Vor dreißig Jahren kehrte Ajatollah Chomeini aus dem Exil nach Teheran zurück und übernahm dort die Macht. Noch wenige Monate zuvor hatte sich kaum einer der westlichen Diplomaten in der iranischen Hauptstadt vorstellen können, dass der so mächtig scheinende Schah, von den Amerikanern unterstützt, bald seinen „Pfauenthron“ verlieren würde.
Doch auch außerhalb Irans war man Fehleinschätzungen erlegen, die man korrigieren musste. Noch in den sechziger Jahren hatten Autoren wie Hans Henle Bücher über den „Neuen Nahen Osten“ geschrieben, in denen der Islam praktisch keine Rolle mehr spielte.
Die Muslimbruderschaft als Prototyp
Dies war ein Irrtum. Chomeinis Sieg stand für eine Renaissance nicht des Islams – der war nämlich als religiöse Prägekraft der Region niemals verschwunden –, sondern des Islamismus, des politischen und politisierten Islams. Sowohl bei den Sunniten, welche die Mehrheit der Muslime stellen, als auch bei der schiitischen Minderheit hatten in der Zeit zwischen den Weltkriegen und danach immer wieder Theoretiker eine Befreiung von westlicher Beherrschung oder Vormundschaft und später eine Umgestaltung der Gesellschaft nach den Regeln eines mehr oder minder streng interpretierten Islams gefordert.
Bei den Sunniten war die 1928 von Hasan al Banna gegründete Muslimbruderschaft sozusagen der „Prototyp“. Von ihm spalteten sich radikalere Gruppen ab, deren militanteste, etwa in Ägypten, schon seit Beginn der achtziger Jahre in den Terror abglitten.
Eine Schlüsselstellung bei der Ausweitung und Festigung islamistischer Vorstellungen hatten – neben der Islamischen Republik Iran – Saudi-Arabien und Afghanistan. Schon der fromme, 1975 ermordete saudische König Faisal I. hatte erkannt, dass der weltliche Nationalismus abgewirtschaftet hatte.
Niederlage im Sechstagekrieg als Zäsur
Insbesondere die Niederlage der Araber gegen Israel im Sechstagekrieg von 1967 ist in diesem Zusammenhang immer wieder als Zäsur beschrieben worden. Anstelle des weltlichen, in Teilen modernistischen Nationalismus sollten die Muslime in einer Art „Aufbegehren gegen den Westen“ und gegen westliche Lebensweisen die Segnungen einer rundum islamischen Gesellschaft anstreben. „Der Islam ist die Lösung“ wurde zum wichtigsten Slogan dieser Auffassung.
Die Losung verfing und verfängt umso mehr, als die existierenden Regime in der islamischen Welt – mit Ausnahme einiger Ölstaaten – es in der Regel nicht vermochten, ihren Völkern Wohlstand und soziale Sicherheit zu verschaffen. Da sprangen und springen die Islamisten ein; mit sozialen Netzen fangen sie auf, was der Staat nicht aufzufangen vermag.
Oft ist zu hören, die Hauptquelle des Islamismus sei das ungelöste Problem zwischen Israel und den Palästinensern. Aber so wünschenswert die Bereinigung dieses Konfliktes auch wäre – dies allein machte weder Ägypten noch andere Nachbarn Palästinas zu reichen Ländern. Auch blieben Schwierigkeiten des Islams, sich an die globalisierte Moderne anzupassen, davon unberührt.
Triumph der Mudschahedin in Afghanistan wegweisend
Doch auch die außenpolitische Orientierung vieler Regierungen am Westen missfällt den Islamisten. Besonders widersprüchlich zeigt sich in dieser Hinsicht das einflussreiche Saudi-Arabien. Als Hüter der heiligen Stätten in Mekka und al Medina hat das Land vieles dafür getan, Muslime strenger bis strengster Observanz zu fördern; gleichzeitig ist es ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten. Die wiederum unterstützten, als Afghanistan zehn Jahre lang von der Sowjetunion mit Krieg überzogen wurde, die Mudschahedin in ihrem (erfolgreichen) Widerstand, am Ende sogar einige Zeit die Taliban.
Der Triumph der afghanischen „Glaubenskrieger“ über die kommunistische Weltmacht kann in seiner Bedeutung für den politischen Islam kaum überschätzt werden. Dass der Hindukusch schließlich zum Zentrum des Dschihadismus wurde, in enger Anlehnung an die pakistanischen Paschtunen-Gebiete, ist auch dadurch zu erklären.
Islamische Führungsnationen nicht liberal
Der 11. September und seine Folgen bilden eine weitere Zäsur in dieser Entwicklung. Er machte Afghanistan wiederum zum Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Deren Ausgang ist ungewiss. Die Führung in Saudi-Arabien geht jetzt gegen Leute vor, deren Treiben sie allzu lange geduldet, ja gefördert hatte; am Bündnis mit Washington hält sie jedoch fest. Saudi-Arabien ist heute die Führungsmacht der Sunniten, während Iran – durch den von Amerika und Britannien erzwungenen Regimewechsel im Irak unverhofft zu neuem Einfluss gekommen – zur weiteren Emanzipation des Schiitentums beiträgt. Es muss bedenklich stimmen, dass die Führungsmächte beider islamischer „Konfessionen“ nicht liberalen Auslegungen von Koran und Sunna folgen.
Die Auseinandersetzung zwischen islamistischen Kräften und solchen der Reform ist in vollem Gange, mit Vorteilen für die Islamisten. Wenn etwa in Ägypten demokratisch gewählt würde, bekämen die Muslimbrüder gegenwärtig vermutlich die Mehrheit. Andererseits ist mancherorts auch Ernüchterung eingetreten angesichts des Versagens von Islamisten. Das iranische Beispiel ermutigt nicht.