Home
http://www.faz.net/-gpf-6wcli
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rechtsextremismus Raus aus der Neonazi-Szene - aber wie?

Im NPD-Kernland Sachsen ist ein Streit über die Arbeit mit rechtsextremen Aussteigern entbrannt. Die einen kämpfen für die „Resozialisierung“ früherer Neonazis. „Einmal Nazi, immer Nazi“ heißt es bei den anderen.

© dpa Einmal Neonazi, immer Neonazi? Oder ist ein Aussteigen aus der Szene möglich?

Als Michael Ankele vor kurzem beschreiben sollte, was seine Klienten in ihm sehen, da neigte er den Kopf zur Seite, lächelte und sagte: „den Führer“. Es war nur ein halber Scherz. Seit sechs Jahren arbeitet Ankele als freier Sozialarbeiter in der sächsischen Lausitz daran, Neonazi-Teenager aus der Szene „herauszuführen“. Dass er inzwischen auf 90 erfolgreiche Fälle verweisen könne, habe aber wenig mit „Umerziehung“ zu tun, sagt Ankele. Ihm geht es zunächst darum, den Leuten klarzumachen, dass die Szene keine Familie, sondern eine Sackgasse ist, dass Ausbildung besser ist als Ausrasten. „Alles Weitere kommt dann später“, sagt Ankele.

Michael Ankele, ein 52 Jahre alter Mann mit gemütlichem Bauch und weicher Stimme, ist Pragmatiker, vor allem aber Einzelkämpfer. Sein Einsatzgebiet ist die Region Bautzen. Über Staatsanwälte, Polizisten und Eltern findet er Kontakt, auch die einschlägigen Szenetreffs scheut Ankele nicht, um mit ausstiegswilligen Neonazis zu sprechen. Es folgt dann meist eine mehrjährige Intensivbetreuung bei der Suche nach einer Ausbildung, nach neuen Freunden und neuem Selbstbewusstsein. In harten Fällen wird eine Wohnung in einem sächsischen Dorf bereitgestellt, um den Aussteiger vor wütenden ehemaligen Kameraden zu schützen.

Doch dieser Tage hat Ankele andere Sorgen, er muss sich gegen Vorwürfe wehren. Ein Bündnis von sächsischen Anti-Rechts-Initiativen macht Front gegen seine Arbeit. Diese sei „distanzlos“, es fehle die „sozialpädagogische Fachlichkeit“, so lauten nur zwei Vorwürfe.

Menschenkette gegen Rechtsextremismus © dpa Vergrößern Die Geschehnisse rund um die Zwickauer Terrorzelle haben das Bewusstsein für rechtsradikale Gewalt in Deutschland wieder gestärkt

Aufgesetzt ist das Schreiben von der „Demokratie AG Ostsachsen“, zu deren 16 Mitgliedern unter anderem der DGB Ostsachsen, die „Gesellschaft Bürger und Polizei“ und die Regionale Beratungsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Dresden gehören. Das Bündnis fasst damit Vereine zusammen, die in Ostsachsen maßgeblich an der Aufklärung über Rechtsextremismus beteiligt sind. Mittlerweile macht das Schreiben die Runde im ganzen Freistaat. Auch beim sächsischen Innenministerium liegt es vor. Allen Adressaten empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft eine „kritische Auseinandersetzung“ mit Ankeles Arbeit.

Kritiker: „Rechtsradikalismus als Event“

„Fachlich problematisch“, heißt es, sei „Ankeles geringe Bereitschaft zum Erfahrungsaustausch, zu Transparenz, zur Teamarbeit und insbesondere zur Selbstreflexion“. Auch eine „fehlende Mitarbeit in entsprechenden politischen Netzwerken“ wird moniert. Besonders kritisiert wird aber, dass Ankele zusammen mit Aussteigern Vorträge und Seminare an Schulen hält. Ankele verdient damit sein Geld, einen kleinen Teil davon kriegen die Referenten. „Pseudo-Aussteiger“ wären das, finden die Kritiker, die des Geldes willen mitmachten und „Rechtsradikalismus als Event vermitteln“.

Ankele kennt die Vorwürfe, sie begleiten ihn, seit er als Aussteigerbetreuer in Sachsen arbeitet. „Aber das ist sicher eine neue Dimension“, sagt er. Inzwischen erhalte er Anrufe von verunsicherten Lehrern und Projektpartnern. „Gerade jetzt, da der Druck auf die Szene wächst, ist diese Geschichte extrem kontraproduktiv.“ Inzwischen beschäftigt sich der Anwalt von Ankeles Förderverein Projekt 21/II - ein Zusammenschluss unter anderen von Eltern, Juristen und Polizeivertretern - mit dem Schreiben, es wird Unterlassung gefordert. Auch die Gegenseite, also die „Demokratie AG“, hat einen Juristen eingeschaltet. Aus diesem Grund will sich dort und bei den einzelnen Organisationen auch niemand über den Streit öffentlich äußern.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fremdenfeindlichkeit Das Schweigen des Stanislaw Tillich

Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat lange zu den ausländerfeindlichen Umtrieben in Sachsen geschwiegen. Dabei kann er sich als angesehenster und beliebtester Politiker Sachsens klare Worte leisten. Mehr Von Stefan Locke, Dresden

30.06.2015, 13:07 Uhr | Politik
Sachsen Tillich besucht das Flüchtlingsheim in Freital

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat am Donnerstag eine Flüchtlingsunterkunft in Freital bei Dresden besucht, vor der es am Mittwoch zu heftigen Protesten gekommen war. Tillich sagte, dass sich Deutschland und Europa der Herausforderung durch die Flüchtlingsströme stellen müssen. Mehr

26.06.2015, 11:53 Uhr | Politik
Nach rassistischen Protesten Erstmals Demonstration für Flüchtlinge in Freital

Bisher bestimmte der Protest gegen ein Asylbewerberheim die Nachrichten aus dem sächsischen Freital. Nun gab es unter Polizeischutz eine Kundgebung für die Flüchtlinge. Mehr

26.06.2015, 22:00 Uhr | Politik
Nach Brandanschlag in Tröglitz Trotzdem weiterhin Unterbringung von Flüchtlingen

Landespolitiker von Sachsen-Anhalt zeigen sich unnachgiebig: Trotz des Brandanschlags in Tröglitz sollen weiterhin Flüchtlinge in der Stadt untergebracht werden. Mehr

07.04.2015, 17:29 Uhr | Politik
Thüringen Leimspuren eines Neonazis

In Eisenach stimmt der Stadtrat über einen Abwahlantrag gegen Oberbürgermeisterin Katja Wolf von der Linkspartei ab. Gestellt hatte ihn der vorbestrafte Neonazi Patrick Wieschke, der einen Sitz für die NPD inne hat. So kommt es zum Eklat. Mehr Von Claus Peter Müller, Eisenach

19.06.2015, 11:48 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.12.2011, 19:20 Uhr

Was wirklich ist

Von Jasper von Altenbockum

Die wichtigste Botschaft der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts blieb unausgesprochen: Die Sicherheitsdebatte in Berlin hat sich von der Wirklichkeit weit entfernt. Mehr 45 128