06.02.2006 · Mit Verspätung führt der Streit über die Mohammed-Karikaturen in der islamischen Welt zu drastischen Protesten. Doch in einer weltlichen Zivilgesellschaft darf es keine Denktabus geben, Grenzen setzt nur der Ton. FAZ.NET-Spezial.
Von Wolfgang Günter LerchAls vor Jahren der britische Autor Salman Rushdie seinen Roman „Die Satanischen Verse“ publizierte, erregte dies zunächst kaum Aufsehen. Erst als man dem damaligen iranischen Revolutionsführer Chomeini von diesem „blasphemischen Werk“ berichtete, erließ dieser seine Todesfatwa, in deren bedrohlichem Schatten der Schriftsteller jahrelang leben mußte.
Zeichnungen des Propheten Mohammed aus dem vergangenen Herbst erregten in Dänemark ein Grummeln unter Muslimen, doch zu aggressiven, panislamischen Protesten und Drohungen gegen diese „Herabwürdigung“ kommt es erst jetzt. Hat diesmal Saudi-Arabien die Hand im Spiel, das seit dem „11. September“ im Westen häufig an den Pranger gestellt worden ist? Will es jetzt dadurch, daß es die Muslime aufrüttelt und vor aller Augen skandinavische Waren boykottiert, den so kritischen Westen in Schwierigkeiten bringen?
Die Europäer müssen standhaft bleiben
Unter dem Eindruck der Terrorismusdrohung sind manche jetzt offenbar leichter als zu Zeiten Rushdies geneigt, sich rasch zu entschuldigen und damit den Prinzipien der (auch satirischen) Meinungsäußerungsfreiheit und der Autonomie der Kunst Schaden zuzufügen. Ganz verheerend wäre es, wenn unter dem Vorwand der „politischen Korrektheit“ so etwas entworfen würde wie eine spezielle Schutzpflicht gegenüber den oder einzelnen Religionen: „de religionibus nihil nisi bene“. Sie würde - über die Religion hinaus - das Ende eines wirklich kritischen Nachdenkens gerade über all jene Fragen bedeuten, welche die Menschheit seit alters am meisten bewegen.
In Bagdad haben Demonstranten die dänische Nationalflagge verbrannt - aus Protest gegen die Karikierung des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung. Muslime fordern den Papst auf, sich einzuschalten.
In einer weltlichen Zivilgesellschaft darf es, etwa für die Philosophie, keine Denktabus geben; Grenzen setzt der Ton, der auch hier die Musik macht; auch gibt es Gerichte, die man im Zweifel anrufen kann. Bedrohen darf man niemanden.
Die islamische Welt hat, im Unterschied zu den Europäern, die Grundlagen ihrer Kultur niemals im Sinne einer Fundamentalkritik durchforstet. Dies ist, zugegeben, ein schwieriger Prozeß, der vor Zweifel und Skepsis nicht zurückschrecken darf, allerdings auch befreiend wirken kann - für Gläubige wie Nichtgläubige. Schon seit vielen Jahren flüchten kritische Muslime nach Europa, um hier frei von Bedrohung forschen, denken oder dichten zu können. Auch um ihretwillen müssen die Europäer in dieser wichtigen Angelegenheit standhaft bleiben.