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Proteste in Angola Zé Du und seine Feinde

 ·  Angolas Wirtschaft wächst rasend schnell. Doch von dem Reichtum profitieren nur wenige. Deshalb wächst der Protest gegen das Regime von José Eduardo dos Santos - den dienstältesten Herrscher Afrikas.

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© privat Die Wut ist groß: Vor allem Jugendliche und Studenten protestieren gegen das Regime dos Santos.

Am Tag nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis demonstriert Dinísio Casimiro schon wieder. In einem Pulk marschiert der 28 Jahre alte Informatikstudent zum Platz der Unabhängigkeit im Zentrum Luandas, wo Angolas Staatsgründer Agostinho Neto von seinem Sockel grüßt. Rund um das Denkmal hat sich eine Hundertschaft Polizisten aufgebaut, in kugelsicheren Westen, auf Pferden und mit knurrenden Hunden. Casimiro und die anderen Demonstranten, mehrere hundert sind es, vielleicht auch tausend, kommen trotzdem immer näher. „Verhaftet Zé Du“, schreien sie. „32 ist zu viel - Zé, du Verbrecher, tritt zurück!“

Die Wut der Demonstranten richtet sich gegen den Nachfolger des Herrn auf dem Denkmal: José Eduardo dos Santos, nach den portugiesischen Koseformen seiner Vornamen Zé Du genannt, seit 32 Jahren Präsident der Republik Angola und seit dem Tod Gaddafis Afrikas dienstältester Herrscher. „Camarada presidente“ lässt sich dos Santos nennen, „Genosse Präsident“. Er dirigiert Angola wie einen Ölkonzern, und so steht der einstige Marxist auch in der Liste der reichsten Männer seines Kontinents weit oben.

Widerspruch aus dem Volk musste er in den vergangenen Jahren kaum fürchten. „Die Angolaner befanden sich in einem tiefen Schlaf“, sagt Dinísio Casimiro. „Sie dachten, es sei normal, dass Kinder sterben, es sei normal, dass sie kein Wasser und keinen Strom haben, es sei normal, dass überall Korruption herrscht. Die Regierung hat die Menschen manipuliert - aber jetzt wachen wir auf.“

Zehn Jahre nach Ende des Bürgerkriegs ist Angola eines der widersprüchlichsten Länder Afrikas. Die Wirtschaft wächst seit Jahren rasend schnell. Rund zwei Millionen Fass Öl fördert Angola jeden Tag vor seiner Küste und liefert sich so mit Nigeria ein Kopf-an-Kopf-Rennen als größter afrikanischer Produzent. Anders als Nigeria, das immer wieder von Anschlägen und gewalttätigen Zusammenstößen erschüttert wird, ist es in Angola seit dem Ende des Bürgerkrieges recht friedlich. Außerdem verfügt das Land neben dem Öl über große Vorkommen an Diamanten, Phosphat, Mangan, Kupfer und anderen begehrten Rohstoffen.

Als Abnehmer stehen aufstrebende Wirtschaftsnationen Schlange: Südkorea, Südafrika, Brasilien und allen voran China. Mit Milliardenkrediten hat sich Peking das Wohlwollen der angolanischen Regierung gesichert. Das Geld aus den Krediten wird in ein gewaltiges Aufbauprogramm investiert, für das vor allem chinesische Unternehmen engagiert werden. Im ganzen Land bauen chinesische Arbeiter Straßen, Eisenbahnlinien, Bahnhöfe, Flughäfen und Schulen. Die größte Baustelle in Angola aber ist Luanda. In der Hauptstadt werden Wolkenkratzer hochgezogen, Hotels, Bürogebäude und Wohnhäuser.

Wie viele Menschen in Luanda leben, weiß niemand genau, sechs bis acht Millionen sollen es sein und damit etwa ein Drittel aller Angolaner. Die Stadt, die einst für 500 000 Menschen geplant war, platzt aus allen Nähten. Immer neue Trabantenstädte werden in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft: „Dorf der Träume“, „Echtes Paradies“ und „Rosengarten“ heißen einige der Neubaugebiete im Süden von Luanda. Angolas Oberschicht lebt dort, Beamte, Militärs, Parteifunktionäre und leitende Angestellte von Banken, Bauunternehmen und Ölfirmen. Die Wohnblocks haben Meerblick, die Einfamilienhäuser stehen in Reih und Glied, mit Vorgärten, Sprinkleranlagen, Kinderspielplätzen und Stellplätzen für wuchtige Geländewagen.

Doch im Süden Luandas leben auch Menschen wie Cecilia Lara, die mit drei Kindern und zwei Enkeln in einer Hütte wohnt, die zusammengenagelt ist aus Sperrholz, Blech- und Plastikplatten. Tagsüber heizt die Sonne die stickige Luft in der Baracke so auf, dass es drinnen nur die Stechmücken aushalten, nachts zieht der Wind vom Meer direkt durch die beiden Betten der Familie. Gleich hinter der Hütte ist ein ausgetrocknetes Bachbett voller Müll. Es ist die Grenze zwischen dem Elendsviertel „Cambamba“ und dem Neubauviertel „Neues Leben“.

