisch messen

Man mag zwar das öffentlichkeitswirksame politische Begleitprogramm der Forschungen belächeln, aber tatsächlich betreten die Forscher mit den jeweiligen Expeditionen wissenschaftliches Neuland. Ziel der dänischen Expedition mit der „Oden“ ist beispielsweise das Seegebiet über dem Lomonossow-Rücken einige hundert Kilometer nördlich von Grönland. Bisher ist es noch keinem Forschungsschiff gelungen, in diese Gewässer vorzudringen und dort seismisch zu messen.

Um sich überhaupt dort bewegen zu können, haben die Dänen einen der mächtigsten Eisbrecher der Welt als Begleitschiff gechartert, das atomgetriebene russische Schiff „50 Jahre Sieg“. Nur Eisbrecher dieser Klasse sind in der Lage, in den sonst undurchdringlichen Packeisrücken Schneisen für die meeresgeologischen und seismischen Untersuchungen zu brechen. Es wäre jedoch nicht das erste Mal, dass derartige Untersuchungen in bisher völlig unbekanntem Gebiet überraschende Ergebnisse liefern.

Quelle: F.A.Z., 16.08.2007, Nr. 189 / Seite 30
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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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