21.02.2007 · Eine ballistische Rakete ist am leichtesten in der Startphase zu orten und abzuschießen. Am Ende ihres Fluges ist Schnelligkeit gefragt: Der Raketenabwehr bleiben nur 30 bis 60 Sekunden.
Die Bestandteile der amerikanischen Raketenabwehr lassen sich nach den drei Phasen unterteilen, die eine ballistische Rakete vom Abschuss bis zum Einschlag durchfliegt. Als ideal für einen Abschuss gilt die erste Phase, die sogenannte Startphase, die etwa drei bis fünf Minuten dauert und die Rakete in eine Höhe von etwa 500 Kilometern trägt. In dieser Phase hat sich der Sprengkopf (zum Beispiel eine Atombombe) noch nicht von der Rakete getrennt, so dass die Rakete auf einen Schlag mit der gesamten mitgeführten Munition zerstört werden kann; auch ist die Rakete hier noch relativ leicht zu orten.
Die Amerikaner entwickeln für diese Phase unter anderem einen luftgestützten Laser, der von einer Boeing 747-400 aus die Metallhülle einer gestarteten feindlichen Rakete so lange erhitzen soll, bis sie auseinanderbricht. Der Nachteil dieser Option besteht darin, dass nach dem Start einer Rakete nur sehr wenig Zeit zur Reaktion zur Verfügung steht und das Laser-Flugzeug in der Nähe des Startortes stationiert sein muss, etwa in einem Nachbarland.
Bodengestützt oder von Schiffen
In der zweiten Phase, der mittleren Flugphase, steht die längste Zeit zum Abschuss zur Verfügung. Nach dem Aufstieg, bei dem die Rakete die Erdanziehungskraft überwinden muss, geht sie in einen Gleitflug über, dessen Flugbahn leichter zu berechnen ist. Diese Phase kann bis zu 20 Minuten dauern. Da sich inzwischen der Sprengkopf von der ausgebrannten Rakete gelöst hat, muss die Sprengladung selbst zerstört werden, die zu dieser Zeit bereits außerhalb der Erdatmosphäre fliegen kann.
Die Amerikaner haben dazu zwei Verfahren vorgesehen. Das eine ist eine bodengestützte Abwehrrakete, die einen sogenannten Zerstörungskörper trägt („kill vehicle“), der auf die Flugbahn des feindlichen Sprengkörpers gebracht wird und diesen dann vernichtet. Das andere ist der Abschuss der feindlichen Rakete durch das bereits bewährte Aegis-System auf amerikanischen Schiffen, das eine Standardrakete der Marine benutzt; das Aegis-System kommt vor allem zum Abfangen von Kurz- und Mittelstreckenraketen in Frage.
Mit Gewehrkugeln auf Gewehrkugeln zielen
Der Abschuss in der mittleren Flugphase stand in den vergangenen Jahren im Mittelpunkt der amerikanischen Bemühungen. In Fort Greenly (Alaska) und auf dem Luftwaffenstützpunkt Vandenberg (Kalifornien) sind bisher 15 Abschussbatterien aufgestellt worden; auch die vorgesehenen Einrichtungen in Polen (Abwehrraketen) und der Tschechischen Republik (Radarstation) würden zu diesem System gehören.
Allerdings sind vor allem gegen diesen Teil der Raketenabwehr immer wieder technische Einwände erhoben worden. Der Abschuss eines feindlichen Sprengkörpers im All wurde als Versuch bezeichnet, eine Gewehrkugel mit einer Gewehrkugel zu treffen. Tatsächlich war nur ein Teil der Tests erfolgreich, die die Amerikaner vor Inbetriebnahme des Systems Ende 2004 unternahmen. Und als besonders großes Problem gelten sogenannte „Gegenmaßnahmen“ - Täuschkörper, die von den feindlichen Raketen freigesetzt werden, so dass der eigentliche Sprengkopf dem „kill vehicle“ entgeht.
Abschüsse noch in letzter Minute sind möglich
Die dritte Phase, die Endphase, ist die Zeitspanne, in der der Sprengkopf wieder in die Erdatmosphäre eintritt und sein Ziel trifft. Sie ist die kürzeste und dauert meist nur zwischen 30 und 60 Sekunden. Um auch hier, sozusagen in letzter Minute, noch eine Abfangmöglichkeit zu haben, entwickeln die Amerikaner verschiedene Abfangraketen, zum Teil in Zusammenarbeit mit anderen Ländern: So gibt es eine Kooperation mit Israel (Arrow-System) sowie mit Deutschland und Italien (Meads-System). In diese Kategorie gehört zudem die Patriot-Abwehrrakete, über die auch die Bundeswehr verfügt. Die meisten dieser Systeme sind vor allem zur Abwehr von Kurz- und Mittelstreckenraketen geeignet und vornehmlich für den Schutz von Truppen im Auslandseinsatz gedacht.
Ergänzt wird das System durch eine ganze Reihe von Sensoren, die den Abschuss und die Flugbahn feindlicher Raketen aufspüren sollen. Dabei handelt es sich um Satelliten sowie Radargeräte auf Schiffen und Bodenstationen. Einige davon sind im Ausland stationiert, wie etwa das große Frühwarnradar in Fylingdales in Großbritannien.