http://www.faz.net/-gpf-6zu1j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2012, 20:54 Uhr

Proteste in Angola Zé Du und seine Feinde

Angolas Wirtschaft wächst rasend schnell. Doch von dem Reichtum profitieren nur wenige. Deshalb wächst der Protest gegen das Regime von José Eduardo dos Santos - den dienstältesten Herrscher Afrikas.

von , Luanda
© privat Die Wut ist groß: Vor allem Jugendliche und Studenten protestieren gegen das Regime dos Santos.

Am Tag nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis demonstriert Dinísio Casimiro schon wieder. In einem Pulk marschiert der 28 Jahre alte Informatikstudent zum Platz der Unabhängigkeit im Zentrum Luandas, wo Angolas Staatsgründer Agostinho Neto von seinem Sockel grüßt. Rund um das Denkmal hat sich eine Hundertschaft Polizisten aufgebaut, in kugelsicheren Westen, auf Pferden und mit knurrenden Hunden. Casimiro und die anderen Demonstranten, mehrere hundert sind es, vielleicht auch tausend, kommen trotzdem immer näher. „Verhaftet Zé Du“, schreien sie. „32 ist zu viel - Zé, du Verbrecher, tritt zurück!“

David Klaubert Folgen:

Die Wut der Demonstranten richtet sich gegen den Nachfolger des Herrn auf dem Denkmal: José Eduardo dos Santos, nach den portugiesischen Koseformen seiner Vornamen Zé Du genannt, seit 32 Jahren Präsident der Republik Angola und seit dem Tod Gaddafis Afrikas dienstältester Herrscher. „Camarada presidente“ lässt sich dos Santos nennen, „Genosse Präsident“. Er dirigiert Angola wie einen Ölkonzern, und so steht der einstige Marxist auch in der Liste der reichsten Männer seines Kontinents weit oben.

Widerspruch aus dem Volk musste er in den vergangenen Jahren kaum fürchten. „Die Angolaner befanden sich in einem tiefen Schlaf“, sagt Dinísio Casimiro. „Sie dachten, es sei normal, dass Kinder sterben, es sei normal, dass sie kein Wasser und keinen Strom haben, es sei normal, dass überall Korruption herrscht. Die Regierung hat die Menschen manipuliert - aber jetzt wachen wir auf.“

Mehr zum Thema

Zehn Jahre nach Ende des Bürgerkriegs ist Angola eines der widersprüchlichsten Länder Afrikas. Die Wirtschaft wächst seit Jahren rasend schnell. Rund zwei Millionen Fass Öl fördert Angola jeden Tag vor seiner Küste und liefert sich so mit Nigeria ein Kopf-an-Kopf-Rennen als größter afrikanischer Produzent. Anders als Nigeria, das immer wieder von Anschlägen und gewalttätigen Zusammenstößen erschüttert wird, ist es in Angola seit dem Ende des Bürgerkrieges recht friedlich. Außerdem verfügt das Land neben dem Öl über große Vorkommen an Diamanten, Phosphat, Mangan, Kupfer und anderen begehrten Rohstoffen.

Als Abnehmer stehen aufstrebende Wirtschaftsnationen Schlange: Südkorea, Südafrika, Brasilien und allen voran China. Mit Milliardenkrediten hat sich Peking das Wohlwollen der angolanischen Regierung gesichert. Das Geld aus den Krediten wird in ein gewaltiges Aufbauprogramm investiert, für das vor allem chinesische Unternehmen engagiert werden. Im ganzen Land bauen chinesische Arbeiter Straßen, Eisenbahnlinien, Bahnhöfe, Flughäfen und Schulen. Die größte Baustelle in Angola aber ist Luanda. In der Hauptstadt werden Wolkenkratzer hochgezogen, Hotels, Bürogebäude und Wohnhäuser.

Karte / Angola © F.A.Z. Vergrößern Angola ist gut dreimal so groß wie Deutschland.