Dort, sagt Lara und zeigt hinüber zu den Vorstadthäuschen, dort habe einst auch ihr Haus gestanden. Groß sei es nicht gewesen, sagt sie, ein Raum nur, aber einer aus Ziegeln, die tagsüber kühlten und nachts wärmten. Außerdem hatte sie 1500 neue Ziegel für einen Anbau gekauft. Die lagen schon bereit an jenem Tag, als die Bulldozer kamen. Ihr und etwa 400 weiteren Familien wurde mitgeteilt, der Grund gehöre dem Staat und werde für neue Sozialwohnungen benötigt. Wer sich weigerte, sein Haus zu verlassen, wurde festgenommen, dann wurde das ganze Viertel plattgewalzt. Nicht einmal ihre Töpfe habe sie retten können, erzählt Cecilia Lara, nicht den Gasofen, nicht den Tisch, nicht die Betten. Mehrere Monate hätten sie danach auf dem sandigen Boden geschlafen.

Als Entschädigung bekam Cecilia Lara 3000 Kwanza, etwa 22 Euro, dazu das Versprechen, bald in ein neues Haus ziehen zu dürfen. Dieses Versprechen ist nun schon sieben Jahre alt. Nur einmal kamen in dieser Zeit Politiker der Regierungspartei MPLA vorbei: Kurz vor der Parlamentswahl im Jahr 2008 organisierten sie ein Fest für die Bewohner von „Cambamba“. Außerdem ließen sie einen 5000-Liter-Wassertank aufstellen - der nach dem Wahlsieg der MPLA nie mehr befüllt wurde. Und so müssen Cecilia Lara und ihre Töchter jeden Tag eineinhalb Kilometer gehen, um für umgerechnet 50 Cent ihre Wassereimer auffüllen zu lassen. Oder sie bestechen die Wachleute der Siedlung „Neues Leben“ hinter dem vermüllten Bachbett. Dort gibt es fließend Wasser und Strom, und sogar eine schöne, neue Schule. Die Kinder aus „Cambamba“ aber müssen draußen bleiben.

Und so geht der Aufschwung Angolas an einem Großteil der Bevölkerung vorbei. Das Bildungsniveau ist niedrig, denn während der fast 30 Jahre Bürgerkrieg ging kaum jemand zur Schule - und heute, da neue Schulen gebaut werden, fehlt es überall an Lehrern. Trotz der Ölmilliarden leben noch immer 54 Prozent der rund 20 Millionen Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Sie müssen mit weniger als einem Euro am Tag auskommen. An den Kreuzungen in Luanda und in den endlosen Staus auf den Ausfallstraßen drängen sich Menschen, die Billigwaren aus China, Obst und Gemüse, Wasserflaschen und Rattengift verkaufen, um wenigstens ein paar Kwanza zu verdienen.

„Die Umverteilung funktioniert noch nicht so, wie sie sollte“, sagt Arlindo Barbeitos, Historiker und Schriftsteller, einer der führenden Intellektuellen Angolas. Er war gemeinsam mit dem Präsidenten auf dem Gymnasium, hat in Frankfurt bei Habermas und Adorno studiert und ist Mitglied der MPLA. „In Angola muss man aber immer - und leider - den Bürgerkrieg im Hinterkopf haben. Dieser Krieg hat unserem Land schwer geschadet, auch moralisch.“ Stabilität und Frieden, sagt Barbeitos, seien im Augenblick das Wichtigste für sein Land, wichtiger noch als Demokratie. „Für eine Demokratie nach westlichem Vorbild müssen erst die Voraussetzungen geschaffen werden: mehr Reichtum, mehr Erziehung, mehr Gesundheit und eine bessere Verteilung der Einkommen.“

Solange die alten Eliten an der Macht sind, sagt David Mendes, wird sich in Angola nicht viel ändern. „Das größte Problem ist die Korruption“, sagt der Menschenrechtsanwalt und Oppositionspolitiker. Im Herbst zeigte Mendes deshalb den Präsidenten und einige von dessen engsten Vertrauten an. Grund: Sie sollen mehr als 800 Millionen Dollar aus der Staatskasse unterschlagen haben. Die Nummern der Bankkonten in Genf und in Luxemburg veröffentlichte Mendes im Internet.

Die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft sind in Angola so fließend und undurchsichtig wie Rohöl. Eine der größten Unternehmerinnen ist Isabel dos Santos. Der ältesten Tochter des Präsidenten gehören Banken, Mobilfunkunternehmen und ein Fernsehsender, dazu Investmentgesellschaften, die mit vielen Millionen Euro an Unternehmen in Portugal beteiligt sind. Die Präsidentenfamilie, Minister, Parteifunktionäre und Staatsbeamte mischen in Angola in allen Branchen mit. Die Diamantenminen im Nordosten gehören Armeegenerälen.

