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Veröffentlicht: 13.09.2014, 10:19 Uhr

Schottland-Referendum Wenn das Vereinigte Königreich Geschichte würde

Ein „Ja“ der Schotten hätte nicht nur für das Vereinigte Königreich Folgen. Auch der Rest Europas wäre von der Sezession betroffen. Und die Amerikaner würden ihr Verhältnis zu den „Cousins“ wohl überdenken.

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© AFP Womöglich werden die schottischen Dudelsackspielern dem Rest des Vereinigten Königreichs am Donnerstag den letzten Marsch blasen

Die Deutschen sprechen oft von England, wenn sie Großbritannien meinen oder, wie es förmlich korrekt wäre, das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland. Vielleicht kommen die Schotten am kommenden Donnerstag dieser Nachlässigkeit auf ihre Weise entgegen, wenn nämlich eine Mehrheit von ihnen für die Unabhängigkeit stimmen sollte und damit für die Lösung  von diesem Vereinigten Königreich – ob sie nun die Königin behalten wollten oder nicht. Dann bliebe nur mehr ein schon so genanntes „Residual United Kingdom“ übrig, in dem die Engländer noch deutlicher als bisher die Mehrheit stellen würden.

Klaus-Dieter Frankenberger Folgen:

Die Union, die vor mehr als dreihundert Jahren geschlossen wurde und die den Aufstieg Britanniens zur Weltmacht getragen hat – Schotten spielten dabei vielfach eine herausragende Rolle –, wäre ein für alle Mal Vergangenheit. Perdu! Schotten gingen ihrer eigenen souveränen Wege, Engländer, Waliser und Nordiren blieben zurück: in „RUK“.

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Weil am Donnerstag in Glasgow, Edinburgh und Aberdeen der Atem der Geschichte zu spüren sein wird, verfolgt die Welt, verfolgen besonders die Europäer den Ausgang des Referendums mit großer Spannung. Denn ein Trennungsbeschluss würde weithin strahlen und große Auswirkungen haben. Besonders die Katalanen verbinden mit dem schottischen Votum eigene Interessen; von einem Ja zur Unabhängigkeit erhoffen sie sich einen letzten Schub für ihre eigene Unabhängigkeitskampagne, selbst wenn ihnen die spanische Verfassung ein Recht zur Unabhängigkeit gar nicht gewährt. Auch die separatistischen Kräfte in Flandern könnten Auftrieb verspüren – und wer weiß, wer plötzlich (oder wieder) noch alles vom Unabhängigkeitsfieber gepackt würde?

Ein Austritt aus der EU wäre wahrscheinlich

Denn das hat es ja in den vergangenen Jahrzehnten nicht geben: dass ein großes westeuropäisches Land in freier Entscheidung einen Trennungsbeschluss herbeiführt. Das alte Großbritannien gäbe es nicht mehr, „RUK“ fiele wirtschaftlich, politisch und militärisch einige Plätze zurück; der mit einer ständigen Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat untermauerte Anspruch, über die Geschicke der Welt mitzubestimmen, nähme sich kurios aus. Er wäre ein Anachronismus. Die Frage, wo denn künftig die britische Atomflotte ihre Heimatbasis haben sollte, wenn sie im Norden nicht mehr willkommen ist, ist dabei nur eine von vielen Unwägbarkeiten. Keine Frage: Der britisch-nordirische Rest wäre von anderer, kleinerer Statur.

30974852 © AFP Vergrößern Ob die britische Atomflotte ihren Heimathafen verlassen muss, ist noch unklar

Das würde sich insbesondere im Kontext der Europäischen Union bemerkbar machen, und zwar auf zweierlei Weise. „RUK“ gehörte nicht mehr wie selbstverständlich zu den Großen Vier; hinsichtlich der Bevölkerung fiele es weit hinter Italien zurück. London, dem die schottischen Wähler gerade Lebewohl gesagt hatten, könnte nicht damit rechnen, dass sein Einfluss und seine Stellung weiterhin so groß wären, um den eigenen europapolitischen Vorstellungen und Sonderwünschen Geltung zu verschaffen (was ohnehin nicht so häufig gelingt).  Und dann träte der pikante Fall ein, dass London mit Schottland indirekt um die Aufnahme in die EU verhandelte, während es mit den Partnern um europapolitische Konditionen verhandelte, die den Verbleib in der Union möglich machten.

Auch darauf hätte ein „Ja zur Unabhängigkeit“ Schottlands Auswirkungen: Die europhilen Schotten fielen als kleines Gegengewicht weg, die euroskeptischen Engländer dürften noch unwirscher und skeptischer werden: Ein Austritt aus der EU rückte näher. 2017 soll darüber abgestimmt werden, falls bei der Unterhauswahl im kommenden Jahr die Konservativen die Mehrheit erhalten. Was wahrscheinlich wäre, denn die Labour Party hätte ja ihre schottische Hochburg verloren, während die Konservativen in England strukturell die Mehrheitspartei sind. Aber sie werden dort von der nationalistischen, eurofeindlichen United Kingdom Independence Party bedrängt, und die könnte die Konservativen zu einem noch europakritischeren Kurs mit allerlei unfreundlicher Rhetorik treiben.

Washington würde noch mehr nach Berlin schauen

„RUK“ wäre ein Partner, der die schottische Amputation erst einmal verkraften müsste und der dazu einige Zeit brauchen würde. Wäre dieser Partner handlungsfähig? Würde ihm sein Führungswille, wenn er den denn hätte, noch abgenommen? Es stünde zu erwarten, dass die Vereinigten Staaten ihr Sonderverhältnis zu Britannien dann überwiegend aus der Erinnerungsperspektive betrachten; wie in einem Album mit den Fotos vergangener gemeinsamer Taten würden sie darin blättern. Und noch mehr als bisher würde Washington nach Berlin blicken, wenn es auf der Suche nach einem leistungsstarken Verbündeten wäre, der in weltpolitisch bewegten Zeiten die Europäer beisammenhält und der Amerika Lasten abnimmt.

Auch für den Westen insgesamt hätte es also große Konsequenzen, würde aus dem Vereinigten Königreich „RUK“.  Über eine Schwächung würden sich nur seine Gegner freuen. Sollten die Schotten die Union von 1707 kündigen, blieben die politischen Turbulenzen nicht auf die British Isles beschränkt. Soviel steht fest. Und deswegen werden, wie gesagt, auch viele Leute ohne britischen Pass am kommenden Donnerstag gespannt nach Schottland blicken. Denn am Freitag morgen könnte Historisches zu bewundern sein. Oder zu bedauern.

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