01.08.2010 · Man hätte es den Stuttgartern nicht zugetraut, aber inzwischen geht es auf ihren Demonstrationen gegen das Milliardenprojekt „Stuttgart 21“ zu wie in der Hamburger Hafenstraße. Verbissen kämpfen sie um ihren alten Bahnhof. Ein Blick auf Deutschlands größte Baustelle.
Von Lena Bopp und Edo ReentsAuf der 36. Montagsdemonstration gibt es die ersten Verhaftungen. Das ist bemerkenswert für eine Stadt, von der es bis vor kurzem noch hieß: Wenn hier demonstriert wird, dann geht es aber nicht so zu wie in Kreuzberg oder in der Hamburger Hafenstraße. Und wenn man das hörte, dann wusste man nicht so recht, ob die Leute dabei stolz waren auf ihr ziviles Benehmen oder ob sie sich nicht doch auch ein wenig schämten dafür, dass sie es am letzten Einsatzwillen fehlen ließen, weil es ihnen hier, in dieser Stadt, alles in allem doch sehr gut gehe.
Diese Stadt ist Stuttgart. Hier, am Hauptbahnhof, wird seit dem vergangenen Herbst jeden Montag um 18 Uhr demonstriert. „Montagsdemonstrationen“ - ist das nicht ein bisschen übertrieben, wo es doch, anders als damals in der Leipziger Nikolaikirche und dann bald auch anderswo, nicht um Freiheit und Demokratie geht? Irgendwie geht es aber doch darum. Mehrere tausend Menschen versammeln sich jede Woche am Nordflügel, um gegen das Projekt „Stuttgart 21“ anzureden, anzuschreien, anzusingen, anzupfeifen.
Sie wollen nicht, dass die beiden Seitenflügel des von Paul Bonatz in den zwanziger Jahren gebauten, denkmalgeschützten Bahnhofs abgerissen werden; dass die jetzt von Norden aus einlaufenden Gleise um neunzig Grad gedreht werden und dann von Westen nach Osten verlaufen; dass der Kopfbahnhof sich in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof verwandelt; und dass im mittleren Schlossgarten 283 sehr alte Bäume gefällt werden.
Geteilte Stadt
Dies alles zu bewerkstelligen kostet Zeit, Geld und Nerven; es zu verhindern kostet vor allem Nerven. Die 36. Montagsdemonstration war in dieser Hinsicht ein Höhe- oder auch, je nachdem, Tiefpunkt einer Auseinandersetzung, die nicht nur auf Grund ihrer nun erreichten Betriebstemperatur etwas Neues darstellt in der Stadt und diese, quer durch alle Milieus und bisweilen sogar durch die Familien hindurch, regelrecht spaltet. Unlängst schrieb die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer in der „Stuttgarter Zeitung“: „Deutschland hat demnächst mit Stuttgart wieder eine geteilte Stadt.“
Die Befürworter sagen das Gegenteil: Stuttgart sei jetzt noch und schon seit Jahrzehnten geteilt, weil das aus siebzehn Gleisen bestehende Areal nördlich vom Bahnhof, das fünfgleisig durch ein Nadelöhr aus der Stadt herausführt, die Stadt gleichsam in zwei Hälften teile und dies auch noch durch eine hohe Betonmauer östlich der Gleise dokumentiere.
Man könnte also sagen: Die Mauer muss weg. Das fordern beispielsweise der CDU-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und der Projektsprecher Wolfgang Drexler, der - und dies ist ein in seiner taktischen Gerissenheit selbst von den Stuttgart 21-Gegnern nicht geleugneter Coup des Oberbürgermeisters - sich als Landtagsabgeordneter der SPD dazu hat breitschlagen lassen, den mit wenig Entscheidungsspielraum verbundenen und obendrein auch noch ehrenamtlichen Sprecherposten zu übernehmen. Drexler, den die Gegner sehr einmütig als Mann fürs Grobe bezeichnen, ist also ein klassischer Blitzableiter, auf den einiges niedergeht.
