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Rechtschreibung Kompromiß gesucht

13.08.2004 ·  Obwohl sich viele Politiker, Schriftsteller und Verlage für die bewährte Rechtschreibung aussprechen, ist eine politische Mehrheit für eine vollständige Rücknahme der Rechtschreibreform nicht in Sicht.

Von Stephan Löwenstein
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Kultur ist Ländersache, daher fällt auch die Rechtschreibung in die Kompetenz der Länder. Genauer: Die Entscheidung, welche Schreibung in den Behörden gebraucht und an den Schulen gelehrt wird, obliegt den Landesregierungen. Vor allem wegen des Schulunterrichts liegt es auf der Hand, daß eine sinnvolle Regelung nur gemeinsam unter den Ländern gefunden werden kann. Daher sind die entscheidenden Gremien die Konferenz der Ministerpräsidenten und die Kultusministerkonferenz. Beide treffen Entscheidungen nur im Konsens.

Anfang Juli hat der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) auf Antrag von Christian Wulff (CDU) aus Niedersachsen das Thema auf die Tagesordnung für das nächste Treffen der Regierungschefs vom 6. bis zum 8. Oktober gesetzt. Stoiber sitzt derzeit der Ministerpräsidentenkonferenz vor, im Oktober geht der Vorsitz turnusgemäß an den Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) über, der dann auch Gastgeber und Leiter des Treffens sein wird. Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) wird sich dann, eine Woche später, mit der Sache noch einmal befassen. Auf Antrag des saarländischen Kultusministers Jürgen Schreier hat die derzeitige Vorsitzende der KMK, die rheinland-pfälzische Ministerin Doris Ahnen, die Tagesordnung entsprechend ergänzt. Doch wurde in ihrem Haus zugleich deutlich gemacht, daß man das für überflüssig halte: Habe man sich nicht erst Anfang Juni einstimmig darauf geeinigt, die Reform vom 1. August 2005 an verbindlich zu machen? Und ein Vierteljahr später sollten die Kultusminister ebenso einstimmig das Gegenteil beschließen? Auch in der KMK geht der Vorsitz turnusgemäß weiter, das Treffen am 14. und 15. Oktober im saarländischen Orschloz wird Schreier leiten.

Ein Kompromißvorschlag

Wegen der gebotenen Einstimmigkeit hat der Vorsitz keine allzu große Bedeutung. Doch hat Schreier mit der Ankündigung eines Kompromißantrags zu erkennen gegeben, daß er das Treffen nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich leiten will. Sein Vorschlag, den er am Dienstag in der Saarbrücker Zeitung skizzierte, zielt darauf, die Übergangszeit für den Gebrauch bewährter wie reformierter Rechtschreibung auf unbestimmte Frist zu verlängern. "Ich will nur den Termin, an dem das Alte falsch und nur das Neue richtig wird, nicht wie ein Fallbeil greifen lassen."

Gleichzeitig solle der neue "Rat für Rechtschreibung" unverzüglich eingesetzt werden, um Veränderungen an der Reform vorzunehmen. Die KMK hatte am 4. Juni die Einsetzung dieses Rats beschlossen, der die Aufgaben der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung sowie der jeweiligen Beiräte übernehmen soll; sie will den Rat ohnehin "zügig einsetzen". Schreier sagte: "Ich möchte haben, daß es weiter so bleibt, wie es ist: Die neuen Regeln werden gelehrt, alte Schreibweisen werden aber nicht falsch. Sie werden in der Schule als alt gekennzeichnet, aber nicht als Fehler gewertet. Was dann kommt, ist ein Prozeß. Das ist organisch, das ist menschlich."

Schreier stellt klar, er wolle nicht zurück zur alten Rechtschreibung. Er setze auf den Wettbewerb einer konkurrierenden Rechtschreibung, bei der letztlich das Akzeptierte übrigbleibe. "Ebenso wie es falsch war, daß die neue Rechtschreibung administrativ verordnet wurde, wäre es jetzt auch falsch, die alte per Verordnung wieder einzuführen." Schreier gibt an, es gehe ihm darum zu vermeiden, daß viele Medien anders schrieben, als die Schüler es in der Schule lernten; das sei den Schülern nicht zuzumuten. Da allerdings zumindest der Spiegel-Verlag und die Axel Springer AG, jetzt auch der "Rheinische Merkur", angekündigt haben, in allen ihren Druck- und Internetprodukten wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung zur bewährten Rechtschreibung zurückzukehren, wäre dieses Ziel auch nach Schreiers Vorschlag nicht erreicht.

