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Reinhold Messner Der pragmatische Visionär

16.11.2004 ·  Reinhold Messner lassen sich viele Etiketten anheften: "Bekanntester Bergsteiger", "renommierter Grenzgänger" oder schlicht "Mythos" ist er schon genannt worden. Messner ist die Allzweckwaffe, wenn es in Talkshows irgendwie um "psychische Leistungsfähigkeit“ geht.

Von Judith Lembke
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Reinhold Messner lassen sich viele Etiketten anheften: "Bekanntester Bergsteiger", "renommierter Grenzgänger" oder schlicht "Mythos" ist er schon genannt worden. Messner ist die Allzweckwaffe, wenn es in Talkshows irgendwie um "psychische und physische Leistungsfähigkeit" geht, und zu seinen Vorträgen strömen Manager, um von ihm die Geheimnisse von "Leadership" und "mentaler Stärke" zu erfahren. Das alles klingt laut, plakativ - und ziemlich schwammig. Um so mehr verwundert es, daß Messner selbst einen ganz anderen Blick auf sein Lebenswerk wirft, als die Medien es tun. Denn nicht die Bezwingung des Nanga Parbat oder die Durchquerung von Sand- und Eiswüsten bezeichnet Reinhold Messner als seinen größten Erfolg. Für den hält er persönlich die Wiederbelebung des Hügels Juval in Südtirol, auf den die Legende vor 20 Jahren herabstieg, um Schloßherr und Biobergbauer zu werden. Mittlerweile hat der "Eroberer des Unnützen" (Messner über sich selbst) es geschafft, auf dem 15 Hektar großen Hügelgebiet seine Visionen eines harmonischen Miteinanders von Tourismus und traditioneller Landwirtschaft zu verwirklichen.

Am Anfang stand nur eine Ruine. Messner kaufte 1983 eine verwitterte Trutzburg aus dem Jahr 1278 auf dem Hügel Juval bei Naturns, die er sukzessive restaurierte und als Wohnstätte und Touristenattraktion ausbaute. Da die Burg mit dem prominenten Besitzer nicht als monolithischer Touristenmagnet inmitten einer verlassenen Einöde stehen sollte, versuchte er, der brachliegenden Bergwirtschaft einen neuen Impuls zu geben. Von den Besucherströmen, die der berühmte Name auf den Hügel lockt, sollten auch andere profitieren. Also kaufte Messner zusätzlich zwei verlassene Gehöfte am Hügel, suchte für die Höfe Oberortl und Unterortl Pächter, die seine Vision von einer touristischen Landwirtschaft teilten. Dabei ist es Messner wichtig, daß traditionelles Agrarwissen erhalten bleibt: "Wir nutzen altes Know-how in der heutigen Zeit", erläutert er seine Philosophie, fügt jedoch hinzu, daß dies keineswegs eine Rückkehr zu Egge, Heugabel und Kerzenlicht bedeute. Der Kosmopolit Messner setzt konsequent auf regionale Stärken: Es ist ihm wichtig, daß den Produkten die spezifischen Attribute nicht verlorengehen und darüber hinaus die Kulturlandschaft im Vinschgau erhalten bleibt.

In dem Berliner Martin Aurich, der das Gehöft Unterortl 1992 zum Weingut umbaute und dort mittlerweile 25 000 Flaschen Weißburgunder, Riesling und Blauburgunder im Jahr produziert und in Hansjörg Hofer, der auf Oberortl einen Biohof etablierte, fand er Menschen, die seinen visionären Pragmatismus teilen. Visionär, weil diese Kombination aus Promi-Kult, sanftem Tourismus und Bio-Bergwirtschaft bisher weitgehend unbekannt war. Pragmatisch, weil Messner klare betriebswirtschaftliche Vorgaben setzt: "Das Projekt muß sich selbst tragen", ist seine Devise, auch wenn er nicht damit rechnet, seine Investitionen jemals wieder hereinzubekommen.

Messners Initiative schlug Wellen: Immer mehr Menschen siedelten sich am Hügel an, um naturnah zu produzieren und ihre Erzeugnisse an die Touristen zu verkaufen, die der weltbekannte Bergsteiger auf den Juval lockt. Produziert wird zuerst einmal für die Subsistenz - was darüber hinausgeht, wird möglichst direkt vermarktet. Das neueste Projekt ist ein "Vinschgauer Bauernladen", in dem Produzenten vom Hügel und aus dem Tal ihre Erzeugnisse zu erschwinglichen Preisen an den Endverbraucher verkaufen werden. Auf Juval, wo vor zwanzig Jahren keiner mehr leben wollte, haben mittlerweile wieder 40 Personen ihr Auskommen gefunden. Zusätzlich wohnen 24 Kinder am Hügel, was Messner nach eigener Aussage am meisten freut. Zumindest bei diesem Projekt muß sich Messner nicht mit dem Ausspruch seines größten Vorbildes Ernst Shackleton trösten: Der berühmte Polarforscher hatte einmal gesagt, daß zum Erfolg auch immer das Scheitern gehöre.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2004, Nr. 269 / Seite 19
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