Wenn man ihn aufsucht in seinem Sprecherbüro im sechsten Stock, übrigens mit direktem Blick auf die Montagsdemonstranten, dann beantwortet er, nachdem er vielleicht alle fünf Minuten aufgestanden ist, um Unterlagen herzuholen oder aus dem Fenster zu sehen, die Frage, ob er denn noch schlafen könne, zwar mit einem energischen „Natürlich! Denn ich glaube an unser Endprodukt“; aber dass er Morddrohungen erhält, trifft leider auch zu: „Ich lese Ihnen jetzt nur mal die letzte vor.“ Drexler kramt einen Zettel aus dem Jackett, auf dem er als „einfaches Opfer“ bezeichnet wird, das man nicht zu den anderen hohen Tieren zählen wolle, das man aber, im Gegensatz zu den hohen Tieren, auf der Straße ganz leicht erledigen könne und irgendwann womöglich auch werde. „Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.“
„Ein populistischer Schachzug von Rezzo Schlauch“
Wörtlich sagt dies auch der Oberbürgermeister, der einen freitagmorgens auf eine gute Stunde in seinem naturgemäß etwas größeren Büro im Rathaus empfängt. Wolfgang Schuster, der sich 1996 bei den Kommunalwahlen gegen den Grünen Rezzo Schlauch durchsetzte und genauso aussieht wie der Literaturkritiker Hubert Winkels, macht einen bedächtigen, allerdings auch angespannt-müden Eindruck. Auf Schlauch ist er nicht gut zu sprechen. Der habe damals im Wahlkampf, als Stuttgart 21 schon ein Thema war, gestänkert, wo er nur konnte, und so getan, als könnten Mittel der Bahn und des Bundes auch für Stuttgarter Aufgaben wie den Bau von Kindergärten verwendet werden. „Und das glauben die Leute bis heute!“ Das Geld könne man aber gar nicht sinnvoller anlegen, weil es nämlich nur zu einem kleinen Teil von der Stadt komme. „Das war ein populistischer Schachzug von Rezzo Schlauch. Aber wenn Stuttgart 21 nicht kommt, dann haben wir gar nichts.“
4,1 Milliarden Euro kostet Stuttgart 21 nach bisheriger Planung. Davon zahlen die Deutsche Bahn 1,47 Milliarden, der Bund 1,23 Milliarden, das Land Baden-Württemberg 0,82 Milliarden, die Stadt 0,24 Milliarden; den Rest besorgen der Flughafen und die Region Stuttgart. Hinzu kommen allerdings noch die anfangs auf zwei, in dieser Woche auf fast drei Milliarden taxierten Euro für die Neubaustrecke von Wendlingen (südöstlich von Stuttgart) nach Ulm über die Schwäbische Alb. Ohne diese Strecke wäre das ganze Projekt sinnlos, weil sonst die neu zu bauenden Tunnels ins Leere liefen und auch das Argument der Zeitersparnis hinfällig würde: Von Stuttgart nach Ulm wird man statt 54 nur noch 28 Minuten brauchen, vom Hauptbahnhof zum Flughafen statt 27 Minuten acht und nach München eine halbe Stunde weniger.
Und das soll Milliarden kosten? Uwe Stuckenbrock, der Leiter des Stuttgarter Stadtplanungsamtes, regt sich darüber auf, dass selbst in den „Tagesthemen“ so zuspitzend gefragt wurde: „Das kann man so nicht machen.“ Allerdings machen laufend Gutachten die Runde, aus denen noch ganz andere Beträge hervorgehen. Das Münchner Büro Vieregg und Rössler beispielsweise kommt allein für Stuttgart 21 auf 6,7 bis 8,7 Milliarden Euro, die meisten Gegner rechnen mit Summen im zweistelligen Milliardenbereich. Die Frage ist also: Was kostet die Zukunft?
Stuttgart 21 soll die Stadt nicht nur an die Achse Paris-Wien-Bratislava-Budapest anbinden, sondern auch ans einundzwanzigste Jahrhundert. Es wäre das ehrgeizigste, komplizierteste und teuerste Bauvorhaben im ganzen Land. Die Gegner aber wollen, wie schon ihren T-Shirts zu entnehmen ist, noch nicht einmal nach Ulm fahren, geschweige denn nach Budapest, und bezeichnen das Ganze als Werk einer „Maultaschen-Connection“. Als es Mitte der neunziger Jahre beschlossen wurde, war Heinz Dürr Bahnchef, Matthias Wissmann Verkehrsminister, Erwin Teufel Ministerpräsident und Manfred Rommel Oberbürgermeister - alles Schwaben natürlich. Die Befürworter sagen: Die Gegner wollen nicht einsehen, dass es um die Zukunft geht.
Ist das Projekt unumkehrbar?
