06.09.2004 · Bis zuletzt fehlte in Beslan ein geschickter Verhandlungsführer / Vorwürfe nach dem Ende der Geiselnahme / Von Markus Wehner
Von Von Markus WehnerIn der Schule Nummer 1 in Beslan hatten sich am 1. September Schüler, Lehrer und die Eltern der unteren Klassen im Schulhof versammelt, festlich gekleidet zum Schulbeginn, hatten Luftballons und Blumen dabei. Um 9 Uhr 30 überfielen die Geiselnehmer die Schule.
Sie kamen mit einem Armeelastwagen und einem Personenwagen. Sie hatten unterwegs einen Polizisten gezwungen, sie zur Schule zu begleiten. Nur wenigen Schülern gelang es, vom Schulhof zu fliehen. Zwei Polizisten, die auf dem Schulhof Dienst taten, versuchten, die Angreifer aufzuhalten. Sie wurden erschossen. Einem war es zuvor gelungen, einen Terroristen zu erschießen.
Fast 1200 Geiseln
In der Hand der Terroristen befanden sich 1181 Geiseln. Sie wurden in der Turnhalle und in Klassenräumen gefangengehalten. Die meisten Geiseln waren in die Turnhalle. Dort war es so eng, daß die Geiseln "wie die Heringe in der Dose" zusammengequetscht waren, wie eine Überlebende berichtet. Wer sich setzte, mußte die Knie anziehen. Geschlafen wurde, wenn überhaupt, reihum. Obwohl die Fenster zerschlagen worden waren, war es sehr heiß. Zwei Terroristinnen nahmen den Geiseln die Mobiltelefone ab. Die Geiselnehmer zwangen die Kinder, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Männer, Frauen mit kleinen Kindern und die älteren Kinder wurden in drei Gruppen getrennt. Eltern und Kinder konnten, obwohl sie mehr als zwei Tage in der Turnhalle waren, nicht zueinander gehen und nicht miteinander sprechen.
Bomben in den Basketballkörben
Die Geiselnehmer verminten die Halle, legten zwei große Bomben in die Basketballkörbe, hängten etwa zwanzig kleinere, mit Drähten verbundene Bomben an eine Schnur über den Saal und brachten weitere Sprengsätze an. Am Mittwoch gaben die Geiselnehmer noch Wasser aus, das sie in Putzeimern aus der Toilette geholt hatten. Nach Zeugenaussagen erschossen die Geiselnehmer am ersten Tag zehn Männer. Sie hätten die kräftigsten ausgesucht. Dann hätten sie gesagt: "Eure Väter und Männer haben wir schon erschossen. Wer will, kann nach oben gehen und nachsehen. So geht es jedem, der fliehen will oder Widerstand leistet." Es war unklar, ob dies eine Reaktion auf die Flucht einer Geisel war. Ein Mann hatte aus dem Fenster springen können, als er eine Leiche herauswerfen mußte. Insgesamt, so teilte die Staatsanwaltschaft mit, seien 20 Geiseln vor der "Erstürmung" erschossen worden.
Schreiende Kleinkinder hatten die Terroristen gestört
Am zweiten Tag gelang es dem ehemaligen Präsidenten Ruslan Auschew, 26 Frauen und Säuglinge aus der Schule zu holen. Die schreienden Kleinkinder, die mit ihren Müttern in ein gesondertes Zimmer gebracht worden waren, hatten die Geiselnehmer gestört. Versuche Auschews, weitere Zugeständnisse zu erreichen, schlugen fehl. Am zweiten Tag waren die Geiselnehmer "wie ausgewechselt", weil nicht mehr verhandelt wurde, berichten Geiseln. Sie gaben den Kindern kein Wasser mehr zu trinken und ließen sie nicht auf die Toilette. Manche tranken den Urin, den sie in Schuhen auffingen. Viele Kinder hatten aufgeplatzte Lippen, manche verloren das Bewußtsein. Weil sie schrecklichen Durst und Hunger hatten, weinten viele Kinder. Am Ende des zweiten Tages wurden die Geiselnehmer immer nervöser. Sie schrien und schossen in die Luft.
