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Prozess wegen Steuerhinterziehung Der Fall des Ulrich H.

Von diesem Montag an steht Uli Hoeneß in München vor Gericht. Seine Geschichte bietet viel Stoff für ein großes Drama der Gegenwart: Gier, Macht, Absturz. Die Richter werden sich aber nur mit einem recht schnöden Vorwurf beschäftigen - dem der Steuerhinterziehung.

© imago sportfotodienst Vergrößern „Ich war im Bademantel, und da stand die Staatsanwaltschaft vor der Tür. Da begann die Hölle für mich“: Hoeneß, 2009 bei einem Fotoshooting

In Strafprozessen verdichtet sich die Zeit. Mit dem Fall des Ulrich H., wie ihn die Justiz nennt, hätte sich im 19.Jahrhundert, der großen Zeit der Romanciers, ein zweiter balzacscher Kosmos schaffen lassen. Im filmbesessenen 20. Jahrhundert wäre aus dem Mann, der die „Zocker“ an den Börsen geißelte und gleichzeitig selbst hochspekulative Geschäfte über eine diskrete Schweizer Bank abwickelte, ein „Citizen Kane“ des Finanzkapitalismus geworden. Und in unserer Zeit, in der Serien wie „House of Cards“ die Alltagssoziologie ersetzen, dürfte Ulrich H., in welcher Verkleidung auch immer, ein langes mediales Leben beschieden sein, von Sendestaffel zu Sendestaffel.

Das Landgericht München II, vor dem sich Ulrich H. an diesem Montag verantworten muss, ist die Gegenwelt zu epischer Breite, wie es die Abkürzung des Namens des Angeklagten schon andeutet. Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern und Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern AG, ist in den Verlautbarungen des Gerichts Ulrich H. – Punkt. Ende. Aus. Für die Klärung des Vorwurfs der Steuerhinterziehung, der gegen Ulrich H. erhoben wird, sind vier Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil ist für Donnerstag vorgesehen – Punkt. Ende. Aus. Die Öffentlichkeit, die in den vergangenen Monaten nach jedem auch noch so kleinen Detail aus dem Leben des Uli Hoeneß gierte, wird sich mit Ulrich H. begnügen müssen – Punkt. Ende. Aus.

Der Justiz geht es nicht um gesellschaftlichen Schein, mit einem Uli Hoeneß, der einst laut posaunte, er sei „kein Besserwisser, sondern ein Bessermacher“. Ihr geht es nicht um Moral und Selbstinszenierung; öffentlich Wasser zu predigen und heimlich Wein zu trinken ist nicht verboten. Ihr geht es nicht um eine Sozialpsychologie der Gier, in der Uli Hoeneß den Idealtypus verkörpern könnte. Ihr geht es um die banale Pflicht eines jeden Bürgers, Einnahmen zu versteuern; ob er sie damit erzielt, dass er an einem deutschen Fließband schafft oder mit Hilfe einer Schweizer Bank an den Börsen zockt, kümmert die Justiz nicht.

Rechtsfindung als Rechenaufgabe

Für sie ist, wenn es um die Steuerhinterziehung geht, die Rechtsfindung eine Rechenaufgabe. Es wird im Saal 134 des Münchner Justizpalasts darum gehen, welche Beträge wann auf dem Konto 4028BEA bei der Schweizer Bank Vontobel verbucht wurden. Und wie in den Jahren 2003 bis 2009 die Salden ausfielen. Und inwieweit die Gewinne mit Verlusten verrechnet werden können, die Ulrich H., der auch noch als Wurstfabrikant tätig ist, möglicherweise in dieser Zeit erlitten hat. Genaue Zahlen kommen erst in der Verhandlung auf den Tisch; dann wird sich zeigen, ob unter dem großen Schlussstrich 3,5 Millionen Euro stehen, die Ulrich H. dem Fiskus vorenthalten haben soll – oder ob der hinterzogene Betrag geringer ausfällt.

In seinem Fall ist die Rechtsfindung eine doppelte Rechenaufgabe: Es geht auch darum, ob Ulrich H. – mit Unterstützung einiger Berater – richtig rechnete, als er im Januar vergangenen Jahres eine Selbstanzeige stellte. Was auf den ersten Blick in die dunkle Zeit der Inquisition deutet – der Delinquent muss sich selbst bezichtigen – ist eine juristische Anomalie: Üblicherweise kann ein Straftäter, der sich aus freien Stücken offenbart, mit Milde, aber nicht mit Straffreiheit rechnen. Anders ein Steuerhinterzieher: Er kann, wenn er sich vollständig und rechtzeitig offenbart, sprich bevor ihm die Steuerfahndung auf die Spur gekommen ist, darauf hoffen, von der schärfsten Sanktion, die der Staat verhängen kann, der Beschneidung der persönlichen Freiheit, verschont zu bleiben.

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