Diese sieht, sofern sie den Modellen schon zu entnehmen ist, ausgesprochen futuristisch aus, fast wie in einem Spielberg-Film. Das markanteste Zeichen werden die Bullaugen sein, die, bis zu viereinhalb Meter hoch und nachts von innen magisch leuchtend, das gewölbte Betonschalendach des neuen Bahnhofs durchsetzen. Gegner sprechen abfällig von „Pickeln“ und fürchten, dass das Glas schnell abgestoßen und stumpf aussehen wird. Andere loben sie als „Markstein in der Stuttgarter Ingenieurstradition“. OB Schuster ist ohnehin der Meinung: „All das, worauf Stuttgart heute stolz ist, wurde gegen massiven Widerstand durchgesetzt“ - zum Beispiel die Weißenhofsiedlung; aber selbst der Bonatz-Bahnhof, an dem heute alle so hängen, und dies auch erst ganz neuerdings, sei damals nicht auf Begeisterung gestoßen.
Als innovativ gilt der neue, bereits preisgekrönte Bahnhof ohnehin. Das bei Düsseldorf ansässige Büro Ingenhoven, Overdiek und Partner hat mit Unterstützung von Frei Otto, der das Münchner Olympiastadion mitgebaut hat, ein Belüftungssystem entwickelt, das die Temperaturen in dem unterirdischen Bahnhofsgelände von selbst regulieren soll. Und für die 283 Bäume im mittleren Schlossgarten entsteht weiter nördlich auf einem Teil des Geländes, auf dem heute noch Gleise liegen, Ersatz. Dort wird der Schlossgarten verbreitert und bildet dann einen Grünstreifen, der von der Innenstadt bis zum Rosensteinschloss am Neckar reicht.
Nach Lage der Dinge ist das alles gar nicht mehr zu verhindern. „Rechtlich ist Stuttgart 21 unumkehrbar“, sagt Uwe Stuckenbrock. Es ging durch alle demokratischen Gremien, und die Gegner haben bisher sämtliche gerichtlichen Auseinandersetzungen verloren. Auch der Bonatz-Enkel Paul Dübbers unterlag kürzlich bei seiner Urheberrechtsklage, weil das Stuttgarter Landgericht der Auffassung war, der Bahnhof sei Eigentum des Deutschen Bahn, die den verkehrstechnischen Interessen der Allgemeinheit mehr Rechnung zu tragen habe als dem ästhetischen Empfinden eines Architekten. Vermutlich im Oktober geht Dübers vors Oberlandesgericht.
Aber dann ist es zu spät. In diesen Tagen soll, so hat es der Projektsprecher Wolfgang Drexler angekündigt, mit den Vorbereitungen für den Abriss der Flügel begonnen werden, die dann schon Mitte August fallen könnten. Vermutlich liegen deswegen die Nerven nun blank. OB Schuster weiß jedenfalls gar nicht, was die Gegner überhaupt wollen. In Stuttgart stünden, einzigartig für eine deutsche Großstadt, fast vierzig Prozent der Gemarkungen unter Natur- und Landschaftsschutz, die Stadt habe 700.000 Bäume, nach Abholzung der 283 würden fünftausend neu gepflanzt - alles unter CDU-Regime: „Stuttgart ist nicht wegen der Grünen grün.“ Man möge doch einfach „die Kirche im Dorf lassen“. Es gehe vor allem darum, den Verkehr von der Autobahn und aus der Luft auf die Schienen zu verlagern, und dafür müsse zweierlei her: Schnelligkeit und Effizienz.
Dafür gäbe es überall ein Bürgerbegehren
Nicht nur im Rathaus fragt man sich, wie etwa die Grünen dazu kommen, gegen ein Schienenprojekt Stimmung zu machen. Aber in der Partei verweist man darauf, dass unter all ihren Bahnfahrern die meisten gegen Stuttgart 21 sind. Ob die Grünen nun in einem Selbstwiderspruch stecken oder nicht - sie haben enormen Zulauf und prägen die Stadtpolitik stärker denn je. Niemand, mit dem man in Stuttgart spricht, gibt Schuster, dem Nachfolger des legendären Wüstenfuchs-Sohnes Manfred Rommel, noch eine Chance für die im Frühjahr 2012 anstehenden OB-Wahlen, sofern er überhaupt noch einmal antritt. Stuttgart 21 hat dafür gesorgt, dass Bürger, die in komfortabelster Mittelhanglage wohnen und ihr Leben lang konservativ gewählt haben, sich nun anders orientieren, so dass die Grünen im Gemeinderat die stärkste Fraktion sind. Und in einer anderen schwäbischen Stadt steht, worauf die Stuttgarter kräftig spekulieren, auch schon ein junger, grüner Oberbürgermeister namens Boris Palmer bereit, der müsste hier eigentlich nur noch kandidieren. Schuster nennt ihn nur „unseren Freund aus Tübingen“.