Ursache der Explosion bei der Abholung der Leichen unklar
Warum genau es zu der chaotischen "Stürmung" der Schule kam, ist immer noch unklar. Nach einer Vereinbarung mit dem Einsatzstab sollten vier Männer des Katastrophenschutzes die Leichen, die aus den Fenstern geworfen worden waren, im Hof abholen. Vier Männer des nordossetischen Katastrophenschutzes wurden damit beauftragt, doch sie wurden kurzfristig durch vier Mitarbeiter des Katastrophenschutzes aus Moskau ersetzt. Ob es sich dabei in Wirklichkeit um Leute aus den Spezialeinsatzkräften handelte, bleibt eine Vermutung. Noch bevor die vier Männer vom Katastrophenschutz die Leichen aufnehmen konnten, kam es zu einer Explosion in der Schule. Es bleibt unklar, ob ein Terrorist vielleicht versehentlich eine Mine zur Detonation brachte, die schon vorher angebracht war, oder ob er den Eingang zur Schule zusätzlich verminen wollte. Dann explodierte der Lastwagen, mit dem die Terroristen gekommen waren. Durch die Explosion wurde ein Loch in die Wand der Schule gerissen, die ersten Geiseln konnten fliehen. Die Terroristen eröffneten das Feuer auf die Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, von denen zwei umkamen. Zugleich schossen sie angeblich auf die fliehenden Kinder. In der Halle dachten die Terroristen, der Sturm habe begonnen und zündeten Sprengsätze. Durch diese gewaltigen Explosionen starb die Mehrzahl der Geiseln, viele wurden auch vom einstürzenden Dach erschlagen. Viele der geretteten Geiseln hatten den Staub von Ziegelsteinen der geborstenen Wände auf ihrer Haut. Die meisten hatten Verletzungen, die von den Explosionen stammten.
„Es brannte alles“
Als die Spezialeinsatzkräfte in der Turnhalle eintrafen, brannte "alles, sogar die Haare der Geiseln", wie sich einer der Einsatzkräfte erinnert. Kleine Gruppen von Geiseln konnten fliehen oder wurden hinausgebracht, etwa 400. Während einige Terroristen, unter ihnen der Anführer, sich im Keller mit Geiseln verschanzten, flohen andere in Sportkleidung aus dem Gebäude. Es kam in den umliegenden Häusern zu stundenlangen Gefechten. Eine Gruppe wurde in einem Haus eingeschlossen, ein Panzer schoß auf das Haus. Erst am Abend waren die Kämpfe zu Ende, auch die letzten Terroristen im Keller der Schule überwältigt. Bei der Flucht und der Rettung der Geiseln aus der umkämpften Schule spielten sich chaotische Szenen ab. Obwohl die Geiselnahme schon den dritten Tag andauerte, waren zu wenig Krankenwagen und Retter da. Leichen wurden von Tragen gekippt, um Verletzte aufnehmen zu können.
Verwandte wurden nicht zu den Verletzten vorgelassen
Etwa dreihundert Meter von der Schule entfernt warteten an den ersten beiden Tagen die Verwandten der Geiseln vor dem Kulturhaus der Stadt in Gruppen zu einigen Dutzend Leuten. Ab und an informierte sie der Chef der Presseabteilung des nordossetischen Präsidenten und versicherte, daß ein Sturmangriff nicht geplant sei. Donnerstag wurde die Stimmung unter den Angehörigen gespannter, da die Mitteilungen immer seltener wurden und kaum Neues enthielten. Es wurde klar, daß die Verhandlungen nicht vorangingen und die Regierung keine Forderungen der Geiselnehmer erfüllen wollte. Die Wut der Verwandten richtete sich gegen die Terroristen, aber auch gegen die Regierung, die nichts unternehme. Einer der ossetischen Freiwilligen rief: "Hier gibt es nicht einen einzigen Chef. Niemand hat uns erklärt, was überhaupt passiert. Hier sind Angehörige, Verwandte, sie haben ein Recht darauf, zu erfahren, was mit ihren Kindern geschieht. Niemand hat etwas getan für die Rettung der Kinder. Nur allein Auschew hat Kinder rausgeholt." Nach der "Erstürmung" wurden die Verwandten nach Medienberichten nicht zu den Verletzten in die Krankenhäuser gelassen. So war es auch nach dem Ende der Geiselnahme im Musical-Theater "Nord-Ost".
Bewaffnete Zivilisten jagten Terroristen
Am Abend des zweiten Tages versammelten sich Männer aus der Stadt in kleinen Gruppen vor dem Kulturhaus. Manche trugen Waffen. Es waren vor allem Angehörige, deren Kinder und Frauen gefangen waren, und deren Freunde. Sie trugen Zivilkleidung, andere Tarnuniformen. Sie legten weiße Armbinden an. Sie seien Kämpfer, und die Armbinden seien dazu da, um sich gegenseitig zu erkennen, erklärten sie. Als am nächsten Tag die Schießerei begann, beteiligten sich auch diese Freiwilligen am Kampf gegen die Terroristen. Später machten sie Jagd auf die fliehenden Geiselnehmer. Ein Sprecher des nordossetischen Innenministeriums sagte, das Vorgehen der Männer habe die Arbeit der Spezialkräfte wie "Alfa" oder "Wimpel" gestört. Der Tschetschenien-Beauftragte Putins rechtfertigte das Verhalten der Männer: "Man muß sie verstehen. Es geht um ihre Kinder. Hier ist der Süden. Das ist ein heißblütiges Volk," Wie viele bewaffnete Zivilisten am "Sturm" der Schule teilgenommen haben, ist unklar.
