Home
http://www.faz.net/-gpf-72jjb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

RAF Bomben aus der Spaßgerilja

Vom Happening zum Terror - die RAF hat eine Vorgeschichte. Ihre Protagonisten stammten zum Teil aus der Künstlerszene. Die Idee, Gewalt anzuwenden, schwang jedoch von Anfang an mit. Parallelen zu den russischen Anarchisten, die jetzt so viel von sich reden machen.

© F.A.S.

Am 22. Mai 1967 steht in Brüssel das Kaufhaus „A l’Innovation“ in Flammen. Von dem Gebäude, das in einer Sonderausstellung amerikanische Waren gezeigt hat, bleiben nur Schutt und Trümmer übrig. Mehr als 300 Menschen kommen ums Leben. In Berlin reagiert die Kommune 1, die sich zu Jahresbeginn als politisch motivierte Wohngemeinschaft gegründet hat und sich als Avantgarde der linksradikalen Subkultur versteht, mit einem Flugblatt unter der Überschrift „Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“ Darin heißt es: „Unsere belgischen Freunde haben endlich den Dreh raus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam zu beteiligen: sie zünden ein Kaufhaus an, zweihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben, und Brüssel wird Hanoi.“ Und weiter: „Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht.“

Markus Wehner Folgen:

Fritz Teufel und Rainer Langhans, zwei Mitglieder der K1, wie die Polit-WG genannt wird, müssen wegen Anstiftung zur Brandstiftung vor Gericht. Doch Literaten und Gutachter sehen nicht in ihnen geistige Brandstifter, sondern kritisieren eher die kleinbürgerliche politische Justiz Deutschlands, die engagierte junge Leute wegen einer satirischen Aktion mit Haftstrafen bedrohe. Kurz nach dem Freispruch der Kommunarden im März 1968 schlagen Sympathisanten aus dem Umfeld der K1 vor, doch einmal Ernst mit den Kaufhausbränden zu machen.

Die Anfänge

Am 2. April 1968, kurz vor Ladenschluss, betreten vier junge Leute den Kaufhof und das benachbarte Kaufhaus Schneider in der Frankfurter Innenstadt. Sie deponieren in der Abteilung für Spielwaren und jener für Möbel Brandsätze mit Zeitschaltung. Kurz vor Mitternacht zünden sie. Der Schaden liegt bei mehr als zwei Millionen Mark, verletzt wird niemand. Die Brandstifter, bis dahin der Öffentlichkeit unbekannt, sind Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die zukünftigen Führer der „Rote Armee Fraktion“. Mit dabei ist auch Thorwald Proll, der Baader beim Straßentheater kennengelernt hatte. Und Horst Söhnlein, ein Bekannter Baaders aus der Münchner Künstlerszene, der das „action-theater“ geleitet hatte. Die Brandstifter werden im Herbst vor Gericht gestellt und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Daniel Cohn-Bendit, damals einer der Führer der antiautoritären Bewegung und heute grüner Europa-Abgeordneter, solidarisiert sich im Gerichtssaal mit Baader und Ensslin („Die gehören zu uns“). Später sagt er, ihre Aktion habe er „als Happening“ begriffen.

Insgesamt ist die linke Szene begeistert. Fritz Teufel, Anarcho-Clown und Liebling der Szene, sagt auf einer Konferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Anlehnung an Bert Brecht, es sei besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben. Zwar fällt auch das Wort Vietnam, aber vor allem gilt die Aktion als Schlag gegen Kapitalismus und Konsumterror. Das Feuilleton der „Zeit“ kritisiert das Strafgesetz, das das Eigentum mehr schütze als die Person. Und Otto Schily, Verteidiger der Angeklagten, sagt nach dem Urteil: „Heute habe ich die Brücken zur bürgerlichen Gesellschaft hinter mir abgebrochen.“

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Medien Springer und Pro Sieben gehen nicht zusammen

Auch der zweite Versuch ist gescheitert: Die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 und der Verlag Axel Springer schließen sich nicht zusammen. Das teilten beide Unternehmen am Mittwoch mit. Mehr

29.07.2015, 14:49 Uhr | Wirtschaft
Bombe verloren Irakische Bombe fällt unbeabsichtigt auf Bagdad

Dort, wo ein irakisches Kampfflugzeug versehentlich eine Bombe verloren hatte, versammelten sich am Montag Hunderte Menschen. Bei der Explosion im Osten der irakischen Hauptstadt Bagdad sollen mindestens fünf Menschen getötet worden sein, es gab mehrere Verletzte. Anwohner sprachen von noch mehr Todesopfern. Mehrere Häuser wurden bei dem Unfall zerstört. Mehr

06.07.2015, 15:27 Uhr | Gesellschaft
Israelis in Deutschland Was soll die israelische Begeisterung für Berlin?

Israelis in Berlin: Die deutsche Hauptstadt ist ein Magnet für jüdische Besucher, gerade auch aus Israel selbst. Daraus wird ein Mythos gemacht, der nichts mit der Realität zu tun hat. Ein Gastbeitrag. Mehr Von James Kirchick

29.07.2015, 14:29 Uhr | Feuilleton
Clowns am Limit Die Flying Frenchies bieten Extremsport der anderen Art

Eine Gruppe französischer Extremsportler kombiniert Extremsport, Musik, Akrobatik und Tanz und hält ihre Aktionen in Filmen fest. Im Mittelpunkt der Gruppe steht Tancrede Melet. Er und seine Freunde - Clowns, Seiltänzer, Akrobaten und Kletterer - lassen an allen möglichen Orten Unmögliches" entstehen. Mehr

15.05.2015, 15:25 Uhr | Sport
Soziale Systeme Freie Wissenschaftler sind verblüffungsfest

Wie Professoren in den Jahren nach 1968 mit der Randale der Studentenbewegung umgingen. Mehr Von André Kieserling

31.07.2015, 23:39 Uhr | Wissen

Veröffentlicht: 02.09.2012, 08:55 Uhr

In der Bananenrepublik

Von Reinhard Müller

Gut, dass viele sich jetzt daran erinnern, wie wichtig eine freie Presse für unser Gemeinwesen ist, und dafür kämpfen. Aber in einer Bananenrepublik ist dieser Kampf von vornherein vergebens. Mehr 7 117