Wen man auch fragt - es herrscht Einigkeit darüber, dass das alles, wie so oft, „zu wenig kommuniziert“ wurde. Das leugnet man auch im Rathaus und im Sprecherbüro nicht, und viele sehen darin sogar den Hauptgrund dafür, dass es jetzt, wo doch alles längst entschieden scheint, überhaupt noch Proteste gibt. Eine Bürgerabstimmung, die OB Schuster vor seiner Wiederwahl vor Jahren versprochen hatte, hat es nie gegeben. Hannelore Schlaffer, die seit fünfunddreißig Jahren in Stuttgart wohnt, räumt ein, dass dies „alles rechtens“ sei und eine gewählte Stadtregierung „das Recht zu handeln“ habe. Peter Conradi, Stuttgarter SPD-Urgestein, ehemaliger Präsident der Bundesarchitektenkammer und besonnener Gegner, moniert die unkommunikative „Hau-drauf-Methode“ von Stadtverwaltung, Bahn sowie Landesregierung und äußert sich besorgt über das „vergiftete Klima“ in der Stadt.
Der Zürcher Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr, der sich viel mit der Dynamik von Massenbewegungen beschäftigt hat, verweist auf das Schweizer Vorbild: „Bei so etwas gäbe es hier in jeder Stadt ein Bürgerbegehren. Man ist gezwungen zu diskutieren.“ Andererseits: Das Projekt ist seit fünfzehn Jahren bekannt, und man kann nicht sagen, dass darüber nie gesprochen wurde. Im Protestmilieu wird es dem Oberbürgermeister nun aber sehr verübelt, dass er aus einer einmaligen Niederbrüllattacke während einer Rede die Nutzanwendung gezogen hat, sich öffentlich kaum noch zu dieser Sache zu äußern, obwohl er quasi Mutlangen-gestählt ist: Als in den achtziger Jahren gegen die Pershing-II-Raketen demonstriert wurde, war er, noch keine vierzig, Oberbürgermeister im nahen Schwäbisch Gmünd.
Technikfeindliches Milieu in der Stadt der Ingenieure
Eine andere Frage ist, ob der Protest nicht vielleicht eine einheitlichere Stoßrichtung vertragen könnte. Es gibt mehr als ein halbes Dutzend Organisationen, die sich in der Schnittfläche aus Basisdemokratie, Ökologie und Ökonomie treffen, aber recht unterschiedliche Akzente setzen. Den Grünen ist das alles zu teuer und zu unökologisch; die Linken nehmen Stuttgart 21 auch zum Anlass, ihr kapitalismuskritisches Mütchen zu kühlen und montags gleichzeitig gegen Hartz IV zu Felde zu ziehen; die Fahrgastinitiative Pro Bahn hat vor allem technisch-logistische, gleichsam bahninterne Bedenken und moniert, dass der Tiefbahnhof mit seinen unterschiedlichen Ebenen für eine alternde Gesellschaft zu viele Hindernisse berge; der Verkehrsclub Deutschland rät, die schon aufgewendeten Planungskosten von 260 Millionen Euro zu verschmerzen und das Ganze doch noch bleiben zu lassen; die Initiative „Leben in Stuttgart - Kein Stuttgart 21“ und die „Parkschützer“ machen Front gegen die ihrer Ansicht nach in jeder Hinsicht unsensiblen beiden Großparteien; und das parteifreie Bündnis SÖS (“Stuttgart Ökologisch Sozial“) behauptet: „Wir sind Menschen, denen nicht egal ist, was in und mit Stuttgart geschieht.“
So ist Stuttgart 21, ähnlich wie die Agenda 2010, eine Metapher für eine Fortschrittlichkeit geworden, bei der für viele die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Das vereinigt ein Milieu, das normalerweise nicht zusammenfindet und dessen Militanz bisweilen frappiert. Auf der 35. Montagsdemonstration geschah Folgendes. Man unterhielt sich ohne Hintergedanken mit einem bekannten Architekturkritiker, der schon wegen seines Schlipses und Kragens misstrauische Blicke auf sich zog, darüber, dass die „Stuttgarter Zeitung“ minimale Bahnverspätungen aufbauscht, um gegen Stuttgart 21 Stimmung zu machen - sofort wurde man von einem Herrn von vielleicht sechzig Jahren in Bermuda-Hosen und Ringelpulli äußerst giftig angezischt: „Das stimmt nicht!!! Sind Sie Profiteur?“ Auf die Bitte, sich zu mäßigen, zischte er weiter: „Ich mäßige mich nicht, wir sind hier freie Bürger!“ und bat seine Frau, von den vermeintlichen Profiteuren für alle Fälle schon mal Fotos zu machen.