Per Verfassungsänderung hat dos Santos vergangenes Jahr das Amt des Premierministers abschaffen lassen und gleich auch noch die Präsidentenwahlen. In Zukunft wird der Anführer jener Partei automatisch zum Staatspräsidenten, die bei der Parlamentswahl die meisten Stimmen erhält. Und dass das die übermächtige MPLA sein wird, daran gab es bislang kaum Zweifel. Die Opposition um die Unita, die Partei der früheren Rebellen, ist zerstritten. Faktisch ist Angola ein Einparteistaat. Die Amtszeit des Präsidenten soll künftig fünf Jahre betragen, zweimal darf er wiedergewählt werden. Und weil dos Santos allem Anschein nach zur Wahl im kommenden Jahr antreten will, könnte der 69 Jahre alte Herrscher noch lange regieren.

Dinísio Casimiro hat sich zum Ziel gesetzt, das zu verhindern. Als im Frühjahr, inspiriert von den Umstürzen im Norden Afrikas, im Internet die ersten anonymen Aufrufe zu Protesten gegen dos Santos auftauchten, begann Casimiro zusammen mit einigen Freunden, Flugblätter und Plakate zu drucken. Er arbeitete damals als Systemadministrator in einem Dienstleistungsunternehmen für Computer und verdiente umgerechnet bis zu 1500 Euro im Monat. Nebenbei studierte er an einer amerikanischen Fernuniversität Informatik. Der Sohn einer alleinerziehenden Straßenhändlerin hatte es geschafft, sich aus der Armut hochzuarbeiten. Trotzdem wollte sich Casimiro nicht mit der Ungerechtigkeit, mit dem miserablen Bildungssystem und mit den ewigen Stromausfällen abfinden. Als Rapper mit dem Künstlernamen „Carbono“ schrieb er sozialkritische Texte - und wollte endlich auch handeln.

Zur ersten Kundgebung am „Platz der Unabhängigkeit“ kamen gerade einmal 20 Demonstranten, 17 von ihnen wurden vorübergehend verhaftet. Seine Anstellung als Systemadministrator verlor Casimiro, weil der wichtigste Kunde seines Arbeitgebers der Sohn eines MPLA-Funktionärs war. Immer wieder erhielt Casimiro Drohungen, auch über Verwandte, die für den Staat arbeiten: Was er da mache, sei sehr gefährlich, er solle bitte aufhören. Unbekannte feuerten einen Schuss auf seine Wohnung ab. Ein Kommunalpolitiker lud Casimiro und weitere Organisatoren zu einem Gespräch und bot ihnen seine „Hilfe“ an: Er legte mehrere tausend Dollar auf den Tisch, dazu acht Autoschlüssel - als Belohnung, falls sie die nächste Demonstration absagen würden.

Doch die Gruppe um Casimiro wuchs weiter. Als im September mehrere hundert Menschen auf den Unabhängigkeitsplatz kamen, gab es Tumulte. Einige seiner Freunde seien von Männern in Zivil mit Holzlatten attackiert worden, sagt Casimiro. Dann griffen auch die uniformierten Polizisten ein, es gab ein Handgemenge - und viele verhaftete Demonstranten. Mehrere Tage lang wurde Casimiro auf verschiedenen Polizeistationen eingesperrt, ohne Kontakt nach außen. Er und andere Demonstranten wurden zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie Polizisten angegriffen hätten.

„Der angolanische Staat wird mit einer neuen Realität konfrontiert: der Macht der Straße“, sagt Anwalt Mendes, der die Demonstranten vor Gericht verteidigte. „Wir haben demokratische Gesetze, aber diktatorische Institutionen. Und die verteidigen sich, indem sie Angst verbreiten.“ Trotzdem, sagt Mendes, sei er sich sicher, dass es für Angola kein Zurück mehr gebe. Auch die MPLA sei in einer Krise, auch in der Regierungspartei gebe es Unzufriedene. „Die Jungen werden das Land verändern, und zwar zum Positiven hin.“

Nach der Verurteilung der Demonstranten versammelten sich in Luanda immer wieder Hunderte auf den Straßen, auch um die Freilassung ihrer Kameraden zu fordern. Anwalt Mendes ging in Revision, und der Oberste Gerichtshof hob das Urteil auf. Casimiro und die anderen durften nach 43 Tagen das Gefängnis verlassen. Schon am nächsten Nachmittag stand Casimiro am „Platz der Unabhängigkeit“ wieder ganz vorne im Gedränge, in einem knallorangefarbenen T-Shirt und mit buntgestreifter Kappe, Auge in Auge mit den Polizisten - und demonstriert seither immer wieder. „Angst habe ich keine“, sagt er. „Ich bin Optimist, deshalb kämpfe ich.“
 

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Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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