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Reformation Luther und die Deutschen

 ·  Die evangelische Kirche ist darauf aus, Luther eine möglichst große Bedeutung für die Gegenwart zuzuschreiben. Dabei fixiert sie sich merkwürdig auf die Schattenseiten und verliert Entscheidendes aus dem Blick: In Luther haben sich die Deutschen stets auch ein Bild von sich selbst gemacht.

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Wer wolle leugnen, „dass Luther ein ungeheuer großer Mann war, groß im deutschesten Stil, groß und deutsch auch in seiner Doppeldeutigkeit als befreiende und zugleich rückschlägige Kraft“? Dieser heute nurmehr als Zitat mögliche Satz entstammt dem Vortrag „Deutschland und die Deutschen“, den Thomas Mann am 29. Mai 1945 in der Library of Congress in Washington hielt. Bis zu jenen Tagen dürften viele Deutsche auf die Frage nach der bedeutsamsten Leistung ihres Volkes ohne Umschweife geantwortet haben: die Reformation. Sie galt als die Saat, aus der nicht nur die Wahrheit des Glaubens und die Freiheit der Wissenschaft hervorgegangen waren, sondern auch die Festigkeit des Staatswesens und die Achtung des Rechts, die Klarheit der Sprache und die Tiefe der Musik. Keineswegs wurden Luthers Leistungen auf die Sphären von Glaube und Kirche beschränkt - sie schienen in alle Bereiche der Kultur auszugreifen. Johann Gottlieb Fichte konnte darum die Reformation im Jahr 1808 in den „Reden an die deutsche Nation“ als „vollendete Weltthat des deutschen Volkes“ preisen, und Thomas Mann, obschon er zu Luther stets ein gespanntes Verhältnis hatte, meinte noch 1945: „Die große Geschichtstat der deutschen Innerlichkeit war Luthers Reformation.“

Luthers Widersprüchlichkeit gilt als verdächtig

Manns Rede fiel mit einer Wende im Lutherbild zusammen. Seit 1945 wird die „Weltthat“ der Deutschen überschattet von einer anderen Tat. Die Rede Manns ist einer der frühen Belege dafür, dass dieser Schatten auch rückwärts fällt. Insbesondere Luther steht seitdem im Halbdunkel. Nicht nur wegen seiner Ausfälle gegen die Juden ist er in Misskredit geraten; sein ganzer Charakter erscheint fragwürdig. Luthers Widersprüchlichkeit, die eigentümliche Mischung aus Grobheit und Zartheit, gilt als verdächtig.

Zur 500-Jahr-Feier der Reformation im Jahr 2017 stellt sich die Frage nach Luther neu. Kirche und Staat haben sich reichlich Zeit für eine Antwort genommen: Eine veritable „Lutherdekade“ wurde im Jahr 2008 ausgerufen. Zur Halbzeit gewinnt man freilich den Eindruck, dass es sich die Jubiläumsprofis mit Luther recht bequem machen. Sicher, die Lutherstätten in Mitteldeutschland werden aufwendig hergerichtet und anspruchsvoll präsentiert. Die Musealisierung des Reformators führt allerdings auch dazu, dass das Reformationsjubiläum sehr stark am Interesse an den Lebensumständen Martin Luthers ausgerichtet wird. Wer sich daran ergötzt, was Katharina von Bora kochte, und wissen will, ob sich ihr Mann mit den Grafen von Mansfeld verstand, der darf sich nicht wundern, wenn der Reformator mehr und mehr in seiner Epoche versinkt.

Fixierung auf die Schattenseiten

Das kann der evangelischen Kirche nicht recht sein. Sie ist darauf aus, Luther eine möglichst große Bedeutung für die Gegenwart zuzuschreiben. Dabei will sie aber keine Angriffsflächen bieten. Die Folge ist eine bisweilen merkwürdige Fixierung auf die sogenannten Schattenseiten Luthers. Über sie vermag die EKD zum Reformationsjubiläum jene Botschaften vorzubringen, die sie auch sonst in ihrem Repertoire hat. Luther war gegen die Türken - also brauchen wir mutige Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Luther kochte nicht selbst - also brauchen wir mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Über das Bemühen, nichts falsch zu machen, gerät Entscheidendes aus dem Blick. Denn in Luther haben sich die Deutschen stets auch ein Bild von sich selbst gemacht. Das Lutherjubiläum 1917 etwa troff vor Chauvinismus. Doch sind mit Luther auch große Aufbrüche verbunden: Das Wartburgfest. Der Vormärz. Die friedliche Revolution 1989. Reformgruppen in der DDR konnten sich verbünden, als auf dem Wittenberger Kirchentag 1983 im Lutherhof Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet wurden.

Luther Erbe weiter präsent

Der Name Luther hat nie nur eine Person der Vergangenheit bezeichnet, sondern stets auch eine Potenz deutscher Geschichte. Auf Luther hat sich der Pietismus berufen - aber auch die Aufklärung. Die Romantik - aber auch der Idealismus. Der Konservatismus - aber auch der Liberalismus. Es war gerade der Streit um Luther, der klärend, produktiv, weiterführend wirkte.

Und ist es bloß Zufall, dass Deutschland andernorts in Europa gegenwärtig genau jene Eigenschaften angekreidet werden, die den Deutschen einst unter Berufung auf Luther als Ideal eingeimpft wurden? Was in den Krisenländern als „notwendige Flexibilität“ bezeichnet wird, heißt hierzulande Vertragsbruch. Was in Paris als „Wachstumsimpuls“ gilt, hält man in Berlin für Vergeudung. Bisher maß man in der EU solchen Unterschieden kaum Bedeutung zu. Mit der Euro-Krise hat sich die Lage verändert: Nun treten die Wertvorstellungen der Länder, die von der Reformation geprägt wurden, in offenen Gegensatz zur Alltagsmoral anderer Länder - mit handfesten politischen und ökonomischen Folgen. In anderen Euroländern nimmt man instinktsicher wahr, dass damit auch verdrängtes Konfliktpotential wiederkehrt.

In all seiner Doppelbödigkeit ist das Erbe Luthers weiter präsent. Das Reformationsjubiläum 2017 wäre die Gelegenheit für eine Debatte darüber, welche Teile davon abzustreifen sind und welche unentbehrlich sein werden für ein Europa, das in Frieden und Freiheit fortbestehen will.

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29.03.2013, 10:28 Uhr

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