Man mag es einen Widerspruch nennen, dass die Stadt der Ingenieure gegen etwas ist, was Ingenieure entworfen haben. „Ich wundere mich schon, dass es gerade hier, in der Stadt der Technikfreundlichkeit, diesen Widerstand gibt“, sagt Drexler. Aber auch wenn die „Schwäbische Zeitung“ gerade eine Umfrage veröffentlichte, der zufolge nur noch acht Prozent der Stuttgarter für das Projekt sind - man wird durchaus fündig: Rudolf Weeber, ein neunundzwanzig Jahre alter, blinder Physik-Doktorand, hat sich mit Hilfe von Zeichnungen mit Prägedruck mühsam ein Bild von der Sache gemacht und ist mit Wolfgang Drexler sogar das Gelände abgeschritten. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass Stuttgart dieser neue Bahnhof nur guttun würde, und hat, als die Verwaltung noch darüber nachdachte, ob man überhaupt einen Informationsstand einrichten solle, die Seite „Stuttgart21-ja-bitte.de“ online gestellt, auf der sich jeder kundig machen kann.
Die Alternative K21
Im Turm des Bonatz-Bahnhofs gibt es auf mehreren, von der Sommerhitze immer noch unerträglich aufgeheizten Stockwerken eine schöne Ausstellung. Aber selbst das rührend getreue Minitrix-Modell, das die Ebenen des neuen Bahnhofs mit allen Schikanen veranschaulicht, wird wohl nur die überzeugen, die ohnehin überzeugt sind. Vom Turmdach hat man dann einen fabelhaften Überblick über das Ganze: Der Blick schweift über das Europaviertel im Westen, das riesige Gleisfeld, das die Stadt der Bahn für 460 Millionen Euro abgekauft hat und auf dem ein ganz neues Viertel entstehen soll, Richtung Norden bis hin zum Rosensteinschloss und über den Schlosspark im Osten.
So entsteht ein Gefühl für die Dimensionen dessen, was kommen soll: das Rosensteinquartier für die gehobeneren Kreise im Norden, von dem aus seine Bewohner bis in die Neckar-Ebene sehen können; dazu das noch namenlose Viertel dort, wo heute die Gleise in den Bahnhof einlaufen. Wie es dort genau aussehen wird, steht noch gar nicht fest. Aber eventuelle Sorgen vor einer geteilten Stadt sind berücksichtigt. Das Viertel wird von breiten Straßen durchzogen sein, die Sichtachsen bilden; wer also von Westen nach Osten läuft, hat immer die Wipfel der Bäume des Schlossgartens im Blick.
Und all das wollen die Stuttgarter nicht? Es fällt jedenfalls auf, dass sich nicht nur auf den Montagsdemonstrationen, wo das Durchschnittsalter mutmaßlich um die sechzig liegt, etwas bemerkbar macht, was die Befürworter von Stuttgart 21 hinter vorgehaltener Hand den „Egoismus der Alten“ nennen, die ihre gemütliche schwäbsche Eisenbahn einfach behalten wollen. Projektsprecher Drexler findet es aber nicht zum Lachen, wenn ihm ältere Leute ins Gesicht sagen: „Wissen Sie, Herr Drexler, für mich langt der Bahnhof noch.“
Gilt das auch für die Kinder, die von ihren Eltern auf die Montagsdemonstration mitgenommen werden? OB Schuster gibt sich fest davon überzeugt, dass man sich im Falle eines Scheiterns von Stuttgart 21 vor der nächsten Generation zu verantworten habe. Doch auch die Gegner sagen voraus, dass man sich eines Tages zu verantworten haben werde - wenn nämlich der Bahnhof einstürze (wie das Archiv in Köln) oder die Mineralwasservorkommen in Mitleidenschaft gezogen würden.
