http://www.faz.net/-gpf-7u3qi

Kommentar : Jetzt beginnt die Föderalismus-Debatte

Jubel in Edinburgh an einem historischen Tag: Die Union, die Engländer und Schotten vor 307 Jahren eingegangen sind, besteht fort. Bild: dpa

Schottland wird nicht unabhängig, das Vereinigte Königreich nicht schrumpfen. Am Ende wogen die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten einer Abspaltung schwerer als Nationalstolz und Freiheitspathos. Und die Demokratie hat gesiegt.

          Am Ende hing die Zukunft Schottlands, des Vereinigten Königreichs und, wer weiß, auch die anderer europäischer Länder doch nicht nur von wenigen Stimmen  ab. Am Ende war die Mehrheit, welche die Union mit England nicht aufkündigen wollten, größer, als es die letzten Meinungsumfragen vermuten ließen. Schottland wird nicht unabhängig werden und das Vereinigte Königreich nicht schrumpfen, weil vor allem Frauen und ältere Leute nicht ins kalte Wasser springen wollten. Für sie wogen die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten, die mit diesem Sprung verbunden gewesen wären, schwerer als Nationalstolz, Selbstbestimmung und Freiheitspathos. Damit retteten sie den politischen Kopf des britischen Premierministers Cameron und enttäuschten etwa die Hoffnungen der Katalanen, die sich von einem schottischen Unabhängigkeitsvotum grenzüberschreitende Inspiration für ihr eigenes Unabhängigkeitsbegehren versprochen hatten.

          Dennoch war das Referendum ein großer Tag für die Demokratie. Wähler konnten in  freier Entscheidung - und nicht unter der einschüchternden Präsenz  schwerbewaffneter Soldaten einer ausländischen Macht - über ihre staatsrechtliche Zukunft abstimmen. Die Entscheidung mobilisierte und weckte  Leidenschaften, wie das für westliche Demokratien selten geworden ist.

          Dabei war es logisch, dass das Referendum auch polarisierte, schließlich stand ungeheuer viel auf dem Spiel: Es war, wie die Befürworter der Unabhängigkeit  sagten, eine Entscheidung, die nur einmal im Leben kommt, oder die, wie die Gegner argumentierten, im Falle einer Mehrheit für die Loslösung irreversibel  gewesen wäre. Es wird jetzt darauf ankommen, diese Leidenschaften wieder zu beruhigen, die Enttäuschten zu trösten und den tiefen Riss, der sich in der  schottischen Gesellschaft aufgetan hat, halbwegs wieder zu schließen.

          Leicht  wird das nicht sein, denn die Nationalisten empfinden eine Abscheu gegenüber der Herrschaft aus London und hegen ein an Hass grenzendes Misstrauen, wie man das nicht für möglich gehalten hätte. Auch hier kommt zum Ausdruck, wie sehr die Leute, „das Volk“, mittlerweile gegen Eliten und gegen das Londoner Establishment revoltieren, deren Politik mit Fremdbestimmung gleichgesetzt wird.

          Eine große Minderheit jedenfalls lässt sich nicht von ökonomischen Argumenten - drohender Arbeitsplatzverlust - nicht beeindrucken und nicht  einschüchtern. Und unter dem Stichwort soziale und historische Gerechtigkeit  hat der Nationalismus sich als progressive Kraft drapiert. Vielleicht werden die Wunden schneller vernarben, wenn das Versprechen britischer Politiker erfüllt wird: Schottland soll noch mehr Autonomie bekommen, das schottische Parlament soll selbst über Steuern und Finanzen  bestimmen - „devolution max“.

          Am Beginn einer großer Föderalismusdebatte

          Es war womöglich diese Aussicht, welche viele Wähler mit Nein stimmen ließ, ohne ihre eigene patriotische Gesinnung zu kompromittieren. Man kann vielleicht so auch sagen: Schottland bekommt die Beste aller Welten. Die anderen Teile des Vereinigten Königreichs, auch die Engländern, werden sich darauf einen Reim machen. Anders gesagt: Großbritannien steht am Beginn einer großer Föderalismusdebatte. Auch die wird historisch  sein; insofern war das Votum der schottischen Wähler doch viel mehr als eine Bestätigung des Status quo, es war, so oder so, ein Votum für Veränderung.

          Aber eben nicht im Sinne einer Verzwergung des Königreichs auf der europäischen  und internationalen Bühne. Mag das Votum, zum Beispiel, die nationalistisch gesinnten Katalanen enttäuscht haben - kein separatistisches Fanal -, so hat es europapolitisch etwas Gutes, wenn die mehrheitlich proeuropäischen Schotten und  die mehrheitlich euroskeptischen Engländer zusammenbleiben: Dass Britannien die  Europäische Union verlässt, ist etwa weniger wahrscheinlich geworden.

          Unsicherheiten gebannt

          Mann kann das Aufatmen von Madrid bis Brüssel und Berlin förmlich hören. Und auch das in Washington, denn die Vereinigten Staaten hatten sich sorgenvoll gefragt, ob ihnen der Treueste der Verbündeten abhanden kommen würde, einfach weil der künftig weniger Masse gehabt hätte und weil er von der Abwicklung der Union vollkommen in Beschlag genommen worden wäre.

          So kommt es nicht. Und so werden auch die Partner den Ausgang des Referendums in Schottland bejubeln. Die Unsicherheiten, die mit der Unabhängigkeit zwangsläufig verbunden gewesen wären, sind gebannt. Die schottischen Nationalisten, die keine Mehrheit für die Trennung von England bekommen waren, werden zweifellos enttäuscht und  niedergeschlagen sein, ihre Kampagne war enthusiastisch und voller Leidenschaft. Viele andere aber werden sich an diesem Morgen als Gewinner fühlen. In jedem Fall war der 18. September 2014 ein historischer Tag. Die Union, die Engländer und Schotten vor 307 Jahren eingegangen sind, besteht fort.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Folgen:

          Topmeldungen

          John McCain : Hymne auf Amerika

          In seinen Memoiren erinnert sich der todkranke Senator John McCain an Meilensteine seines Lebens. Den Amerikanern legt er ans Herz, nicht in Nationalismus abzugleiten. Auch Donald Trump hat er was zu sagen.

          Diesel-Affäre : Winterkorn ist von seiner Unschuld überzeugt

          Ermittlungen in Deutschland und Amerika, sogar ein Haftbefehl gegen den ehemaligen VW-Chef liegt vor. Trotzdem ist Martin Winterkorn von seiner Unschuld überzeugt. Und geht jetzt einen möglicherweise riskanten Schritt.
          Aufgetischt: Die Wohnung von Familie Arslan wird in der Fastenzeit zum Treffpunkt für Freunde und Familie.

          Fastenbrechen : Warten, bis die Sonne untergeht

          Der Fastenmonat Ramadan hat angefangen. In der Zeit steht nicht der Verzicht, sondern die innere Einkehr im Fokus. Zu Besuch bei einer muslimischen Familie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.