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Revolution in der Ukraine Der Schießbefehl wurde nicht befolgt

20.12.2004 ·  In der Nacht zum 28. November sollten die Einsatztruppen des ukrainischen Innenministeriums die Demonstration in Kiew gewaltsam niederschlagen. Wie es dazu kam, daß die Gewalt sich nicht durchsetzen konnte.

Von Konrad Schuller, Kiew
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Im spätsowjetischen Hallenfoyer des Gewerkschaftshauses am Unabhängigkeitsplatz haben sich Untermieter eingenistet: links eine Wechselstube samt Hühnerschlägen und geschminkten Kassenfräuleins sowie eine Verkaufsbude für Filme, Kabel, Batterien; rechts eine Behelfspost.

Die Portierszelle mit ihren mächtigen Telefonen hat aus alten Zeiten überlebt. Passanten, Bittsteller, Wachleute mit Ohrenmützen hasten über den Steinboden oder hängen einfach nur herum.

Euphorisiertes Menschenmeer in Orange

Vor drei Wochen, in der Nacht vom 27. auf den 28. November, hat sich in diesem Haus - damals das Hauptquartier der ukrainischen Opposition unter Wiktor Juschtschenko - eine der dramatischsten Situationen der „Orangenen Revolution“ abgespielt. Boris Tarasjuk, Leiter der „Nationalen Bewegung der Ukraine“ und Mitglied im „Exekutivkomitee“ jenes „Nationalen Rettungskomitees“, mit dem Juschtschenko die Revolution steuerte, erinnert sich.

Es war zehn Uhr nachts. Tarasjuk, Diplomat alter Schule und bis zu seinem Rücktritt im September 2000 Außenminister der Ukraine, hatte dem Botschafterkorps von Kiew ein „Briefing“ über die künftige Außenpolitik unter Juschtschenko gegeben; soeben kam er zurück zur Zentrale. Wie immer in jenen Nächten wogte draußen vor der Foyertür auf dem „Maidan“, dem Unabhängigkeitsplatz, ein dichtes, euphorisiertes Menschenmeer in Orange: Fahnen und Hupen, Lachen und Winken, Rufe und Musik von der Bühne.

Wettlauf gegen die Zeit

Innen aber war um kurz nach zehn Uhr die Stimmung gekippt. Ein Telefon hatte geklingelt: Die Nachricht war da, vor der alle gebangt hatten, die Stunde X. Jemand, der „zum Volk“ hielt, ein Soldat oder Offizier der „Macht“, hatte zum Mobiltelefon gegriffen und die Alarmmeldung durchgegeben: Die „Inneren Truppen“, die gefürchteten Einsatzkräfte Innenminister Belokons, des Härtesten unter jenen in der Regierung, die eine harte Linie verfolgen, hatten den Befehl zum Einsatz erhalten.

Ausrücken, Munition aufnehmen, fertigmachen zum Abmarsch: 13 000 Mann, seit Wochen zusammengezogen rund um die Hauptstadt, das letzte Aufgebot des Regimes, um das wiederherzustellen, was Ministerpräsident Janukowitsch heute „Ordnung“ nennt. Die Befehle waren erteilt. Während auf dem „Maidan“ das Volk feierte, begann im Gewerkschaftshaus der Wettlauf gegen die Zeit.

„Zum letzten Mal versucht, die Revolution gewaltsam zu beenden“

Nun ist Tarasjuks Bericht nicht irgendein Seemannsgarn, kein Revolutionärslatein einer mythologisch produktiven Volksseele. Kiew ist zwar bis heute voll wilder Geschichten über die entsicherten Sturmgewehre der Macht, und Skepsis ist am Platze. Diesmal aber ist die Quellenlage anders. Nicht nur Tarasjuk und die Opposition, sondern auch jene stillen Kreise, die überhaupt zu erwähnen eigentlich schon eine Indiskretion ist und von denen allenfalls zu sagen wäre, daß sie gegen die Legenden der ukrainischen Folklore normalerweise immun sind, unterscheiden die Berichte vom 27. November sorgfältig von den permanenten Tatarenmeldungen jener Phase.

„In dieser Nacht hat das Regime zum letzten Mal versucht, die Revolution gewaltsam zu beenden“, spricht es leise aus der Kulisse. Der Befehl war gegeben: Auflösung der Blockaden vor Präsidentenpalast und Regierung, Auflösung der revolutionären Zeltstadt auf dem Prachtboulevard Kreschtschatik. „Wir wissen das. Wir haben am nächsten Morgen gleichsam noch die Reifenspuren gefunden.“

„Das Land stand vor dem Bürgerkrieg“

Wie ernst war die Lage? Trotz nächtlicher Stunde waren Zigtausende auf den Straßen. Die Einheiten, die nun „die Ordnung wiederherstellen“ sollten, waren nach Ansicht von Fachleuten für schonende Einsätze weder ausgerüstet noch ausgebildet. Keine Stöcke und Wasserwerfer, dafür durchgeladene Kalaschnikows - es war bitterernst. „Als die Nachricht bei uns ankam, warteten die Truppen gerade auf die Lastwagen. Die Motoren liefen“, erinnert sich Tarasjuk. „Das Land stand vor dem Bürgerkrieg.“

Im Haus der Gewerkschaften reagierte man mit konzentrierter Hast. Längst hatte man Kontakte zu den Apparaten geknüpft. Im Sicherheitsdienst SBU reichten die Fäden bis an die Spitze, zu Generalleutnant Smeschko. Im Offizierskorps empfanden viele den Kontakt zum Ministerpräsidenten Janukowitsch - einem vorbestraften Gewaltkriminellen, der nie gedient hat - als persönliche Beleidigung. Veritable Admirale hatten sich früh neben Juschtschenko auf die Tribüne gestellt. Ganze Abteilungen der Polizeiakademie waren in voller Uniform mit orangefarbenen Bändern am „Maidan“ erschienen. Man hatte Freunde, auch in ausländischen Regierungen, die rief man jetzt an.

