http://www.faz.net/-gpf-86580
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 29.07.2015, 16:58 Uhr

Einwanderung „Deutschland hat ein Patriotismus-Problem“

Der amerikanische Soziologe Richard Alba hat die Einwanderungspolitik in sechs Ländern untersucht. Deutschland schneidet schlecht ab. Alba fordert, mit dem Islam in Europa besser umzugehen. Ein Interview.

von Tahir Chaudhry
© dpa Mädchen in traditioneller Festkleidung. Bei einer Moschee-Eröffnung in Hanau halten sie Schärpen in Deutschland-Farben und Fähnchen mit dem islamischen Halbmond in ihren Händen.

Herr Alba, Sie haben sechs Länder in Bezug auf ihre Einwanderungs- und Integrationspolitik untersucht. Welches Land würden Sie zum Integrationsweltmeister küren?

Es gibt keinen Gewinner. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass die Mängel von Land zu Land variieren. Wir haben versucht zu verstehen, wie verschiedene institutionelle Sektoren der jeweiligen Länder die Integration behindern oder fördern. Dabei haben wir erfahren, woran es fehlt und was gut funktioniert. In Deutschland ist uns besonders aufgefallen, dass die Strukturen im Bildungssystem es für Einwanderer aus der Arbeiterklasse sehr schwierig machen, Fortschritte in der Bildung zu erzielen. Ein Grund dafür ist die Einordnung der Schüler nach der vierten Grundschulklasse.

Lassen Sie mich meine Frage anders formulieren: Wenn Sie ein Einwanderer wären und die Wahl hätten: Für welches Land würden Sie sich entscheiden?

Ich denke, das wäre abhängig davon, woher ich stammen würde. Weil Rasse in Amerika eine ausschlaggebende Rolle bei der Integration spielt, wäre es dort für jemanden mit schwarzer Hautfarbe schwieriger als in europäischen Ländern. Als muslimischer Einwanderer aus Nordafrika oder der Türkei wäre es dagegen ungünstiger nach Europa zu ziehen als nach Amerika oder Kanada.

Neue App
Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Wie schneidet Deutschland in Ihren Untersuchungen ab?

Zunächst muss ich sagen, dass die Einwanderungssituation in Deutschland eine andere ist als in den anderen Ländern, weil ein hoher Prozentsatz der Einwanderer aus anderen europäischen Ländern stammt. In unserem Buch beschäftigen wir uns mit der geringqualifizierten Einwanderung, weil diese Art der Einwanderung die gesellschaftliche Integrationsfähigkeit stärker herausfordert. Trotz der Tatsache, dass die türkischen Einwanderer eine große Gruppe bilden, ist sie in Relation zur deutschen Bevölkerung sehr klein. Deutschland ist in dieser Hinsicht im Vorteil.

35509141 © 2015 Immigration Research Initiative Vergrößern Der amerikanische Soziologe Prof. Richard Alba (The Graduate Center at CUNY)

Man kann festhalten, dass Deutschland mit der geringqualifizierten Einwanderung substantielle Probleme hat. Wenn wir uns die Situation der Türken im Schulsystem anschauen, werden erhebliche Ungleichheiten sichtbar. Und wenn wir uns die Situation der Türken auf dem Arbeitsmarkt anschauen, dann sehen wir sogar in der zweiten Generation maßgebliche Probleme. Deutschland schneidet also bei der Integration nicht-westlicher Einwanderer nicht gut ab.

In Deutschland herrscht die Meinung vor, dass Parallelgesellschaften ein ernsthaftes Problem und Gefahr für das Zusammenleben der Bürger darstellen. Wie gehen andere Länder mit diesem Phänomen um?

Generell bin ich der Meinung, dass die Sorge vor Parallelgesellschaften in vielen Ländern und besonders in Deutschland völlig übertrieben wird. Als Amerikaner, der in Deutschland gelebt hat, würde ich sagen, dass Deutschland mehr Selbstbewusstsein und einen Optimismus bezüglich der langfristigen Integrationsfähigkeit von Einwanderern und ihrer Kinder braucht.  Wenn es um abgeschottete Wohnquartiere geht, sieht es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern sehr bescheiden aus. Sicherlich gibt es viele Türken, die unter sich bleiben, aber das geht eher darauf zurück, dass sie sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Man könnte also von einem beidseitigen Problem sprechen.

In Deutschland fühlen sich große Teile der Einwanderer aus der Türkei und verschiedenen arabischen Ländern diskriminiert und vom wirklichen Deutschsein ausgeschlossen. Wie beurteilen Sie dieses Problem im Vergleich zur Lage in Kanada und den Vereinigten Staaten?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Die Hölle

Von Berthold Kohler

Der Einsatz der Bundeswehr in Mali verdient nicht nur dann Anerkennung und Aufmerksamkeit, wenn er Opfer fordert. Mehr 28

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen