31.07.2005 · In fast allen Bundesländern tritt an diesem Montag die neue Rechtschreibung in Kraft, obwohl nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts 61 Prozent der Bevölkerung die Reform ablehnen.
In 14 Bundesländern tritt an diesem Montag die neue Rechtschreibung in Kraft. Nur Bayern und Nordrhein-Westfalen haben die Übergangszeit verlängert.
Die neuen Regeln werden in den Schulen weiter gelehrt, bisherige Schreibweisen werden aber nicht als Fehler gewertet. Sowohl die Kultusministerkonferenz (KMK) als auch die Ministerpräsidentenkonferenz hatten in ihren vergangenen Sitzungen das Inkrafttreten der Rechtschreibreform zum 1. August beschlossen.
Wichtiges Etappenziel erreicht
Gültig werden sollen die von den Kultusministern als „unstrittig“ bezeichneten Teile der Reform wie die Groß- und Kleinschreibung und die Laut-Buchstabenzuordnung, obwohl der Rat für deutsche Rechtschreibung bereits weitere Änderungen in diesen Bereichen angekündigt hat.
In einer Erklärung der KMK zum Inkrafttreten der Reform heißt es, nun sei ein wichtiges Etappenziel erreicht. „Es bringt keinen Zugewinn, wenn der große Teil der Reform, der unstrittig ist, später in Kraft tritt“, sagte die Präsidentin der KMK, Brandenburgs Wissenschaftsministerin Wanka (CDU). Deutschland müsse an seine Abmachungen mit den übrigen deutschsprachigen Ländern denken.
Schulbuchverbände spielen erhebliche Rolle
Ausgenommen sind die Teile der Reform, die der Rat überarbeitet. Das sind die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Worttrennung am Zeilenende und die Zeichensetzung. Weder die Beschlüsse der KMK noch der Ministerpräsidentenkonferenz haben rechtliche Bindungswirkung, nicht einmal für die Mitglieder dieser Gremien.
Eine erhebliche Rolle sollen bei der Entscheidung der Kultusministerkonferenz die Schulbuchverbände gespielt haben. Dies gilt schon für die Einführung der Reform 1996. Sie geht zurück auf eine Vereinbarung mit Österreich, der Schweiz und anderen Ländern, die jedoch keine völkerrechtlich bindende Wirkung hat. Vielmehr handelt es sich nur um eine Absichtserklärung.
Schon 1996 hatte der niedersächsische Kultusminister Wernstedt (SPD) als KMK-Präsident gesagt. „Der von der KMK beschlossene Zeitplan ist im Einvernehmen mit den Schulbuchverlagen erarbeitet worden.“ Seit Beginn gilt Hessens Kultusministerium als Stütze der Schulbuchverleger. So sicherte der hessische Ministerpräsident Koch (CDU) den Verlagen ausdrücklich seine Unterstützung zu.
Wirtschaftliche Erfolge der Reform?
Allerdings hat der frühere Besitzer des Verlags Moritz Diesterweg Herbst dieser Zeitung mit deutlicher Kritik an der Verbandsführung gesagt: „Wenn die Schulbuchverlage sich allesamt der Rechtschreibreform verweigert hätten, wäre es durchaus möglich gewesen, die Reform in einem früheren Stadium zu Fall zu bringen.“
Während der Verband der Schulbuchverlage den Ministern und der Öffentlichkeit mit zweistelligen Milliardenbeträgen für die Einführung der Reform drohten, verwiesen einzelne Schulbuchverleger auf die wirtschaftlichen Erfolge der Reform und meinten, weitere Änderungen steigerten den Absatz. Wieviel die Reform wirklich gekostet hat, läßt der VdS im Ungewissen. Darüber gibt es bisher keine glaubhaften Berechnungen, nur Vermutungen.
Zustimmung sinkt
Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) appellierte an den Rat für deutsche Rechtschreibung, den Reformgegnern gegenüber standfest zu bleiben. „Die jungen Menschen und ihre Lehrer wünschen sich dringend ein Ende des Rechtschreib-Kulturkampfes“, hieß es in einer Erklärung.
Mit Blick auf Bayern und Nordrhein-Westfalen sieht die GEW eine „bedenkliche Entwicklung und ein düsteres Kapitel des Föderalismus“. Es werde immer dringender, über eine Bundeskompetenz in wichtigen bildungspolitischen Fragen nachzudenken.
Unterdessen ist die Zustimmung in der Bevölkerung weiter gesunken. Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach lehnen 61 Prozent der Bevölkerung die Reform ab, nur acht Prozent befürworten sie. 51 Prozent sehen auch keine Veranlassung, sich die neuen Regeln zu eigen zu machen. 41 Prozent wenden sie schon an und sechs Prozent wollen es künftig tun. Im vergangenen Jahr hatten sich noch 13 Prozent zustimmend und 49 Prozent ablehnend zur Rechtschreibreform geäußert.
F.A.Z. bleibt bei bewährter Rechtschreibung
Während die Schulen und Verwaltungen in 14 deutschen Ländern und in ganz Österreich vom 1. August an nach den neuen Regeln korrigieren und schreiben, sollen sie in den Schweizer Verwaltungen noch nicht gelten, in den Schulen allerdings schon. Zwar hatte die Erziehungsdirektion in Bern um eine Aussetzung gebeten, setzte sich aber mit ihrem Ansinnen nicht durch.
Angesichts der öffentlichen Ablehnung und weiterer zu erwartender Änderungen hat sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung entschlossen, auch nach dem 1. August bei ihrer bisherigen Schreibweise zu bleiben und die Arbeit des Rates für deutsche Rechtschreibung abzuwarten. Die Erfahrung mit sinnentstellenden Schreibweisen und der Einebnung inhaltlicher Feinheiten hatte die F.A.Z. bewogen, am 1. August 2000 zur früheren Schreibweise zurückzukehren.
Unverständlich
Franz-Gerhard Zeus (fgzeus)
- 07.08.2005, 15:38 Uhr
Rechtschreibung oder Sprachmanipulation
TILMAN KLUGE (TILMAN_KLUGE)
- 08.08.2005, 21:19 Uhr