Strafexpedition sackte in sich zusammen wie ein Fahrradschlauch

Wer wen in dieser Nacht bearbeitete, läßt sich allerdings nur ahnen. Nach Ansicht der Kreise im Halbdunkel hat wohl Julija Timoschenko, Juschtschenkos kämpferische Flügelfrau, „sich der Armee angenommen“. Tarasjuk berichtet jedenfalls, einige Einheiten der regulären Streitkräfte seien zuletzt sogar bereit gewesen, „sich dazwischenzustellen“, falls die Truppen des Innenministeriums marschiert wären.

Ein anderer Zeuge, Juschtschenkos alter Vertrauter Oleg Ribatschuk, berichtet, daß auch im Innenministerium des grimmigen Belokon und seines ebenso grimmigen Stellvertreters Popkow offene Befehlsverweigerung geherrscht habe. Im engsten Kreis um den Minister habe die Führungsebene klipp und klar erklärt, „niemand“ werde dem ergangenen Befehl zur Gewaltlösung folgen. Am frühen Morgen schließlich sackte die Strafexpedition in sich zusammen wie ein Fahrradschlauch, der über eine Reißzwecke gerollt ist. „Gegen zwei hatten wir die Situation unter Kontrolle“, erinnert sich Tarasjuk.

„Wir wissen nicht, von wem der Befehl kam“

Unklar bleibt, von wem die Befehle in der Nacht ausgingen. Popkow hat zwar zugegeben, sie weitergeleitet zu haben. Die Truppen hätten Munition aufgenommen und sich bereit gemacht, doch sei das alles nur eine Alarmübung gewesen. Wer hinter Popkow stand, ist nebulös. Mehrere Urheber des Befehls sind denkbar: Ministerpräsident Janukowitsch, Präsident Kutschma oder dessen gefürchteter Stabschef Medwedtschuk. Die Quellen im Halbdunkel versiegen an diesem Punkt. „Wir wissen nicht, von wem der Befehl kam. Wir wissen nur, daß er nicht befolgt wurde“, sagt die Stimme im Off.

Im Lager Juschtschenkos neigt man zu der Vermutung, daß vor allem zwei Männer zur Gewalt drängten: Regierungschef Janukowitsch und Kutschmas Stabschef Medwedtschuk. Die Rolle des Präsidenten selbst bleibt dabei ungeklärt. Nicht, daß man ihn in Schutz nähme, aber er wird auch nicht direkt attackiert. Anscheinend habe Kutschma die Befürworter der Gewalt nicht unterstützt, mutmaßt Ribatschuk. Im Lager der Macht taucht hier jener Haarriß auf, der sich seither zum Abgrund des Hasses zwischen Janukowitsch und seinem früheren Mentor Kutschma geweitet hat.

Alles wartet auf die Wiederholungswahl

Es ist deshalb vorerst nur eine Vermutung, zu sagen, daß Janukowitsch und Medwedtschuk hinter dem Drama jener Novembernacht gestanden haben, weniger aber der Präsident. Allerdings ist die Vermutung plausibel. Janukowitsch hat zwar mittlerweile bestritten, daß er den widerstrebenden Kutschma zur „Gewaltlösung“ gedrängt habe. Doch daß er über „die Wiederherstellung der Ordnung“ mit dem Präsidenten sprach, leugnet er nicht. Die Scharmützel zwischen dem zögernden Kutschma und dem cholerischen Janukowitsch sind mittlerweile zur offenen Schimpfkanonade angewachsen. Kutschma hat mit der Opposition seither zu Janukowitschs maßloser Enttäuschung einen Kompromiß geschlossen. Gleich danach nahm der Ministerpräsident unbefristet Urlaub und zog sich zürnend zurück in seine östlichen Hochburgen, die übelgelaunten Malocherstädte um Donezk und Luhansk.

Heute steht die Revolutionstribüne am „Maidan“ still in der Winterluft. Die Massen sind heimgegangen, nur am Kreschtschatik-Boulevard harren noch ein paar Unentwegte an Kanonenöfen aus. Alles wartet auf die Wiederholungswahl am 26. Dezember. Die Stäbe der Bewegung haben das Gewerkschaftshaus größtenteils geräumt. Nur eine Butterbrotstation für die letzten Kämpfer ist noch da. Um einen Tisch voll von Krümeln, Pappbechern und Teepfützen dösen frierende Teenager mit hängenden Köpfen in ehemals grünen Plüschsesseln. Es riecht nach Kampagne, Anstrengung und nassen Socken. Die Revolution macht Pause.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004, Nr. 297 / Seite 3
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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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