Nahezu allein auf weiter Flur

Der saarländische Kultusminister steht mit seinem Vorschlag in einem Gegensatz zu früheren Äußerungen seines Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU), der sich für eine Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung ausgesprochen hatte. Müller steht aber mit dieser Klarheit im Kreise der Ministerpräsidenten nahezu allein auf weiter Flur, offen zur Seite steht ihm nur Wulff. Sympathie für eine Rückkehr haben mehr oder weniger diskret auch Stoiber sowie der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) und der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) erkennen lassen. Doch wollen sie offenbar Rücksicht auf ihre Kultusminister nehmen. Die aber wollen von einer vollständigen Rücknahme der Reform nichts wissen. Es ist daher auch nicht zu erwarten, daß es eine Initiative aus den Reihen der Ministerpräsidenten gibt, die Sache den Kultusministern "aus der Hand zu nehmen". Eine Mehrheit für ein solches Vorgehen wäre nicht in Sicht, schon gar nicht die erforderliche Einstimmigkeit.

Es deutet daher vieles darauf hin, daß die Gegner der Rechtschreibreform im Kreise der Ministerpräsidenten auf dem Treffen im Oktober einen Kompromiß anstreben, wie ihn Schreier vorgeschlagen hat. Von seiten Böhmers verlautete am Donnerstag: "Trotz aller Fragwürdigkeit schafft bei der derzeitigen Beschlußlage eine Rücknahme so viele Probleme, daß die Verwirrung noch größer würde. Deshalb wäre es besser, über eine verlängerte Einführungsdauer und Veränderungen nachzudenken."

Der Kompromißbereitschaft förderlich könnte der Umstand sein, daß die Streitlinien nicht entlang den Parteilinien verlaufen. So sprechen sich gegen eine Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung seitens der CDU die Regierungschefs Milbradt, Althaus, von Beust und Koch aus. Koch gehörte zwar früher zu Kritikern der Reform, bekundet aber inzwischen die Auffassung, der Zug sei "abgefahren".

Von seiten der SPD findet sich allerdings kein Ministerpräsident, der sich klar gegen die Reform ausspricht. Nur einige Bundestagsabgeordnete haben hier Position bezogen, was aber nur atmosphärische Bedeutung hat. Parteipolitische Anti-Reflexe könnten allerdings die forschen Töne von Oppositionsführern von der CDU, denen Wahlen bevorstehen, hervorrufen. So hatte der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers angekündigt, die CDU werde nach einem Wahlsieg "dafür sorgen, daß man zu den bewährten Regeln zurückkehrt." Am Dienstag forderte, moderater, der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Christoph Böhr in der "Bild"-Zeitung, der Rechtschreibkommission, "die schon die letzte Rechtschreibreform verbockt hat, das Heft des Handelns aus der Hand" zu nehmen. Als einzige Partei hat sich die FDP mit den Stellungnahmen ihres Vorsitzenden Guido Westerwelle, ihres Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Gerhardt und ihrer Generalsekretärin Cornelia Pieper eindeutig gegen die Rechtschreibreform positioniert.

Das bedeutet allerdings nicht, daß sich in den Reihen der übrigen, auch der sozialdemokratischen Ministerpräsidenten ausschließlich begeisterte Anhänger der Reform, wie sie ist, befinden. Die Befürworter einer Revision sehen hier durchaus heimliche Verbündete. Es kommt ihnen daher darauf an, eine "Brücke" zu finden. Auch ist das Bestreben erkennbar, es den Kultusministern zu ermöglichen, ihr "Gesicht zu wahren". Daher spielt in den Überlegungen der "Rat für Rechtschreibung", dessen Einsetzung die Kultusminister selbst beschlossen hatten, eine zentrale Rolle.

Nur 3,4 Prozent

Wäre eine Rückkehr zur bewährten Schreibung für Grundschüler eine Katastrophe? Die folgende Aufstellung der betroffenen Wörter bezieht sich auf den Grundschullehrplan Bayern, 2000, 2. Auflage.

Der Grundwortschatz, der am Ende des vierten Schuljahrs von den Schülern verlangt wird, umfaßt 700 Wörter. Insgesamt finden sich darunter 24 Wörter (3,4 Prozent), die gemäß Rechtschreibreform anders als früher zu schreiben sind:

- 1 Wort unter der Rubrik "Häufig gebrauchte Wörter", - 4 Wörter im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 1 und 2, - 19 Wörter im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 3 und 4.

Es sind dies folgende Wörter (hier in neuer Schreibung):

in der Rubrik "Häufig gebrauchte Wörter": dass;

im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 1 und 2: isst muss Spagetti Stängel;

im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 3 und 4: biss bisschen floss Fluss frisst goss Kompass Kuss lässt misst nass nummerieren Nuss Pass riss schloss tausende vergisst wusste.

Von den 24 "Neuschreibungen" entfallen somit 20 auf die neue ss-Schreibung. (F.A.Z.)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2004, Nr. 187 / Seite 7
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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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