Wie viele Menschen in Luanda leben, weiß niemand genau, sechs bis acht Millionen sollen es sein und damit etwa ein Drittel aller Angolaner. Die Stadt, die einst für 500 000 Menschen geplant war, platzt aus allen Nähten. Immer neue Trabantenstädte werden in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft: „Dorf der Träume“, „Echtes Paradies“ und „Rosengarten“ heißen einige der Neubaugebiete im Süden von Luanda. Angolas Oberschicht lebt dort, Beamte, Militärs, Parteifunktionäre und leitende Angestellte von Banken, Bauunternehmen und Ölfirmen. Die Wohnblocks haben Meerblick, die Einfamilienhäuser stehen in Reih und Glied, mit Vorgärten, Sprinkleranlagen, Kinderspielplätzen und Stellplätzen für wuchtige Geländewagen.

Doch im Süden Luandas leben auch Menschen wie Cecilia Lara, die mit drei Kindern und zwei Enkeln in einer Hütte wohnt, die zusammengenagelt ist aus Sperrholz, Blech- und Plastikplatten. Tagsüber heizt die Sonne die stickige Luft in der Baracke so auf, dass es drinnen nur die Stechmücken aushalten, nachts zieht der Wind vom Meer direkt durch die beiden Betten der Familie. Gleich hinter der Hütte ist ein ausgetrocknetes Bachbett voller Müll. Es ist die Grenze zwischen dem Elendsviertel „Cambamba“ und dem Neubauviertel „Neues Leben“.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TTIP Jetzt oder nie

In Hannover demonstrierten am Samstag Tausende TTIP-Gegner gegen das geplante Freihandelsabkommen. Kurz bevor Amerikas Präsident zu Besuch kommt. Die Demonstranten fürchten eine Blitzeinigung zwischen Obama und Merkel. Mehr Von Hendrik Kafsack und Maximilian Weingartner

23.04.2016, 12:12 Uhr | Wirtschaft
Spanien Moderne Architektur im Pinienwald

Die Casa Levene des Architekten Eduardo Arroyo gehört zu den am meisten gelobten architektonischen Entwürfen Spaniens der vergangenen Jahre. Das Haus scheint durch die umgebenden Bäume hindurch zu wachsen. Mehr

01.05.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Hannover Messe Arbeitnehmer profitieren am meisten von TTIP

Unterhändler versuchen auf der Hannover Messe, alle Bedenken gegen den Freihandel zu entkräften. TTIP soll ein bahnbrechendes Abkommen mit großer Vorbildfunktion werden. Mehr Von Georg Giersberg, Hannover

25.04.2016, 18:13 Uhr | Wirtschaft
Video Polizei entdeckt eingesperrte und verwahrloste Frau

Bei der Zwangsräumung einer Wohnung in Rosenheim haben Polizisten eine verwahrloste junge Frau gefunden, die offenbar lange eingesperrt gewesen war – möglicherweise mehrere Jahre. Es handelt sich dabei wohl um die 26 Jahre alte Tochter der Wohnungsinhaberin. Die dürfte geistig behindert sein, sagte ein Polizeisprecher. Mehr

20.04.2016, 08:27 Uhr | Gesellschaft
Islamische Verfassung Türkische Polizei setzt Tränengas gegen Demonstranten ein

Die Empörung über den türkischen Parlamentspräsidenten ist groß. Er will den Islam zur Staatsreligion machen und den Laizismus aus der Verfassung kehren. Polizisten vertreiben Demonstranten, die das nicht wollen, mit Tränengas. Mehr Von Rainer Hermann

26.04.2016, 13:02 Uhr | Politik
Vorwahlen in Amerika

Mutter Europa

Von Daniel Deckers

Sollte der diesjährige Karlspreis wie bisher einer Persönlichkeit gegolten haben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht hat, so ist Papst Franziskus definitiv die falsche Wahl. Mehr 3 23