28.07.2004 · Die Diskussion um eine Rücknahme der Rechtschreibreform wird konkreter. Die Konferenz der Kultusminister (KMK) wird das Thema wieder auf die Tagesordnung setzen. Experten zweifeln daran, daß eine Rücknahme mehrere hundert Millionen Euro kosten würde.
Der saarländische Kultusminister Schreier (CDU) hat eine Revision des Beschlusses der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Rechtschreibreform vom Juni dieses Jahres gefordert.
In einem Brief an die Präsidentin der KMK, die rheinland-pfälzische Kultusministerin Ahnen (SPD), habe er beantragt, die Reform bei der nächsten Tagung im Oktober abermals zu behandeln und unverzüglich den Rat für die deutsche Rechtschreibung einzusetzen, der an die Stelle der Zwischenstaatlichen Kommission treten soll. Der Zeitraum bis zum 1. August 2005 dürfe nicht ungenutzt verstreichen, sagte Schreier der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und wies darauf hin, daß der Rat die Rechtschreibreform mit völlig offenem Ausgang betrachten müsse.
Schäfer: Rücknahme wäre „absurd“
Die Kultusminister könnten nicht unbeteiligt zusehen, wie die Rechtschreibreform von immer mehr Ministerpräsidenten und auch der Kulturstaatsministerin ernsthaft kritisiert werde, sagte Schreier. Die nordrhein-westfälische Schulministerin Schäfer (SPD) bezeichnete eine Rücknahme der Reform in einem Zeitungsgespräch als "absurd".
Es seien zwar nicht alle Erwartungen erfüllt worden, aber der Versuch, für den gesamten deutschsprachigen Raum einheitliche Regeln aufzustellen, sei sicher richtig gewesen. Die neue Rechtschreibung werde seit sechs Jahren praktiziert. Viele Bücher, alle Nachschlagewerke, alle Schulbücher, alle Rechtschreibprogramme in den Computern seien auf die neue Rechtschreibung umgestellt. Ein Widerruf würde einen gewaltigen ökonomischen Schaden anrichten. Auch Ministerpräsident Steinbrück (SPD) halte den Vorschlag seines Amtskollegen Wulff (CDU) aus Niedersachsen für völlig verfehlt.
Hohe Kosten?
„Die angeblichen Millionenkosten bei einer Rücknahme der Rechtschreibreform sind nichts als ein Schreckgespenst", heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege (VRS). Der Verband der Schulbuchverlage (VdS Bildungsmedien) hatte vor den Kosten einer Rücknahme der Rechtschreibreform gewarnt, die etwa 250 Millionen Euro betragen sollen.
Der VRS entgegnet, die Schulbuchverlage hätten offensichtlich angenommen, daß bei einer Rücknahme der Reform alle Schulbücher von einem Tag auf den anderen ausgetauscht werden müßten. Doch nichts spreche dagegen, einen großzügigen Übergangszeitraum zu schaffen. Als die Verlage ihre Schulbücher auf "neue" Rechtschreibung umgestellt hätten, sei es um völlig unerprobte Regelungen gegangen, was einen hohen Arbeitsaufwand erfordert habe.
Bei einer Rückumstellung auf das Bewährte gäbe es solche Erschwernisse nicht. In vielen Fällen dürften die Schulbuchtexte und Druckvorlagen früherer Auflagen noch in den Archiven der Verlage bereitliegen. Unabsehbare Kosten fielen allerdings bei einer Fortsetzung des Reformkurses an, da weitere Änderungen des Regelwerks und der Schreibweisen geplant seien.