Was wäre die Alternative? Die Initiative K21 (für Kopfbahnhof), die mit ihrem allenthalben sichtbaren Logo auf T-Shirts, Buttons und Leinenbeuteln das Stadtbild nun doch sehr prägt, will, als der kleinste gemeinsame Nenner aller Gegner, den Bonatz-Bau restaurieren und den Gleisbereich aufmöbeln. Aber sie käme mit 3,7 Milliarden Euro auch nicht eben billig. Was die gerade errechnete zusätzliche Milliarde für die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm betrifft, von der die Gegner hoffen, sie werde das Ganze noch kippen, so demonstrierte Bahnchef Rüdiger Grube dieser Tage Gelassenheit, ließ allerdings durchblicken, womöglich werde man sich mit einer abgespeckten Version des neuen Bahnhofs zufriedengeben müssen. Der Architekt Christoph Ingenhoven soll sie am 23. August präsentieren.
„O-ben blei-ben!“
Vieles ist also (wieder) im Fluss, aber die Lage nun doch etwas eskaliert. Auf der 35. Montagsdemonstration brachte der Regisseur Volker Lösch mit einem kurz zuvor an geheimem Ort einstudierten „Bürgerchor“ Parolen des blutrünstigen französischen Revolutionärs Jean-Paul Marat (1743 bis 1793) zu Gehör - das mochte selbstgerecht und verstiegen wirken, aber noch dem entsprechen, was man sich unter einem „phantasievollen Protest“ vorstellt, den vor allem die Kulturschaffenden unter den Stuttgart-21-Gegnern immer wieder beanspruchen. Ansonsten entsprach die Lage noch halbwegs dem Sommerwetter.
Düsterer wurde es auf der 36. Montagsdemonstration. Gangolf Stocker von „Leben in Stuttgart“ und einer der absolut tonangebenden Gegner hatte die Leute entsprechend eingeschworen und dafür gesorgt, dass sie bei strömendem Regen ihre Parole „O-ben blei-ben!“ (bezogen auf den Bahnhof, aber wohl auch auf die Köpfe) noch lauter als sonst skandierten. Als man sich noch fragte, was denn die Polizei, die sich bisher immer im Hintergrund gehalten hatte, mitten in der Menge zu suchen habe, da sah man auch schon Transparente aus den Fenstern des Nordflügels hängen. Auf dem Vordach in ungefähr dreieinhalb Metern Höhe tauchten plötzlich acht, vielleicht auch zehn Personen auf, Nachschub rückte über Leitern nach - also doch Kreuzberg, Hafenstraße. Die Demonstranten hatten jedenfalls nicht zu viel versprochen: Der Bahnhof war besetzt.
Fünfundfünfzig Personen, die mehrere Stunden in Polizeigewahrsam verbrachten, sind nun wegen Hausfriedensbruchs angezeigt, unter ihnen - und das kam im Rathaus selbst bei den Grünen nicht gut an - der dreißigjährige SÖS-Stadtrat Hannes Roggenbauch, einer der mächtigsten Einheizer der Montagsdemonstrationen. Verletzt wurde niemand. Doch die Demonstranten scheinen fest entschlossen, sich den Bahnhofsflügeln und später den Bäumen als menschliche Schutzschilder zur Verfügung zu stellen. Und was wird Wolfgang Drexler dann machen? „Das ist die Entscheidung der Polizei.“ Er aber, so lässt er durchblicken, würde wohl jeden Einzelnen wegtragen lassen. Man muss jetzt mit allem rechnen.
Stuttgart 21: Eine Chronik
1988: Der Verkehrswissenschaftler Gerhard Heimerl präsentiert die Idee für einen Durchgangsbahnhof.
1994: Das Projekt Stuttgart 21 wird vom damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, Bahn-Chef Heinz Dürr, Verkehrsminister Matthias Wissmann und Oberbürgermeister Manfred Rommel vorgestellt.
1997: Das Büro Ingenhoven, Overdiek und Partner gewinnt den Architektenwettbewerb.
1999: Der neue Bahn-Chef Johannes Ludewig verhängt einen Planungsstopp, den sein Nachfolger Hartmut Mehdorn wiederaufhebt.
2001: Deutsche Bahn, Bund, das Land Baden-Württemberg, die Stadt und die Region Stuttgart verständigen sich auf die Vorfinanzierung.
2005: Die Baugenehmigung für den Tiefbahnhof wird erteilt. Klagen der
Gegner scheitern vor Gericht.
2009: Die Finanzierungsverträge werden unterschrieben.
2010: Nach neuen Berechnungen steigen die Gesamtkosten auf sieben Milliarden Euro.