FSB berichtet von „Arabern und Negern“, Geiseln nicht
Aus der Schule wurden mehrere Leute herausgetragen, die als Terroristen identifiziert worden waren. Einer von ihnen, der verwundet war, wurde von der wartenden Menge, etwa 15 Leuten, zu Tode getreten. Ein anderer verwundeter Mann mit Bart, auf den sich eine Menge etwas weiter weg gestürzt hatte, konnte seine Peiniger davon überzeugen, daß er kein Terrorist sei. Die befreiten Geiseln berichteten, daß sie von Tschetschenen, Inguschen, Russen und Osseten gefangengehalten wurden. Von Arabern und einem Afrikaner berichtete keine der Geiseln, die von Journalisten befragt wurden. Alle Terroristen, bis auf einen, hätten ihre Masken in der Schule abgelegt. Der FSB hatte von "neun Arabern und einem Neger" berichtet, die unter den Terroristen gewesen seien. Unter den Geiselnehmern waren zwei Frauen in langen schwarzen Kleidern, die einen mit Sprengstoff gefüllten "Märtyrergürtel" trugen. Nach übereinstimmenden Zeugenaussagen sprengten sie sich noch während der Geiselnahme in der Schule in die Luft. Sie sollen sehr jung gewesen sein, "17 oder 18 Jahre". Nach Aussagen einer Zeugin hatten sie sich vor der Tat "etwas gespritzt". Die Geiselnehmer sollen gesagt haben, ihre "Schwestern" hätten ihre Aufgabe erfüllt. Die Meldung, eine Geiselnehmerin habe versucht, im weißen Kittel einer Krankenschwester zu fliehen, und sei festgenommen worden, trifft entweder nicht zu, oder es waren doch mehr als zwei Frauen unter den Terroristen.
Anführer Magomed Jewlojew
Der Anführer des Terrorkommandos war der 25 Jahre alte Magomed Jewlojew, der in Grosnyj geboren und aufgewachsen ist. Sein Kampfname ist Magas. Er soll für die Brüder Achmadow gearbeitet haben, die für ihre Entführungen in Tschetschenien berüchtigt waren. Seit 1999 gehört er zu den Kämpfern des bekanntesten tschetschenischen Terroristen und Islamisten Schamil Bassajew. Jewlojew führte im Juni den Überfall tschetschenischer und inguschischer Kämpfer auf Inguschetien - zusammen mit Doku Umarow, einem anderen von Bassajews Unterführern. Zum Selbstmord bereit waren nur die Frauen unter den Terroristen. Die Männer hätten sich bis zuletzt verteidigt, berichteten Kämpfer der Spezialkräfte.
Behörden verbreiteten irreführende Information über Zahl der Geiseln
Obwohl klar war, daß an der Schule fast 900 Schüler waren, verheimlichten die Behörden die Zahl der Geiseln und nannten statt 1200 die Zahl 354. Das führte bei den Verwandten, die es besser wußten, zu Aufregung. Einige malten gar an Putin gerichtete Plakate, auf denen von mindestens 800 Geiseln die Rede war. Auch bei den Terroristen trug diese Lüge zur Steigerung der Aggressivität bei, berichten ehemalige Geiseln. Daß sie die Geiseln am zweiten Tag mit Wasserentzug quälten, hat nach Meinung der Geiseln auch damit zu tun, daß ihre Forderung nach Verhandlungen mit den Präsidenten Nordossetiens und Inguschetiens, Dsasochow und Sjasikow, nicht erfüllt wurde. Auch der als Verhandlungspartner akzeptierte Tschetschenien-Berater Putins, der Tschetschene Aslambek Aslachanow, traf erst am Freitag aus Moskau ein, als die Situation schon eskaliert war.
Moskau wollte keinen ranghohen Verhandlungsführer benennen
Ein Verhandlungsführer wurde von Moskau nicht benannt. Der FSB-Chef und der Innenminister, die nach Beslan entsandt worden waren, traten nicht in Erscheinung. Einen ranghohen Verhandlungsführer zu ernennen wurde von Moskau wohl als Zeichen der Schwäche betrachtet. Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß mit den Terroristen schwer zu reden war, bleibt die Frage offen, ob man nicht durch eine geschicktere Verhandlungstaktik einen anderen Ausgang des Geiseldramas hätte herbeiführen können.